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Weiß, dass er sehr überzeugend sein kann: Jean-Michel Jarre.
Weiß, dass er sehr überzeugend sein kann: Jean-Michel Jarre.(Foto: Peter Lindbergh)
Montag, 19. November 2018

"Der frische Franzose": Jean-Michel Jarre belebt "Equinoxe" neu

Von Sabine Oelmann

Seit fünf Jahrzehnten ist Jean-Michel Jarre ein Vorreiter der Elektro-Musik-Szene. Wie kann es sein, dass er da noch immer "vorreitet"? "Equinoxe Infinity" zeigt 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung, wie das geht.

Es ist einfach zu schön, jemanden zu treffen, der hundertprozentig hinter dem steht, was er macht. Und zwar seit Jahrzehnten. Der sich und die Musik immer wieder neu erfindet, der andere Künstler mit an Bord holt und der versucht, gleichzeitig auf den desolaten Zustand unseres einzigartigen Heimatplaneten aufmerksam zu machen. Die Rede ist von Jean-Michel Jarre. Und wenn die Bezeichnung "der frische Franzose" auf etwas oder jemanden noch besser passt als auf "Le Tartare" (ein Kräuterkäse), dann auf diesen 70-jährigen Dauerjugendlichen. Und das ist keineswegs despektierlich gemeint: Kaum einer dürfte so vor Ideen sprühen wie der Mann, der seit Jahrzehnten als Elektro-Pionier durch die Welt reist, und das am liebsten mit dem Zug. Ein Wiedersehen nun also mit dem Meister: Worum geht es dieses Mal? Vor 40 Jahren veröffentlichte der bahnbrechende Elektronik-Musikproduzent mit "Equinoxe" ein monumentales, instrumentales Konzeptalbum. Ebenso beeindruckend wie die Musik war das Cover.

Zeitlos, grün und blau: Ein Cover zeigt eine freundliche Umgebung.
Zeitlos, grün und blau: Ein Cover zeigt eine freundliche Umgebung.

Jetzt, mit "Equinoxe Infinity", kehrt er zurück mit einem Erbe, das auf "Equinoxe" aufbaut. "'Equinoxe Infinity' ist ein bisschen wie 'Equinoxe' auf Steroiden", sagt Jarre über den Nachfolger. "Die 'Watcher' (die Beobachter) auf dem originalen Equinoxe-Cover haben mich schon immer fasziniert." Und so hat er sich überlegt, was mit diesen Kreaturen in den vier vergangenen Jahrzehnten geschehen sein könnte. Jarre wäre aber nicht Jarre, wenn er sich nicht auch überlegen würde, was mit ihnen in den nächsten 40 Jahren passieren wird: "Ich hatte diesmal schon vor Beginn der Aufnahmen eine Idee für das Artwork. Ich stieß auf einen Künstler auf Instagram und fragte ihn, ob er daran interessiert sei, zwei Coverversionen zu entwerfen, die auf meiner Vision für das Album basieren."

Bilderserie

Nicht erst jetzt oder bloß, weil es "Equinoxe Infinity" mit zwei Cover Artworks gibt, dürfte einem also klar werden, was für ein großartiger Gesamt-Künstler Jean-Michel Jarre ist: Ein Cover symbolisiert eine zeitlose, grüne und blaue freundliche Umgebung. Das andere deutet auf eine Zukunft hin, in der die Erde unwiederbringlich von Menschen und Maschinen zerstört wird. "'Equinoxe Infinity' ist als Soundtrack für beide Szenarien konzipiert", sagt Jarre. Und deswegen muss ich ihn einfach darauf ansprechen, was nach unserem letzten Treffen im April 2017 passiert ist. In Israel gab er ein Konzert am Fuße des Berges Masada, um darauf aufmerksam zu machen, dass das Tote Meer in rasanter Geschwindigkeit austrocknet.

"Die Mühlen mahlen natürlich recht langsam, aber es geht voran", erzählt Jarre. Aber das Hauptziel war es ja, überhaupt auf das Problem, diese Tatsache aufmerksam zu machen. Das Tote Meer wird in nicht allzu ferner Zukunft verschwunden sein und wir werden nach Jordanien laufen können." Er setzt sich dafür ein, dass das Tote Meer als Weltnaturerbe anerkannt wird - ein mühsames Unterfangen. Er lacht aber auch und sagt, dass ein Konzert in dieser Ecke der Welt natürlich für einen Künstler auch etwas ganz Besonderes ist. "Es geht über ein normales Konzert hinaus, man wird eins mit der Natur und mit der Bühne und mit den Menschen, das liebe ich. Das habe ich an meinen Projekten schon immer geliebt."

Das andere Cover deutet auf eine düstere Zukunft hin.
Das andere Cover deutet auf eine düstere Zukunft hin.

