Ratgeber
Je länger Konflikte schwelen, desto aufwändiger wird es, sie aus der Welt zu schaffen - nicht nur am Arbeitsplatz.
Je länger Konflikte schwelen, desto aufwändiger wird es, sie aus der Welt zu schaffen - nicht nur am Arbeitsplatz.
Dienstag, 01. Mai 2018

Der 6-Punkte-Plan: Tipps im Umgang mit schwierigen Kollegen

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Norbert Rohleder

Konflikte am Arbeitsplatz können entstehen, wenn gegensätzliche Überzeugungen oder Interessen aufeinanderstoßen. Doch es gibt einige Grundregeln, die helfen, mit Konflikten am Arbeitsplatz konstruktiv umzugehen.

Wohl an beinahe jedem Arbeitsplatz finden sich Kollegen, die es den anderen Mitarbeitern nicht einfach machen: der notorische Nörgler, der unberechenbare Intrigant, der ausdauernde Pessimist oder jemand, der nur das Nötigste zu tun scheint. Solche Kollegen können zur dauerhaften Belastung werden, weil ihre Beiträge zur Teamarbeit nicht verlässlich und ihre Aussagen nicht immer verbindlich sind.

Herauszufinden, warum ein Kollege bei jeder Gelegenheit sagt "Das wird niemals funktionieren" oder seine Arbeit immer an andere weiterreicht, ist meist schwierig - zumal uns oft die Gründe, vor allem wenn sie privater Natur sind, nichts angehen.

Spätestens aber, wenn durch unkollegiales Verhalten die Arbeitsproduktivität eingeschränkt wird oder Projekte gefährdet sind, besteht Handlungsbedarf. Sich still zu verhalten und den Ärger in sich hineinzufressen, ist weder gut für die Gesundheit noch für das Betriebsklima. Je länger Konflikte schwelen, desto aufwändiger wird es, sie aus der Welt zu schaffen - nicht nur am Arbeitsplatz.

Prof. Dr. Norbert Rohleder ist Professor für Human Resource Management und Soziale Interaktion an der Hochschule Mainz.
Prof. Dr. Norbert Rohleder ist Professor für Human Resource Management und Soziale Interaktion an der Hochschule Mainz.

Doch was können Sie tun? Die folgenden Tipps können Ihnen helfen, mit schwierigen Situationen und Kollegen besser umzugehen und eine Eskalation persönlicher Konflikte im Arbeitsleben zu vermeiden.

1. Erwartungen

Um mit Ihren Kollegen fruchtbar zusammenzuarbeiten, müssen Sie keine besten Freunde sein. Es ist nicht notwendig, dass Sie die gleichen Ansichten teilen oder sich in Ihrer Art ähneln. Manchmal sind es sogar die Unterschiede zwischen den Beteiligten, die für die besten Resultate sorgen, weil unterschiedliche Charaktereigenschaften die Stärken des jeweils anderen ergänzen und Schwächen ausgleichen. Machen Sie sich Ihre eigenen Vorstellungen einer produktiven Zusammenarbeit bewusst: Was ist Ihnen wichtig - Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder eher Kreativität und spontane Hilfestellung? Was bringen Ihre Kollegen davon mit, was Sie selbst? Bemühen Sie sich, Ihre Teamkollegen besser kennenzulernen. Das gilt auch und besonders für schwierige Kollegen oder Vorgesetzte! Achten Sie dabei auch darauf, wo Sie Ihre Grenzen ziehen und welche Grenzen Ihren Kollegen wichtig sind. Potenzielle Klippen in der Zusammenarbeit lassen sich dann frühzeitig erkennen und mit den entsprechenden Maßnahmen erfolgreich umschiffen.

2. Kommunikation

Je früher Sie Schwierigkeiten ansprechen, desto besser. Ist Ihr Ärger über den Kollegen erst so groß, dass Sie schon schlechte Laune bekommen, wenn Sie ihn nur sehen, ist es für eine konstruktive Lösung oft zu spät. Suchen Sie deshalb frühzeitig das Gespräch und sagen Sie Ihrem Kollegen sachlich und in angemessenem Ton, was Sie an seinem Verhalten stört. Fragen Sie nach seiner Sicht der Situation und nehmen Sie seine Antworten ernst. Und vergessen Sie nicht, auch positive Aspekte zu thematisieren - ehrlich gemeinte Wertschätzung und Anerkennung vermögen so manchen brodelnden Konflikt zu entschärfen. Betonen Sie in jedem Fall Ihre eigene Perspektive und führen Sie nicht die angebliche Meinung anderer ins Feld, denn das könnte den Eindruck erwecken, dass Ihnen selbst die Argumente fehlen - zumal Sie nie wissen können, ob stimmt, was andere behaupten.

