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Erst Plattenladen, dann Parkbank Vernon Subutex - der obdachlose DJ-Guru

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Virginie Despentes wirft in ihrer Romanreihe einen menschlichen Blick ohne falschen Pathos auf obdachlose Menschen.

(Foto: REUTERS)

Emilie, Xavier, Patrice, Lydia und der Ex-Pornostar Pamela Kant suchen Vernon Subutex und finden ihn als verwirrten Obdachlosen wieder. Trotzdem geht die Party in Teil zwei der französischen Erfolgstrilogie weiter. Bis es einen Toten gibt.

Wenn er in den Park geht, hat Charles immer ein paar Bier mehr mit. Auch wenn Laurent ihm auf die Nerven geht – wer säuft, kann nicht wählerisch in seinem Umgang sein. Und das Bier mit den Obdachlosen gehört zu seinem Tagesablauf. Wie das Füttern der Krähen. Für den neuen Berber im Park, diesen Vernon Subutex, scheinen sich allerdings ungewöhnlich viele Leute zu interessieren. Schöne Augen, lange Haare, dünn, die Such-Beschreibung passt genau. Der arme Tropf ist ihm auch aufgefallen, als er da fiebernd auf der Parkbank lag. Charles hat ihm Orangen und Aspirin gebracht und das Beste gehofft. Wer aber noch so viele Freunde hat, die hier Gebäck und Decken anschleppen, für den dürfte es noch Hoffnung geben, non?

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Virginie Despentes schreibt über ein Coming-of-Age der anderen Art. Ihr "Vernon Subutex" wurde u.a. mit dem Prix Anais Nin ausgezeichnet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nachdem er erst seinen Plattenladen schließen musste, seine Wohnung verloren hat und auch der letzte seiner Freunde ihm sein Sofa nicht mehr überlassen will, ist Vernon Subutex, der Held der Roman-Trilogie von Virginie Despentes, in Teil zwei auf der Straße gelandet. Genauer gesagt in einem kleinen Park über den Dächern von Paris. Seit er krank war und halluzinierte, hat er kleine Aussetzer. Er spinnt. Das ist nicht unangenehm, eher so als hätte jemand an allen Knöpfen seines Mischpults gedreht, alles ist anders ausgesteuert.

Seine Freunde wollen ihn wieder bei sich wohnen lassen, doch er hält es zwischen Wänden und unter einem Dach gar nicht mehr aus. Er hat sich von der Hyäne, dieser alternden Lesbe, einmal abduschen lassen, aber danach ist er wieder zurück in seinen Park. Also kommen sie alle zu ihm. Xavier, der nach einem brutalen Überfall nur schwer auf die Beine kommt. Sylvie, die einst tobte, weil Vernon sie verlassen hat und nun in der Obdachlosen Olga eine neue Freundin gefunden hat. Emilie, die einsame Bassistin. Patrice, den seine Frau verließ, weil er sie schlug. Pamela, der ehemalige Pornostar und ihre einst beste Freundin und Kollegin, die heute Daniel heißt. Sie kommen alle in den Park und Vernon legt wieder für sie auf. So könnte es ewig weiter gehen, doch die Bänder, die Vernons verstorbener Kumpel, der Sänger Alex Bleach, ihm hinterlassen hat, bergen brisantes Material: Hat der bekannte Filmproduzent Dopalet etwas mit dem Selbstmord des Pornostars Vodka Satana zu tun?

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Virginie Despentes hat viel zu erzählen. Auch im zweiten Teil ihrer Erfolgstrilogie tummeln sich wieder ihre zahlreichen Charaktere, ja sie baut ihr Personal sogar noch aus. Wie Charles, der klassische ehemalige Arbeiter und Säufer, den ein Lottogewinn in Panik versetzt. Oder Loïc, den über 40-jährigen Kurierfahrer, dem Jüngere auf den Fersen sind. Oder Marie-Ange, die Frau von Xavier, die sich eingestehen muss, dass ihr Mann kein unentdecktes Talent, sondern ein mittelalter, erfolgloser Drehbuchautor ist. Und nicht zuletzt Laurent Dopalet – ein französischer Harvey Weinstein, der seine archaische Strafe erhalten wird.

Mit ihnen allen zeichnet die einstige Skandalautorin und Regisseurin ("Baise-moi") auch in Teil zwei ihrer preisgekrönten Trilogie ein präzises Bild des heutigen Frankreich. Genauer gesagt: Ein Bild der westlichen Welt, mit all der Wut der Menschen, ihren Enttäuschungen, ihren Tiraden und der Sehnsucht nach mehr Karriere, mehr Leben, mehr Bedeutung. Oder dem genauen Gegenteil davon: dem Loslassen.

Ikone der alternden Generation X

Schon nach Teil eins wurde die Autorin mit hymnischen Kritiken überhäuft, ein neuer Balzac sei gefunden, hieß es. Aber mehr noch als den Büchern des Schriftstellers aus dem 19. Jahrhundert ähneln Despentes' Milieu- und Charakterstudien modernen Serien wie "The Wire". Gäbe es das Wort binge-reading, müsste es auf jeden Fall auf die Subutex-Reihe angewendet werden. Als sie an der Romanreihe gearbeitet habe, habe sie die ganze Zeit Fernsehserien geguckt, verriet Despentes tatsächlich in Interviews. Das habe ihr Schreiben sehr beeinflusst, ebenso wie Facebook und andere soziale Medien.

Subutex' Playlists bei Youtube und Spotify zeigen, wie begeistert die Leserschaft den popkulturellen Beitrag der 1969 geborenen Schriftstellerin für ihre urbanen Altersgenossen und die knapp darunter angenommen hat. Der Fernsehsender Canal+ will die Bücher als Serie verfilmen – mit Romain Duris in der Rolle des jetzt schon Kultcharakters Vernon. Der 1974 geborene Duris ist hierzulande passenderweise vor allem durch den Generationsfilm der Nullerjahre "L'Auberge espagnole" bekannt.

Despentes selber ist mit der Reihe endgültig zu den bedeutenden zeitgenössischen französischen Schriftstellern aufgestiegen und wurde in die Jury des Prix Goncourt berufen. Nach einem bunten Lebenslauf mit wechselnden Erfolgen als Filmkritikerin, Plattenverkäuferin, Sexarbeiterin, Schriftstellerin und Regisseurin sei der Aufstieg von der Subkultur ins Establishment "sehr angenehm", bestätigt Despentes freundlich in jedem Interview. Dass sie sich sehr genau vorstellen kann, dass es auch anders hätte kommen können, davon zeugt jede Seite in ihrer Romanreihe.

 

Quelle: ntv.de

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