Ratgeber
(Foto: imago/Jochen Tack)
Dienstag, 17. Oktober 2017

Sinnvoll oder überflüssig?: Private Pflegeversicherung ist kein Muss

Die Unterbringung im Pflegeheim ist teuer, häusliche Pflege auch. Und ziemlich sicher reichen die Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht aus, um das alles zu bezahlen. Trotzdem ist eine private Zusatzversicherung nicht immer nötig, sagt die Stiftung Warentest.

Mit 30 oder 40 Jahren liegt der Gedanke fern, dass man irgendwann bei den alltäglichsten Dingen des Lebens auf fremde Hilfe angewiesen sein könnte. Und doch ist es gar nicht so unwahrscheinlich. Denn die Lebenserwartung steigt, und damit auch das Risiko, irgendwann zum Pflegefall zu werden. Allein mit der Rente und den Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung wird sich das kaum finanzieren lassen. Ist eine private Pflegezusatzversicherung sinnvoll? Nicht unbedingt, sagt die Stiftung Warentest, die für die neue "Finanztest"-Ausgabe 35 Tarife unter die Lupe genommen hat.

Dank der Pflegereform vom Anfang des Jahres sind viele Betroffene jetzt besser ausgestattet. Eine Vollversorgung durch die gesetzliche Pflegeversicherung gibt es aber nicht. 2015 haben rund 450.000 Menschen "Hilfe zur Pflege" beim Sozialamt beantragt.  Die wird gezahlt, wenn die Rente und das eigene Vermögen nicht ausreichen, um die Kosten zu decken. Allerdings wird das Sozialamt versuchen, sich die Ausgaben von den Angehörigen zurückzuholen. Oft kommt es nicht so weit, weil die Kinder von sich aus in die Bresche springen. Wer sich darauf nicht verlassen will, kann sich mit einem Pflegegeld- oder Pflegekostentarif absichern.

Nur bei gesichertem Einkommen sinnvoll

Sinnvoll ist das aber nur, wenn eine wichtige Bedingung erfüllt ist: Man sollte sicher sein, dass man sich die Beiträge langfristig leisten kann. Das ist eine hohe Hürde, denn die Prämien werden steigen, das Einkommen aber im Rentenalter ziemlich sicher sinken. Und oft müssen die Versicherten selbst dann noch weiterzahlen, wenn der Pflegefall tatsächlich eingetreten ist. Bei Arbeitslosigkeit oder Auslandsaufenthalten lassen sich die Beiträge manchmal aussetzen. Wenn man aber gar nicht mehr zahlen kann, verliert man den Versicherungsschutz und hat womöglich jahrelang umsonst eingezahlt.

Wer, etwa als Beamter, in gesicherten beruflichen und finanziellen Verhältnissen lebt und sich sicher sein kann, dass das auch so bleibt, kann die Pflegeversicherung schon relativ früh abschließen, etwa mit Mitte 40. Der Vorteil: Die Beiträge sind dann noch relativ günstig und die Gesundheitsprüfung stellt eine niedrigere Hürde dar. Sind erstmal Leiden wie Rheuma, Diabetes oder Parkinson diagnostiziert, wird es schwierig bis unmöglich, einen Anbieter zu finden, der einen noch aufnimmt. Zudem sind die Kosten dann natürlich höher. Der Musterkunde bei der Stiftung Warentest musste bei einem Abschluss mit 55 Jahren im Schnitt 87 Euro für einen Pflegetagegeldtarif bezahlen. Mit 45 Jahren waren es nur 56 Euro im Monat und es gab auch Angebote mit sehr gutem Leistungsniveau. Beim höheren Einstiegsalter bewertete "Warentest" zwar auch mehr als jeden zweiten Tarif mit "gut", die Bestnote wurde aber nicht vergeben.

Mehrere Varianten möglich

Die meisten Angebote im Test waren Pflegetagegeldtarife. Sie sind hierzulande am weitesten verbreitet. Dabei wird ein Tages- oder Monatsgeld vereinbart und der Kunde bekommt davon je nach Pflegegrad einen bestimmten Prozentsatz. Wie die Versicherten das Geld dann verwenden, bleibt ihnen überlassen. Sie können gegebenenfalls ein Heim bezahlen, aber genauso gut pflegende Angehörige entschädigen oder auch nur einen Menübringdienst engagieren. Das ermöglicht eine hohe Flexibilität und ist praktisch für alle, die noch keine Vorstellung davon haben, wie die Pflege später aussehen könnte. Ziemlich sicher lässt sich nur voraussagen, dass das Geld später weniger wert sein wird als heute. Wer sich für einen Tagegeldtarif entscheidet, sollte deshalb nach Möglichkeit eine Dynamik vereinbaren, rät Warentest.

Weniger gängig sind Pflegekostentarife, welche meistens die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung verdoppeln. Auch sie übernehmen inzwischen nicht nur die Kosten für stationäre Pflege, sondern auch für ambulante. Für letztere gibt es allerdings weniger Geld. Wer auf die Hilfe von Angehörigen setzt und einen Umzug ins Pflegeheim möglichst vermeiden will, ist mit einem etwas teureren Tagegeldtarif besser aufgehoben.

Keine Empfehlung für Pflege-Bahr

Vom sogenannten Pflege-Bahr, der staatlich geförderten Pflegeversicherung, raten die Warentester ab. Trotz der Subvention seien die Beiträge relativ hoch und die Leistungen in den Pflegegraden 1 bis 3 zu gering. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass später einmal - wenn überhaupt - gerade hier Unterstützung benötigt wird. Zuletzt wurden rund 85 Prozent der Antragsteller in den unteren drei Pflegegraden eingestuft, 80 Prozent ließen sich zu Hause versorgen. Umso wichtiger sei es, dass gerade für diese Fälle genügend Geld da sei, betont die Stiftung Warentest.

Apropos genügend Geld: Wer heute schon ein eher begrenztes Einkommen hat und nicht weiß, wie es sich künftig entwickelt, sollte von der Pflegeversicherung besser ganz die Finger lassen und andere Optionen prüfen, rät "Finanztest". Dann sei es sinnvoller, Geld mit möglichst guten Ertragschancen anzusparen, beispielsweise mit ETF-Sparplänen. Damit sollte man natürlich möglichst frühzeitig beginnen. Mit 50.000 Euro etwa könnte man die Versorgungslücke in Pflegestufe drei für knappe vier Jahre schließen. Manchmal ist die Pflegeversicherung aber auch verzichtbar, weil man anderweitig schon ausgesorgt hat. Wer beispielsweise langfristig mit Mieteinnahmen aus einem Mehrfamilienhaus rechnen kann, dem sollte das Thema Pflege keine Angst machen.

Quelle: n-tv.de