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"Rave the Planet" am 9. Juli Berliner Techno-Parade erhält Frischzellenkur

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Sein Motto ist Liebe: Matthias Roeingh alias Dr. Motte.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vor gut 20 Jahren tanzen Techno-Fans aus aller Welt zum letzten Mal unter der Flagge der Loveparade über die Straße des 17. Juni. Danach verkauft Dr. Motte die Marke, seit 2010 ist sie ruiniert. Nun kehrt das Berliner Party-Urgestein mit einem neuen Techno-Umzug und hohen Zielen zurück.

Matthias Roeingh alias Dr. Motte gilt als Gründervater der legendären Loveparade, die 1989 auf dem Berliner Kurfürstendamm in kleinem Rahmen ihren Auftakt feierte und bald zu einem Massenphänomen wurde. Schon vor zwei Jahren kündigte der heute 61-Jährige eine neue Parade mit einer ähnlichen Idee wie damals an, doch dann kam auch ihm und "Rave the Planet" die Corona-Pandemie in die Quere. Anfang Juli soll es nun aber endlich so weit sein. Was die technobegeisterten Besucher an jenem Samstag erwartet, erklärten er und sein Team jetzt bei einer Pressekonferenz.

Als im Juli 2003 rund 500.000 Techno-Jünger zur Musik der Love-Floats über die Straße des 17. Juni tanzten, war das Ende der Loveparade bereits in Sicht. Die Finanzen stimmten spätestens ab dem Moment nicht mehr, in dem der international so angesehenen Open-Air-Party der Demonstrationsstatus aberkannt wurde. Die Müllbeseitigung war fortan Sache des Veranstalters und nicht länger ein Problem der Stadt Berlin. Zwei Jahre fiel die Loveparade daraufhin aus.

Tragische Entscheidung

Dann verkaufte die Loveparade Berlin GmbH die Marke - schweren Herzens - an Rainer Schaller, Inhaber der Fitnesskette McFit, der die Idee nach einem weiteren, eher mauen Jahr in Berlin in die Metropole Ruhr trug. Nach Paraden in Essen und Dortmund sowie einer viel belächelten Absage seitens der Stadt Bochum 2009 kam es im darauf folgenden Jahr in Duisburg schließlich zur Katastrophe. 21 Menschen starben bei einer Massenpanik - und mit ihnen die Idee der Loveparade.

Die für dieses Debakel verantwortlichen Personen kamen in einem geradezu lächerlichen Prozess weitgehend straffrei davon. Zurück blieben verzweifelte Angehörige, traurige Techno-Fans und eine brachliegende Marke, die natürlich niemand mehr anfassen möchte. Obwohl Dr. Motte und sein Team mit diesem Event rein gar nichts mehr zu tun hatten, brach es auch ihm damals das Herz. Sein Lebenswerk liegt seither am Boden, zerstört von der Gier, der Unvernunft und Verantwortungslosigkeit szenefremder Menschen aus Wirtschaft und Politik.

Alles zurück auf null

Doch Matthias Roeingh wäre nicht Dr. Motte, würde er nicht unermüdlich für die Technokultur weiterkämpfen und nun noch einmal bei null starten - mit der Expertise von rund 30 Jahren im Paraden-Business. Seit jeher geht es ihm darum, Menschen auf der ganzen Welt in ihrer Begeisterung für Techno friedvoll zu vereinen. In Zeiten wie diesen ein so hehres wie löbliches Ziel. Nur die Pandemie hielt ihn und sein Team, zu dem unter anderem Ehefrau Ellen Dosch-Roeingh und Jurist Timm Zeiss zählen, davon ab, ihre neue Parade "Rave the Planet" auf die Straße zu bringen. Jetzt aber soll es endlich losgehen - und sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Unter dem Titel "Together Again" will man sich am 9. Juli 2022 in Berlin erstmals wieder zusammenfinden, um zu elektronischer Musik für Liebe und Frieden zu demonstrieren.

