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Tanzen bis zum gewaltsamen Ende Vernon Subutex verabschiedet sich

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Im dritten Teil der Vernon-Subutex-Saga sind auch die Folgen der Terroranschläge in Frankreich Thema.

(Foto: imago/Ina Fassbender)

In Teil drei ihrer Saga um den obdachlosen DJ Vernon Subutex lässt Virginie Despentes ihr ganzes Personal noch einmal auferstehen. Doch gerade, wenn man an unendliche Fortsetzungen glaubt, schneidet sie den Faden entschlossen ab.

Er ist zu wichtig. Man nennt ihn den Schamanen. Im Scherz, aber er spürt die Blicke im Rücken. Glücklicherweise ist er zu unkonzentriert, um sich lange den Kopf zu zerbrechen. Aber Vernon mag es, das man für ihn sorgt. Alles geht weiter, egal, ob er sich einmischt oder nicht. Vernon sagt einfach, "Ich denke mal über meine Playlist nach", und packt sich aufs Bett.

Ein DJ und Plattenladenbesitzer verliert seine Existenzgrundlage an Spotify & Co, landet erst auf den Sofas seiner Freunde aus besseren Zeiten und schließlich auf der Straße. Vernon Subutex, der seinen Nachnamen mit einer Heroin-Ersatzdroge gemein hat, ahnt nicht, dass sich unter seinen letzten Habseligkeiten etwas Wertvolles befindet: Ein Tonband, das sein Freund, der Popsänger Alex Bleach, vor seinem Selbstmord bei ihm aufgenommen hat. Es enthält den Beweis für den Mord an Bleachs' Ex-Freundin und Pornostar Vodka Santana, beauftragt vom mächtigen Filmproduzenten Dopalet. Das ist das Fundament, auf dem die französische Autorin Virginie Despentes einen Spiegel des heutigen Frankreichs gesetzt hat.

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Ex-Prostituierte, Regisseurin, Feministin, Bestseller-Schriftstellerin, Provokateurin, Feuilletonliebling: Auf nur wenige Autoren passen so vielfältige Beschreibungen wie auf Virginie Despentes.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit den zahlreichen Charakteren aus der kreativen Branche und Leuten, die in jüngeren Tagen dazugehörten, handelte Despentes in ihrer Trilogie Themen wie #MeToo oder den Abstieg und die Wut des Mittelstandes schon ab, bevor sie durch die Weinstein-Affäre oder die demonstrierenden Gelbwesten in den Nachrichten landeten. Schon die ersten beiden Bände wurden vom Feuilleton gefeiert, Fans führten für die Bücher den Begriff "binge-reading" ein und der Fernsehsender Canal+ plant die Verfilmung. Despentes selber stieg von der Skandalautorin ("Baise-Moi") zum Jury-Mitglied des renommierten französischen Literaturpreis Prix Goncourt auf.

Vom Ende der Party

Im dritten Teil ihrer Saga um den obdachlosen DJ holt die Bestseller-Autorin ihre Figuren wieder runter vom Höhenrausch in Teil zwei. Frankreich ist von den Terrorattacken gezeichnet und bei den Convergences, den Raves, bei denen Vernon seit Band zwei als eine Art Guru auflegt und die Teilnehmer tanzen lässt, ist Routine eingekehrt.

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Der ehemalige Pornostar Pamela Kant bemüht sich, die bunte Truppe aus Obdachlosen, gescheiterten Autoren, verblühten Szene-Schönheiten und Universitätsprofessoren zusammenzuhalten. Sie organisiert die Unterkünfte, dann die Convergence selbst, um schließlich wieder alles einzupacken und weiterziehen. Andere versorgen die Hunde, hacken Holz, kochen. Vernon selbst, der "Schamane" hat nur eine Aufgabe: Seine Playlists zusammenzustellen.

Doch mittlerweile kommen einfach zu viele zu ihnen in die Provinz, sie brauchen ein richtiges Auswahlverfahren für die Teilnehmer. Kiko, der ehemalige Trader, der eigentlich dem Geld abgeschworen hatte, überlegt, wie er Vernon besser vermarkten könnte. Der überraschende Tod des Stammgastes Charles, der seit den Anfängen im Park Buttes-Chaumont dazu gehörte, sorgt für weiteren Streit über Geld. Denn der verheimlichte Lottogewinn des Alten soll zu gleichen Teilen an seine Lebensgefährtin Véro und die "Subutex-Bande" gehen.

Vom Wir-Gefühl zurück zum Individuum

Als die Truppe anfängt, sich aufzulösen, ist Vernon erleichtert, ihm war das Scheinwerferlicht ohnehin zu stark geworden. Doch als sie einer nach dem anderen nach Paris zurückkehren, müssen sie feststellen, dass das Leben in der Stadt noch rauer geworden ist. Außerdem hat der mächtige Filmproduzent Dopalet nicht vergessen, was ihm angetan wurde und sinnt auf Rache für seine Demütigung.

Patriarchalische Machtverhältnisse sowie Gewalt- und Terrorbereitschaft haben auch nach Ansicht von Despentes in den vergangenen Jahren nichts von ihrer Wucht verloren. Und so führt sie ihre Romanfiguren einem, aus düsterem Blick gesehen, deprimierend-realistischen Ende zu. So konsequent durchdacht, dass man ihr die kleine Extravaganz, im Anhang ein Zukunftsszenario für die nächsten 300 Jahre zu entwerfen, umgehend verzeiht.

Am Ende der Trilogie ist es dann wie bei jeder guten Serie: Man vermisst sie schon beim Abspann der letzten Folge, beim Lesen der letzten Seite. Der Entzug von Subutex wird hart, denn Despentes lässt nur wenig Möglichkeiten für eine Fortsetzung offen. Dabei hätte man zu gerne gewusst, welche ihrer Romanfiguren an vorderster Front der aktuellen Gelbwesten-Proteste gestanden hätte.

 

Quelle: n-tv.de

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