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Zweifel an der Statistik Sterben wirklich alle Corona-Opfer am Virus?

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Die derzeitige Krisensituation macht systematische Obduktionen der Corona-Toten schwierig.

(Foto: dpa)

Mehr als 1000 Todesfälle in Deutschland werden einer Corona-Infektion zugeordnet. Doch lässt sich die Todesursache wirklich immer eindeutig auf das Virus zurückführen? Einige Wissenschaftler haben Zweifel. Bis jedoch Klarheit darüber herrscht, könnte es noch dauern.

Die Zahl der als Corona-Opfer gezählten Todesfälle in Deutschland hat mittlerweile die 1000 überschritten. Am Montag erklärte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, das Durchschnittsalter der Gestorbenen läge bei 80 Jahren - in etwa die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland. Nicht nur deshalb kommt mittlerweile immer öfter die Frage auf: Ist wirklich jeder Tote, bei dem zuvor das Virus entdeckt wurde, auch daran gestorben?

Virologe Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn, der in dem stark von Corona-Fällen betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen Untersuchungen durchgeführt hatte, äußerte in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Zweifel: "In Heinsberg etwa ist ein 78 Jahre alter Mann mit Vorerkrankungen an Herzversagen gestorben, und das ohne eine Lungenbeteiligung durch Sars-2. Da er infiziert war, taucht er natürlich in der Covid-19-Statistik auf. Die Frage ist aber, ob er nicht sowieso gestorben wäre, auch ohne Sars-2."

Auch bei einer früheren Untersuchung der ersten 104 Corona-Todesfälle in Italien war herausgekommen, dass mehr als zwei Drittel von ihnen an mindestens zwei Vorerkrankungen gelitten hatten. Etliche von ihnen waren also vor ihrer Infektion schon schwer erkrankt und hatten ein geschwächtes Immunsystem.

Der Medizinstatistik-Experte Gerd Antes beleuchtet ein entscheidendes Problem mit den bisherigen Zahlen: Es sei fraglich, ob alle vom RKI aufgeführten Corona-Toten eindeutig am Virus gestorben sind, sagte er dem "Spiegel": "Viele von denen, die jetzt am Coronavirus sterben, wären möglicherweise auch ohne das Virus gestorben, aber später." Es sei also gar nicht auseinander zu halten, so Antes, ob jemand direkt an dem Virus oder mit dem Virus gestorben sei. Um der Frage genauer auf den Grund zu gehen, müsse es mehr Obduktionen geben. Das Problem: Dies sei in der aktuellen Krisen-Lage wohl kaum umsetzbar.

Langfristigere Untersuchung nötig

Auch Infektiologe Gerd Fätkenheuer schließt nicht aus, dass auch Begleit- oder Vorerkrankungen die Todesursache bei einigen Corona-Toten gewesen sein könnten. Allerdings habe eine Studie aus Wuhan - bei der Experten die Krankendaten von 191 Patienten und Verstorbenen aus zwei Kliniken in Wuhan untersucht hatten - gezeigt: Die am häufigsten aufgeführten Begleiterkrankungen der in Wuhan Gestorbenen waren Bluthochdruck und Diabetes-Erkrankungen. Diese seien aber mehrheitlich nicht unmittelbar tödlich. Fätkenheuer folgert daraus: Die Todesursache der in der Studie aufgeführten Toten in Wuhan müsse in den meisten Fällen auf die durch die Krankheit ausgelöste Lungenentzündung zurückgeführt werden, die in der Regel ebenfalls aufgetreten sei.

Insgesamt plädieren viele Experten für einen genaueren Umgang mit den Todes-Statistiken zu Covid-19. Langfristig müsse Antes zufolge für eine angemessene Schätzung der Tödlichkeit des Coronavirus Sars-CoV-2 verglichen werden, wie viele Menschen normalerweise an Begleiterkrankungen versterben, die zurzeit nicht als Todesursachen der Corona-Patienten identifiziert werden: "Wir werden daher erst in ungefähr acht Monaten in der jährlichen Todesstatistik sehen, wie viele Menschen durch das Coronavirus in diesem Jahr zusätzlich gestorben sind."

Quelle: ntv.de, swa