Bei der Pressekonferenz in einem Hotel in Berlin-Schöneberg erklärte Roeingh heute neben dem Motto selbst auch die sieben Forderungen, die teilweise sicherlich recht ambitioniert sind. Demnach soll elektronische Musikkultur als "zu schützendes Kulturgut anerkannt" und allen "anderen, etablierten Kulturformen und -einrichtungen gleichgestellt" werden. Zudem fordert die gemeinnützige Organisation das "Bedingungslose Grundeinkommen für Künstler:innen und Kulturschaffende" sowie die "Abschaffung des Tanzverbots an christlichen Feiertagen". Roeingh ist sich sicher, dass es Gott - sollte es ihn geben - Freude daran hätte, Menschen friedlich Seite an Seite tanzen zu sehen.

Feiertag der elektronischen Tanzmusikkultur

Etwas absurder als das ist sicherlich die Forderung, es möge ein "Tag der elektronischen Tanzmusikkultur" als neuer, gesetzlicher Feiertag am zweiten Samstag im Juli - dem legendären Loveparade-Tag - eingeführt werden. Doch sei's drum. Wenn die Parade an jenem Samstag um 14 Uhr auf dem Kurfürstendamm startet und über eine sieben Kilometer lange Strecke zum Brandenburger Tor tingelt, soll dieser fromme Wunsch mit den übrigen sechs stündlich von den 18 angemeldeten Floats herunter verkündet werden. Dazu kommen Redebeiträge von Gästen wie Linken-Politikerin Caren Lay, clubpolitische Sprecherin im Deutschen Bundestag, und Techno-Urgestein und Tresor-Betreiber Dimitri Hegemann sowie natürlich elektronische Musik von insgesamt mehr als 150 DJs.

Laut Facebook-Event interessieren sich mehr als 60.000 Menschen für die Veranstaltung, doch gehen Roeingh und sein Team vorerst von 25.000 Besuchern aus, sind auf mehr allerdings gut vorbereitet, wie sie betonen. Denn natürlich schaut man von vielen Seiten mit Argusaugen auf die Sicherheit eines solchen Großevents, bei dem es weder Zäune noch Tore oder Eintrittsbeschränkungen gibt. Alles einkalkuliert, und auch Ausweichrouten stünden zur Verfügung, sollte der Andrang doch deutlich größer werden, wie Dosch-Roeingh und Zeiss bei der Pressekonferenz versichern.

Sicherheit meets Nachhaltigkeit

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Neben der Sicherheit sollen aber auch Nachhaltigkeit und Umweltschutz großgeschrieben werden. Nachdrücklich bitten die "Rave the Planet"-Verantwortlichen die Feiernden darum, auf das Mitbringen von Plastik in jedweder Form zu verzichten und beispielsweise auf nachfüllbare Behälter zu setzen. Auch der in den 90ern bei Partygängern noch so beliebte Glitter, der als Mikroplastik die Umwelt verschmutzt, ist unerwünscht. Wer auf den im Anschluss an die Parade stattfindenden Clubevents nicht vollends versackt oder sich anschließend noch fit genug fühlt, ist zudem aufgefordert, am Sonntag ab 11 Uhr zum gemeinschaftlichen Aufräumen an der Strecke zu erscheinen. Bewegung soll ja auch bei Kater helfen ...

Alles in allem kann man Dr. Motte und Co. für ihren Optimismus und ihren unermüdlichen Kampf für die elektronische Musikkultur nur bewundern. Es sei auch für sie ein "Blick in die Glaskugel", wie Dosch-Roeingh betont, wenn es um die Akzeptanz dieses Events in Zeiten von Corona und Ukraine-Krieg geht. Doch vielleicht sind es genau diese zwei bedrückenden Parameter, die "Rave the Planet - Together Again" im Jahr 2022 zum Hit avancieren lassen. Denn Liebe und Frieden sind wohl nicht nur in Dr. Mottes Augen das Einzige, was die so unbelehrbare Menschheit am Ende vielleicht doch noch retten kann.

Quelle: ntv.de

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