Ist ein sachliches Gespräch schwierig oder Sie befürchten, dass die Situation eskalieren könnte, holen Sie sich einen neutralen Dritten als Moderator ins Boot. In beruflichen Hierarchien kann das beispielsweise die übergeordnete Instanz - der gemeinsame Chef - sein.

3. Gelassenheit

Reagiert Ihr Kollege mit Vorwürfen oder Sarkasmus, bleiben Sie möglichst ruhig und sachlich. Auch wenn die Situation emotional aufgeladen ist: Nehmen Sie Angriffe nicht persönlich und konzentrieren Sie sich auf die sachlichen Aspekte eines Konflikts. Sonst verlieren Sie die Kontrolle über die Lage, weil Sie gestresst sind und das "Reptiliengehirn", wie die Kommunikationstrainerin Vera F. Birkenbihl es nennt, die Oberhand gewinnt. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, atmen Sie durch und nehmen Sie sich angemessene Bedenkzeit, bevor Sie reagieren.

Haben Sie das Gefühl, Dampf ablassen zu müssen, tun Sie es andernorts zu einer anderen Zeit und nicht in der Konfliktsituation selbst.

4. Fairness

Beteiligen Sie sich nicht an Tratsch und Lästereien über unliebsame Kollegen oder Vorgesetzte. Zwar verschafft Klatsch Ihnen zunächst Erleichterung und befriedigt, weil Sie Ihrem Ärger Luft machen können und Ihre Ansichten vielleicht sogar von anderen bestätigt werden. Langfristig wird die Situation dadurch aber komplizierter, weil Ihr Verhalten als unprofessionell verstanden werden könnte und Ihre Vertrauenswürdigkeit im Kollegium leidet. Außerdem beeinträchtigen Lästereien die Arbeitsatmosphäre. Zeigen Sie sich dagegen freundlich, kooperativ und respektvoll, dann nehmen Sie schwierigen Kollegen den Wind aus den Segeln - ganz abgesehen davon, dass dies den allgemeinen Regeln der Höflichkeit entspricht.

5. Selbstreflexion

Treten Sie einen Schritt zurück und fragen Sie sich, welchen Anteil Sie selbst an der problematischen Beziehung zu Ihrem Kollegen oder Vorgesetzten haben könnten: Unterscheiden sich lediglich Ihre Vorstellungen, wie die gemeinsame Arbeit zu erledigen ist? Oder verspüren Sie gegenüber Ihrem Kollegen auch Missgunst oder Neid? Achten Sie auf Ihre eigene selektive Wahrnehmung: Sehen Sie vielleicht nur das negative Verhalten Ihres Kollegen, nicht aber seine Bemühungen, Ihnen entgegenzukommen? Vielleicht erinnert Sie die betreffende Person auch an jemanden aus Ihrer Vergangenheit oder Ihrem privaten Umfeld, den Sie nicht mögen oder der Sie verletzt hat? Stellen Sie sich die Frage, warum Sie am Arbeitsplatz genervt sind: Belasten Sie möglicherweise Störfaktoren, die nicht unmittelbar etwas mit Ihrem Job zu tun haben und die Sie auf Ihre Kollegen projizieren?

Es ist immer Ihre individuelle Perspektive, aus der Sie ein belastetes Verhältnis wahrnehmen - das heißt, der Konflikt hat sicher auch etwas mit Ihnen zu tun. Nehmen Sie dabei aber nicht zu viel auf Ihre Kappe und bemühen Sie sich um eine realistische Einschätzung. Denn zu einem Streit gehören bekanntlich zwei.

6. Distanz

Wenn Sie trotz allen Einsatzes das Gefühl haben, nichts Wesentliches an der unbefriedigenden Lage ändern zu können, stellen Sie einen emotionalen Sicherheitsabstand zum betreffenden Kollegen her. Akzeptieren Sie, was Sie nicht steuern können und ändern Sie, was in Ihrem Einflussbereich liegt. Gehen Sie sachlich und professionell den Ihnen gestellten Aufgaben nach, verhalten Sie sich höflich und respektvoll und versuchen Sie, unkollegiales Verhalten oder unangemessene Äußerungen an sich abprallen zu lassen. Wenn nötig, kommunizieren Sie Ihre Grenzen sachlich und eindeutig.

Fazit

Völlige Konfliktfreiheit am Arbeitsplatz ist unmöglich, denn wo unterschiedliche Charaktere, persönliche Vorstellungen und Interessen aufeinandertreffen, entstehen Spannungen. Diese auf den ersten Blick profane Einsicht ist bereits ein erster Schritt zur Konfliktbewältigung, weil Sie erkennen, dass nicht nur Sie, sondern auch Ihre Kollegen am liebsten ihre eigenen Erwartungen erfüllt sehen möchten.

Prof. Dr. Norbert Rohleder ist  Professor für Human Resource Management und Soziale Interaktion an der Hochschule Mainz.

Quelle: n-tv.de