Panorama

"Hätten wir geimpft ..." Warum sich Omikron in Afrika so wohlfühlt

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Gerade mal rund sieben Prozent der Menschen in Afrika sind komplett gegen Covid-19 geimpft.

(Foto: REUTERS)

Omikron wirbelt die Welt durcheinander. Vor allem auch in Afrika verbreitet sich die neue Corona-Variante rasend schnell. Während Deutschland boostert, ist dort nicht mal jeder Zehnte doppelt geimpft. Das liegt an reichen Nationen, die Impfstoffe bunkern, aber auch an Impfskepsis.

Omikron reist um die Welt. Aus immer mehr Ländern werden Infektionen mit der neuen Corona-Variante gemeldet. Entdeckt hatten sie Virologen Ende November in Südafrika und Botswana. Eingeschleppt allerdings hatten sie Diplomaten, die aus Europa eingereist waren. Südafrika ist, wenn man auf die Zahlen schaut, das Land, was am schwersten von Pandemie betroffen ist. Bisher gab es dort - offiziell - knapp drei Millionen Fälle. Die Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs, weil auf dem Kontinent aufgrund der limitierten Testkapazitäten nur ein Corona-Test gemacht wird, wenn es unbedingt nötig ist.

Dass die neue Mutante in Afrika aufgetaucht ist, war für Gisela Schneider keine Überraschung. Die Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm) hat das schon einige Tage vor der Entdeckung prognostiziert. Für sie war es nicht die Frage, ob, sondern wann eine neue Variante kommt. "Es gibt ständig Mutationen, das ist ganz normal. Das Virus multipliziert. Und wenn das schlechte Genveränderungen sind, dann verschwinden die. Der fittere Virus, der setzt sich dann irgendwann durch. Das war einfach nur eine Frage der Zeit, wann sie kommen wird", sagt Gisela Schneider im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Und weil wir in Afrika so ein System, eine Transmission haben, wo relativ wenig interveniert wird, war es schon denkbar, dass es aus der Region kommen wird."

Ein System, in dem relativ wenig interveniert wird, bedeutet, dass das Coronavirus sich in Afrika fast ungebremst ausbreiten kann. Die Gesundheitssysteme der Länder sind im Vergleich mit Europa, den USA oder Südkorea und Japan eher schwach aufgestellt, auch finanziell. Es ist kein Geld da für ein großes Test-Netzwerk, Labore oder Kontaktverfolgung. Und auch nicht für Impfstoffe.

"Höhere Impfquote hätte Omikron verhindert"

Afrika hängt dem wohlhabenden Westen bei den Impfungen gegen Covid-19 weit hinterher. Rund sieben Prozent der Menschen haben dort den vollen Impfschutz. Etwa vier Prozent sind zumindest teilweise geimpft. Das heißt, dass rund neun von zehn Menschen nicht ausreichend gegen das Virus geschützt sind, sich leichter infizieren und es leichter weitergeben können. Dieses Ping Pong zwischen unterschiedlichen Wirten ist für Viren die beste Voraussetzung, um zu mutieren.

Eine höhere Impfquote hätte Omikron möglicherweise verhindert, sagt Gisela Schneider. "Hätten wir geimpft, wäre das Problem jetzt nicht da. Es ist nicht nur eine Frage der Charity. Es ist eine Frage von Impfgerechtigkeit. Wir haben eine globale Verantwortung, diesen Impfstoff gerecht zu verteilen. Und wir merken jetzt, wie notwendig es gewesen wäre, schneller zu sein, und müssen jetzt alles tun, so schnell wie möglich die Impfstoffe auch zu verteilen. Wenn wir uns selbst vor einer fünften und sechsten Welle schützen wollen, müssen wir impfen. Aber wir müssen vor allem auch in Afrika impfen, denn sonst kommt die Escape-Variante eines Tages, und die schlägt zurück."

Der Impfstoff fehlt in Afrika, weil sich die reicheren Länder die meisten Impfdosen gesichert haben und sie regelrecht horten - für Booster-Impfungen zum Beispiel, von denen lange nicht klar war, ob wir sie brauchen, und von denen wir allein in Deutschland plötzlich bis zum Ende des Jahres noch Millionen Dosen verabreichen wollen.

Ärmere Regionen können auf dem milliardenschweren Impfstoffmarkt nicht mitbieten. Sie bekommen nur, was andere nicht brauchen. Trotzdem mussten in einigen afrikanischen Staaten schon Impfdosen weggeworfen werden. Viele Dosen, die in Afrika ankommen, haben nur noch eine sehr kurze Haltbarkeit. Das macht es für die Staaten extrem schwierig, ihre Impfkampagnen nachhaltig zu planen, sagt die Weltgesundheitsorganisation.

Impfbereitschaft nach dritter Welle gestiegen

Einige Einheiten landen aber auch im Müll, weil es in afrikanischen Nationen - wie in den westlichen Ländern - eine gewisse Impfskepsis gibt. "Das kennen wir also in Afrika genauso wie hier. Die Gründe sind dann manchmal ein bisschen unterschiedlich", betont Gisela Schneider im Podcast. "Unsere Erfahrung ist die, dass nach der ersten und zweiten Welle ein sehr großer Impfskeptizismus da war. In Malawi zum Beispiel musste auch Impfstoff vernichtet werden, der schon da war, aber die Menschen hatten einfach Sorge und Angst und wollten sich nicht impfen lassen. Nach der dritten Welle, wo jetzt viele Familien gespürt haben, was Corona wirklich ist, was es auslöst, erlebt haben, wie Menschen an dieser Erkrankung gestorben sind, erleben wir deutlich mehr Bereitschaft, sich impfen zu lassen."

