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Unentdeckte Infektionen Wie hoch ist die Corona-Dunkelziffer?

Die Zahl der mit dem neuartigen Coronavirus Infizierten steigt ständig. Vermutet wird, dass viele gar nicht mitbekommen, dass sie infiziert sind und es deshalb eine hohe Dunkelziffer gibt. Ist das so? Und muss man das genau wissen?

Das Coronavirus breitet sich extrem schnell weltweit aus. Genaue Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland bereits infiziert sind, lassen sich kaum nennen. Behördlich bekannt sind über 10.000 Fälle. Allgemein wird vermutet, dass es bei den Infektionszahlen eine erhebliche Dunkelziffer gibt.

Der Virologe Henrik Streek sagte bei RTL: "Es ist sehr schwer zu sagen, wie hoch die Zahl derer ist, die bisher nicht wissen, dass sie infiziert sind." Seine persönliche Einschätzung ist aber, dass die Zahl gar nicht so groß sei. "Es gibt eine Dunkelziffer wie bei jeder Infektionskrankheit", stellt der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, klar. Auch das RKI hält sie jedoch nicht für besonders groß. Wieler begründet die Annahme damit, dass hierzulande bereits sehr früh getestet wurde.

Die genaue Zahl ist aus verschiedenen Gründen nur schwer zu erfassen. Das hat vor allem damit zu tun, dass zu dem Virus bisher nur wenig belastbares Material für statistische Hochrechnungen existiert. Außerdem spielen sehr viele regional zum Teil sehr unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Dazu gehört zum Beispiel die Tatsache, dass der Erstausbruch in China mit dem dortigen Neujahrsfest und einer sehr starken Reisedichte zusammenfiel. Die jetzt betroffenen Länder reagieren zudem schon auf der Grundlage der gesammelten Erfahrungen.

Zahlreiche Faktoren

Hinzu kommen Probleme, die Zahl der tatsächlich Infizierten zu erfassen, um dann auf eine mögliche Dunkelziffer zu schließen. Zum einen liegen zwischen der Ansteckung mit dem Virus Sars-CoV-2 und dem Ausbruch der Krankheit Covid-19 meist einige Tage. Wegen der oft nicht ganz eindeutigen Symptome ist ein Ausbruch der Krankheit nicht unbedingt für jeden Laien erkennbar. Außerdem wird in Deutschland nach den Vorgaben des RKI getestet, die nur Menschen umfassen, die Kontakt mit positiv Getesteten hatten oder eindeutige Symptome haben.

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Das dient vor allem dazu, die Kapazitäten für Labortests nicht zu überlasten, die deutschlandweit derzeit bei mehr als 160.000 wöchentlich liegen. Das kann aber dazu führen, dass Infektionen, die zu keinem oder lediglich zu einem leichten Krankheitsverlauf führen, nicht erfasst werden.

Trotzdem gibt es Versuche, die Dunkelziffer mitzudenken. So soll unter anderem die Planung medizinischer Kapazitäten begleitet werden. Die jetzige Berechnung geht von den aktuellen Todeszahlen aus, weil diese Zahlen weltweit relativ genau erfasst werden. Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) hat vorgerechnet, dass den Daten aus China zufolge die Hälfte der tödlich erkrankten Patienten in einem Zeitraum von 14 Tagen nach den ersten Symptomen stirbt. Wenn man von einer Sterblichkeit von etwa einem Prozent der Covid-19-Patienten ausgeht, kommen auf jeden Todesfall etwa 100 Krankheitsausbrüche, die dann aber schon 14 Tage zurückliegen. Daraus ergibt sich eine recht große Spanne der möglichen aktuellen Fallzahlen.

Infektionsforscher geben auch zu bedenken, dass es möglicherweise gar nicht so wichtig ist, die genaue Zahl der Infizierten zu kennen. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung sagte der SZ, dass es viel wichtiger ist, "eine Vorstellung von der Dynamik der Ausbreitung zu haben." Genauso sieht es auch das RKI. Dabei geht es vor allem um die Durchseuchung. Noch steckt ein Infizierter bis zu drei andere Menschen an.

Daraus entsteht ein exponentieller Anstieg der Infiziertenzahlen. Wenn aber immer mehr Menschen bereits infiziert waren und damit auch Antikörper gebildet haben, müsste sich diese Entwicklung verlangsamen und irgendwann sogar zum Stillstand kommen. Das ist der Zustand, der als Durchseuchung angestrebt wird. Eine neue, allerdings noch nicht begutachtete Analyse von Hong Konger Epidemiologen legt jetzt den Schluss nahe, dass die tatsächlichen Zahlen der Infizierten deutlich höher sind als bisher angenommen. Das hieße im Umkehrschluss aber auch, dass deutlich weniger Menschen an dem Virus sterben als bisher angenommen.

Quelle: ntv.de