Person der Woche

Person der Woche Wie viel Daniel Günther steckt in Hendrik Wüst?

IMG_ALT
286221865.jpg

Wüst und Günther zeigten sich nach dem Wahlsieg im Norden gemeinsam vor der Hauptstadtpresse.

(Foto: picture alliance/dpa)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Die CDU hofft nach dem Wahlsieg in Schleswig-Holstein auf Rückenwind für die Wahl in NRW. Der dortige Ministerpräsident legt in Umfragen zu. Die Grünen auch. Es könnte auf eine schwarz-grüne Neuregierung hinauslaufen. Günther wie Wüst eint ein merkwürdig provinzielles Erfolgsgeheimnis.

In der CDU keimt Hoffnung. Die NRW-Wahl - gerne auch "kleine Bundestagswahl" genannt - steht am kommenden Sonntag an und die neuesten Umfragen sagen für die Christdemokraten einen Wert von 30 Prozent voraus. Damit wäre die Union plötzlich wieder stärkste Kraft im Land, denn für die SPD werden derzeit nur noch 28 Prozent gemessen. Starke Umfragezahlen erzielen hingegen die Grünen mit 18 Prozent - das wären fast dreimal so viele Wähler wie bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2017. Zusehends mehr politische Beobachter sagen nun eine neue schwarz-grüne Landesregierung in Düsseldorf voraus.

Vor einem halben Jahr wäre das noch vollkommen unwahrscheinlich gewesen. Im Oktober 2021 lagen die Umfragewerte für die CDU bei schmalen 20 bis 22 Prozent, der gescheiterte Armin Laschet suchte einen Nachfolger und die beiden CDU-Favoriten Innenminister Herbert Reul sowie Bauministerin Ina Scharrenbach hatten kein Landtagsmandat, konnten also laut NRW-Verfassung nicht gewählt werden. Die CDU entschied sich für eine vermeintliche Notlösung namens Hendrik Wüst. Der hölzerne Verkehrsminister musste das Scherben-Erbe Laschets antreten und hatte nur winzige Chancen, die Wahl zu gewinnen. Doch genau die scheint er nun zu nutzen.

Zwei verblüffend ähnliche, neue CDU-Typen

Die Situation erinnert an die Lage der CDU in Schleswig-Holstein, als im Jahr 2016 ein gewisser Daniel Günther die angeschlagene Nord-Union als ebenso hölzerner Notkandidat retten sollte, und ihm dies 2017 knapp und schließlich 2022 spektakulär gelang.

Daniel Günther und Hendrik Wüst sind sich nicht nur wegen dieser Geschichte auf verblüffende Weise ähnlich. Beide verkörpern als Mittvierziger die gleiche Generation von neuen, schlanken CDU-Politikern, die so pragmatisch-freundlich und mittig-moderat daherkommen, dass herkömmliche Anti-CDU-Aversionen an ihnen abperlen wie ideologischer Regen am frisch gewachsten Autolack. Günther wie Wüst sind liberale Katholiken, Familienväter, ehemalige Handballspieler, deren aufregende Freizeitbeschäftigung aus Spazierengehen, Laufen und Fahrradfahren besteht. Wüst wie Günther kommen aus Mehrkindfamilien, haben beide Mitte Juli Geburtstag und die gleiche modulierte Laufstärke beim Sprechen.

Beide tragen ihre Brillen im Gestus von Pastoralreferenten, beide sind Heimatmenschen, die genau dort, wo sie aufgewachsen sind, auch studiert, geheiratet und sich beruflich niedergelassen haben - kurzum einfach geblieben sind. Sie verkörpern beide gleichermaßen die gute deutsche Provinz, Eckernförde und Rhede statt Berlin oder Frankfurt. Ihre Lebensläufe zieren keine Orte wie New York oder Shanghai, keine Adressen wie Harvard oder die London School of Economics. Sie haben keine Doktortitel, keine schillernden Freunde, exotische Reiseziele oder Chalets in St. Moritz. Beide haben ihr Bundesland nie länger verlassen. Sie sind so eskapadenfrei wie norddeutsche Bauern. Typus Schützenvereinsmitglied.

Die Ausgangslage ist nicht dieselbe

Wüst wie Günther eint auch der Karriereweg, der die gesamte Ochsentour durch die Volkspartei klassisch umfasst, vom Stadtverordneten bis zum Ministerpräsidenten. Beide sind noch vor dem Abitur in die Kohl-CDU eingetreten, beide kennen ihre Landespartei so genau wie die eigene Familie, sie agieren daher zuweilen wie erfahrene Patenonkel des Politischen. Als solche wissen sie, dass der Wahlsieg des einen im Norden den Erfolg des anderen im Westen beflügeln kann. In der CDU wird darum in dieser Woche die Vokabel "Rückenwind" arg strapaziert.

Daran ist wahr, dass viele frustrierte CDU-Mitglieder und Wähler im Westen aus dem Wahlsieg Günthers neuen Mut schöpfen und ihre Milieus mobilisieren - wohingegen bei SPD-Wählern eher eine Mobilisierung in Richtung Grünen zu spüren ist. An der Rückenwind-These falsch ist aber der Automatismus - sonst hätte die SPD nach dem Wahlerfolg im Saarland auch im Norden gewinnen müssen. Die Lage in NRW ist wesentlich diffuser als in Schleswig-Holstein. Beide Volksparteien liegen knapp beieinander, Wüst hat nach wenigen Monaten den Amtsbonus eines Daniel Günther noch lange nicht erarbeitet. Und Wüst ist auch ein Stück weit konservativer positioniert als Günther. Es wird daher einiges auf das letzte TV-Duell am Donnerstag ankommen.

Die Wahlkampfstrategen der CDU hingegen sind sich sicher, dass es bei der Wahl im Norden wie im Westen weniger um das richtungsrichtige Mischungsverhältnis von liberal-sozial-konserativ gehe, sondern um das Habituelle. Stil, Haltung und Persönlichkeit entscheide. Und da verkörpern beide tatsächlich eine gefühlte deutsche Mitte wie wenige andere - bis hin zum deutschen Umlaut ihrer Nachnamen - das doppelte "Ü" aus der bescheidenen Provinz. Das kann auch ein Erfolgsgeheimnis sein.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen