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Omo-Tal - Wiege der Menschheit Wo man Blumen und Teller in der Lippe trägt

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Blüten in der Unterlippe: im Omo-Tal kein ungewöhnlicher Körperschmuck.

(Foto: Ken Hermann/Edition Panorama)

Im Omo-Tal, einer der schönsten Regionen Afrikas, leben Stämme derart isoliert, dass ihre traditionelle Lebensweise weitgehend erhalten blieb. So hat Geld hier kaum einen Wert, dafür aber Vieh und Waffen. Und Frauen können sich mit großen Lippentellern Ansehen verschaffen.

Das untere Tal des Flusses Omo im Südwesten Äthiopiens ist Unesco-Weltkulturerbe und wird als einer der schönsten Landstriche Afrikas gepriesen. Der dänische Fotograf Ken Hermann hat es mehrmals besucht und stellt im Band "Im Tal des Omo - Die Wiege der Menschheit", erschienen bei Edition Panorama, vor allem in beeindruckenden Porträtaufnahmen, aber auch Landschaftsbildern diese Region und ihre Bewohner vor.

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Frau vom Stamm der Dassanetch mit einer Krone aus Kronkorken.

(Foto: Ken Hermann/Edition Panorama)

Der Fluss Omo ist 760 Kilometer lang. Seine Quelle liegt im Shewan-Hochland in Zentral-Äthiopien; von da fließt er Richtung Süden und mündet an der Grenze zu Kenia in den Turkanasee. Aufgrund des zum Teil sehr starken Gefälles von insgesamt 2000 Metern und vieler Stromschnellen ist der Fluss nicht durchgehend schiffbar. Das Omo-Tal erstreckt sich über 165 Quadratkilometer. Wegen der vielen prähistorischen Fossilfunde in der Region, zum Teil mehr als vier Millionen Jahre alt, wird das Tal von Wissenschaftlern auch als "Wiege der Menschheit" bezeichnet. Es gilt als einzigartige Region von wissenschaftlicher und kultureller Bedeutung und besitzt auch aus diesem Grund seit 1980 den Weltkulturerbe-Status der Unesco.

Geld hat hier kaum einen Wert

Etwa 200.000 Menschen, die mehr als zehn verschiedenen Stämmen angehören, leben im Omo-Tal. Schon vor Jahrhunderten besiedelten sie die Regionen entlang des Flusses. Durch die abgeschiedene Lage haben die Stämme sich ihre traditionelle Lebensweise weitgehend erhalten. Geld besitzt hier (bisher) kaum Wert - Wohlstand kommt durch den Besitz von Rindern, Ziegen oder Waffen. Ein Mann ohne Vieherde gilt als armer Mann; ein Mann mit Maschinenpistole gilt mehr als ein Mann mit Speer. Solche in ziemlicher Isolation lebenden Völker sind immer schwerer zu finden und daher ein besonderer Glücksfall für Fotografen.

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Frau vom Stamm der Mursi mit Lippenteller.

(Foto: Ken Hermann/Edition Panorama)

Ken Hermann weiß diese besondere Gelegenheit zu nutzen - er ist mehrfach in die Region gereist, hat sich dort vertraut gemacht und Menschen porträtiert, "denen es gelungen ist, in einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt zu überleben", wie er voller Respekt und Erstaunen feststellt. In einzelnen Kapiteln stellt er die Stämme der Karo, Hamar, Mursi, Nyangatom, Dassanetch und Arbore vor. Deren Körperverzierungen (Bemalung und Schmucknarben) und Rituale sind weltweit einmalig. Am spektakulärsten sind dabei wohl die Lippenteller der Mursi-Frauen. Traditionell gilt hier: ohne Lippenteller keine Hochzeit. Und: je größer der Teller, desto größer das Ansehen der Frau. Allerdings gibt es laut Hermann immer mehr Frauen, die sich diesem Brauch nicht mehr unterwerfen wollen und diesen beschwerlichen Lippenschmuck, für den die Unterlippe aufgeschnitten wird, nicht mehr tragen; oft sind es stattdessen Ohrenteller.