Und dann macht er "uns", den Deutschen, ein großes Kompliment: "Das habe ich an euch schon immer bewundert: Ihr seid in Sachen Klima und Umweltschutz seit jeher einen Schritt voraus gewesen. Als ich mit 'Oxygène' damals getourt bin, ist mir das so aufgefallen. Die Franzosen waren sich dessen noch gar nicht bewusst, was sie ihrer Umwelt antun. In Deutschland und in Skandinavien wart ihr schon viel weiter. Aber inzwischen haben wir aufgeholt. Auch wenn wir alle weit entfernt von perfekt sind." Er ruft dazu auf, sich nicht einfach auf andere zu verlassen. "Wir meckern immer über die Politiker, aber das sind ja keine Götter, die können auch nicht alles lösen. Einige Dinge müssen wir selbst in die Hand nehmen." Er nennt das Beispiel der Klimaerwärmung und malt ein düsteres Bild, denn seiner Ansicht nach werden die Leute erst anfangen, ihr Verhalten zu ändern, wenn sie und ihre Familien persönlich betroffen sind. "Der großen Hitze in diesem Sommer werden eine Menge Fluten folgen", sagte er schon vor einer Weile und behält leider recht. "Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät, um aufzuwachen."

Keine alten Dämonen

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Und was denkt Jarre über die rechtsgerichteten Tendenzen in unserem Land? "Ganz ehrlich, und das sage ich nicht nur so: Meine Mutter - und sie war Teil der Résistance in Frankreich - hat mir schon immer gesagt, dass ich zwischen den Leuten und einer Ideologie unterscheiden soll. Für mich waren Deutsche noch nie 'die Nazis', auch für meine Mutter nicht, und so sehe ich das natürlich noch heute. Die Franzosen dachten lange anders, aber das hat sich geändert. Es hat sich so vieles geändert. Ihr denkt aufgrund eurer Geschichte noch immer anders darüber nach, es hängt euch in den Knochen, aber Rechtsextreme gibt es überall auf der Welt. Und ich fühle hier weit weniger Arroganz als zum Beispiel in den USA. Ganz ehrlich: die alten Dämonen sind nicht zurück! Auf keinen Fall! Das solltet ihr wissen, (lacht) und auch das ist eine Frage des Klimas." Sagt er das nicht nur, weil seine Plattenfirma ihren Sitz in Deutschland hat? Er lacht: "Nein, ich habe so viele Verbindungen hierher, ich fühle mich hier zu Hause."

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Gut, wir sind uns also der Tatsachen bewusst, aber wir haben keine Angst. Das klingt doch vernünftig. Die Demokratie ist am stärksten, wenn sie einen Gegner hat, das gilt nach wie vor. Und was hat das nun alles mit Musik zu tun? "Die Musik ist nach wie vor das, was uns verbinden kann. Die Kultur. Und das ist mein Job. Ich wurde von Jean-Claude Juncker eingeladen nach Brüssel, um dort über das Urheberrecht zu sprechen, das Recht, das jeder Musiker an seinen Texten und seinen Melodien hat. Dabei kam ich mir vor, als würde ich im Mittelalter leben. Es gibt tatsächlich Länder, die gegen das Urheberrecht stimmen, das muss man sich mal vorstellen. Es ist eine Schande, dass Künstler nicht besser geschützt werden." Er könnte sich bei diesem Thema in Rage reden, sagt er. Sein Fazit lautet aber: "Europa hat Schwierigkeiten, mit einer Stimme zu sprechen. Das ist unser größtes Problem."

Der Soundtrack vieler Leben kommt ganz sicher von ihm.
Der Soundtrack vieler Leben kommt ganz sicher von ihm.(Foto: Sony-Music)

Ein Gespräch mit Jarre ist also nicht nur ein Gespräch über Musik - das ist es fast am wenigsten - sondern eine Lehrstunde: in Geduld, in Demut, in Sachen Vision. Er klingt fast wie ein Politiker, nur eben realistischer. Und schmeichelnder: "Eine Deutsche und ein Franzose sprechen über Europa - das ist doch großartig." Eigentlich wollte die deutsche Frau ja noch ein bisschen mehr über die Musik wissen, aber Jarre ist "unstoppable": "Wir sollten uns auf niemand anderes verlassen, nicht auf die USA, nicht auf Kanada, auf niemanden!" Auf die Frage, ob er nicht doch in die Politik gehen wolle, wehrt er ab: "Um Gottes willen, nein, ich bin Künstler. Ich weiß, dass ich überzeugend sein kann (lacht), aber ich glaube, ich kann mit einem Konzert mehr erreichen als in einem Parlament."

"Coming Home"

Sind es die guten Gene - seine Mutter wurde 96, sein Vater fast 90 - oder was ist es, das ihn vor Energie fast platzen lässt? "Ja, aber auch die Neugier hält mich auf Trab. Ich glaube, ich war nie so busy wie im Augenblick."

Wenn es also gerade nicht so gut läuft, wenn es nun regnet, schneit, kalt wird, dann hilft es manchmal vielleicht, sich ein bisschen etwas Gutes zu tun: "Oxygène" im Auto zum Beispiel, laut, sehr laut, und man kommt sich vor wie in einem UFO, weiß nicht, ob vor oder zurück in der Zeit. Oder eben "Equinoxe Infinity", vielleicht besser ohne Steroide, und schon ist alles ein bisschen durcheinandergeraten, durcheinander auf diese gute Art und Weise. Es ist, wie nach zu Hause kommen, wenn man Jean-Michel Jarre (zu)hört. In seinen eigenen Worten: "Mich macht es glücklich, wenn ich mir vorstelle, dass meine Musik so etwas wie der Soundtrack für jemanden in einer ganz speziellen Phase seines Lebens ist."

Quelle: n-tv.de