Die Menschen hätten viele Fragen und Ängste, unter anderem, wie es sein kann, dass der Impfstoff so schnell erforscht und produziert werden konnte. Deshalb sei eine gute und solide Aufklärung wichtig, erklärt die Afrika-Expertin. Durch gute Impfkampagnen könne man auch diejenigen überzeugen, die dem Impfen skeptisch gegenüberstehen. Der Großteil der Menschen habe eine hohe Impfbereitschaft. Nur rund rund zehn Prozent der Menschen in Afrika seien rigorose Impfgegner, die nicht überzeugt werden könnten, habe das Difäm in einer Untersuchung festgestellt. "Es gibt etwa zwei Drittel, die mit guter Information eine sehr hohe Bereitschaft haben, sich impfen zu lassen", so Gisela Schneider. Die übrigen 20 Prozent könne man auch noch überzeugen.

Dabei ist die Impfbereitschaft in den afrikanischen Staaten unterschiedlich hoch. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Gallup vom vergangenen Jahr sind in Ländern wie Äthiopien und Ägypten vier von fünf Einwohnern bereit, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Im Senegal und in Namibia sind es aber nur noch zwei von fünf Menschen. In Gabun würde sich sogar nur jeder Dritte impfen lassen wollen.

Falschmeldungen verantwortlich für Impfskepsis

Gisela Schneider macht dafür die sozialen Medien verantwortlich. Wie in Deutschland auch sind dort viele Fehlinformationen in Umlauf, die vielen Menschen Angst machen. "Es sind dann die Falschmeldungen wie: der Neue Corona-Impfstoff führt zu Infantilität oder zu Sterilität. Solche Falschinformationen gibt es zuhauf. Und da muss man wirklich mit der korrekten Information dagegenhalten." Schneider unterstreicht aber auch, dass Impfen und Impfkampagnen nicht neu sind in Afrika. Bei den Kleinkindern seien die Impfraten gegen Krankheiten wie Diphterie, Tetanus oder Polio teilweise sehr hoch. "Das Verständnis, dass man über eine Impfung geschützt werden kann, das ist einfach weit verbreitet."

Aber selbst wenn die Impfbereitschaft da ist, fehlt es immer noch an Impfstoffen in Afrika. Bisher wird nur in Südafrika der Impfstoff von Johnson & Johnson hergestellt. Moderna und Biontech wollen Produktionsanlagen bauen, bis die fertig sind, dauert es aber noch. Auch die Afrikanische Union will die Impfstoffproduktion in den kommenden Jahrzehnten ausbauen. Noch ist der Kontinent aber auf Impfstoffe aus dem Ausland angewiesen. Mehr als zynisch ist es deshalb, wenn Millionen Dosen des afrikanischen Impfstoffs auch noch ins Ausland exportiert werden. Die New York Times hatte im August herausgefunden, dass 32 Millionen Dosen des Impfstoffs von Johnson & Johnson verschifft wurden, vor allem nach Europa. Nur zwei Millionen Dosen blieben in Südafrika. Das lag an Vereinbarungen, die inzwischen geändert wurden. Die EU will den Impfstoff zurückgeben.

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Besser läuft es bisher auch nicht mit der Covax-Initiative. Die wollte bis zum Jahresende eigentlich 40 Prozent der weltweiten Bevölkerung impfen, hat bisher aber nur rund 622 Millionen Dosen verteilt. "Da sind wir weit, weit hinterher, weil die Impfstoffe, auch wenn sie Covax versprochen wurden, teilweise gar nicht geliefert werden", stellt die Difäm-Direktorin im Podcast fest. "Neben der Covax-Initiative hat auch die Afrikanische Union zum Teil bilaterale Verträge geschlossen mit Pharma-Herstellern. Da kommen dann auch Sputnik V und die chinesischen Impfstoffe dazu, und einzelne Länder haben bilateral versucht, Impfstoffe zu bekommen."

Impfstoffhersteller verdienen 1000 Dollar pro Sekunde

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Die Industrienationen haben den Entwicklungsländern insgesamt 1,8 Milliarden Impfstoffdosen versprochen, aber nur einen Bruchteil davon geliefert - nämlich rund 260 Millionen Dosen, berichtet das globale Impfbündnis People's Vaccine Alliance. Und auch die Impfstoffhersteller Biontech und Moderna haben zusammengerechnet nicht mal ein Prozent ihrer Vakzine an arme Länder geschickt. Dabei machen die beiden Impfstoffproduzenten Milliardenumsätze. 34 Milliarden Dollar verdienen sie mit ihren Corona-Vakzinen pro Jahr - das sind 1000 Dollar oder knapp 880 Euro pro Sekunde, hat das Bündnis ausgerechnet. Anders als Astrazeneca und Johnson & Johnson: die Unternehmen verkaufen ihre Vakzine bisher zum Selbstkostenpreis, ohne damit einen Gewinn zu erzielen.

Damit ärmere Länder die Impfstoffe leichter selbst herstellen können, fordert das globale Impf-Bündnis eine vorübergehende Aufhebung des Patentschutzes für Corona-Impfstoffe. Unter anderem Deutschland und die EU sind dagegen. Aber Nichtstun ist auch keine Lösung. Dann kommt die nächste Mutante. In Afrika findet sie beste Bedingungen vor. Und wer weiß, was das Coronavirus noch alles in petto hat.

Quelle: ntv.de

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