Schmerzhafter Schmuck

Die Porträts sind von großer Würde und Schönheit. Die Menschen darauf, meist mit sehr ernstem Gesichtsausdruck, sind in ihrem alltäglichen Lebensumfeld zu sehen. Oft sind sie schmutzig, vor allem die Kinder, nicht herausgeputzt. Die Aufnahmen zeigen barbusige Frauen, Männer mit Waffen, bemalte Gesichter und Körper. Greise und Kinder. Meist tragen die Menschen keine Schuhe, dafür aber häufig sehr viel Schmuck. Nicht nur die Art des Schmucks ist zum Teil mit Schmerzen verbunden - wie sehr eng sitzende, einschnürende Armreifen oder die erwähnten Lippenteller, für die die Unterlippe stark gedehnt werden muss. Das gilt auch für die Körperverzierungen: sowohl Männer als auch Frauen tragen durch Skarifikation entstandene Schmucknarben, oft am ganzen Oberkörper. Auch in unseren Breiten bekannt sind Unterlippenpiercings - nur tragen die Menschen im Omo-Tal hier keine Ringe, sondern stecken sich Blüten, Holzstäbe oder Vogelfedern durch die Öffnung. Auch ein opulenter Kopfschmuck aus Kronkorken ist zu sehen.

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"Im Tal des Omo": 256 Seiten mit 140 Farbfotos.

(Foto: Ken Hermann/Edition Panorama)

Die eindrucksvollen Porträts, die gezeigten Lebensweisen und Traditionen der selbstbewussten Omo, aber auch die Bilder des Tals und seiner Natur versteht der Fotograf auch als Hommage an eine Region, deren Existenz bedroht ist. Einerseits durch ein Staudammprojekt der Regierung (GIBE III), andererseits durch die zunehmende industrielle Plantagenwirtschaft. Beides braucht sehr viel Wasser und wird das Gleichgewicht des Ökosystems nachhaltig verändern. Auch durch die Begegnung mit Touristen, die die Region besuchen, spielt Geld eine immer größere Rolle. Ob man für ein Foto posiert oder einen traditionellen Tanz aufführt und dafür eine Gebühr kassiert - wer könnte es den Menschen verübeln. Ist der Tourismus doch eine zusätzliche und willkommene Einnahmequelle.

Traditionspflege nur noch für Touristen?

Aber es stellt sich die Frage: Pflegen die Stämme ihre Traditionen und Rituale, weil sie es selbst so wollen oder weil die Touristen es gern sehen und dafür bezahlen? Legen die Frauen die Lippenteller vielleicht nur noch für pittoreske Schnappschüsse an? Ein ebenso zweischneidiges Schwert ist der Besitz halbautomatischer Waffen: einerseits bietet es den Menschen einen größeren Schutz vor wilden Tieren, andererseits ist ihr Gebrauch auch gefährlicher und beeinflusst das Machtgefüge. Die Aufnahmen wirken daher wie ein letzter fotografischer Blick auf eine archaische Welt, die es so vielleicht bald nicht mehr geben wird. Ken Hermann hat die Lebensweise der Stämme dokumentiert, "ehe sie für immer verloren sind", stellt er fest.

Wie bei allen Prachtbänden von Edition Panorama enthält "Das Tal des Omo" viel mehr als nur Bilder. Die Aufnahmen von Ken Hermann werden begleitet von sehr informativen Texten (in deutsch und englisch), die die Geschichte und aktuelle Entwicklung des Omo-Tals vorstellen. Die Texte der Journalistin Suzette Frovin und von Ken Hermann selbst kommen nicht im Reiseführer-Duktus daher, sondern sind eher journalistisch, auch kritisch-politisch formuliert. Ein Bildband mit Bildungsgewinn.

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Quelle: ntv.de