Formel1

"Es gab kein Angebot" Geschockter Vettel widerspricht Ferrari

Offiziell verläuft die Trennung von Ferrari und Sebastian Vettel einvernehmlich. Der Vierfach-Weltmeister erklärt bei RTL/ntv jedoch, dass diese Version nicht zutrifft. Kurz vor dem Saisonstart geht er auf Distanz zum Team - und gibt an, unter welchen Voraussetzungen er seine Karriere fortsetzt.

Sebastian Vettel hat sich erstmals ausführlich zu seinem Ferrari-Abschied am Ende der Formel-1-Saison 2020 geäußert - und der offiziellen Version einer gemeinsam getroffenen Entscheidung widersprochen. Wie Vettel im Interview mit RTL/ntv erklärte, sei die Kommunikation zwischen ihm und dem italienischen Rennstall im Vorfeld der Trennung "sehr klar und deutlich" dahingehend gewesen, "dass man gemeinsam weitermachen will". Entsprechend sei es für den 32-Jährigen "in erster Linie ein Schock" gewesen, als Ferrari ihm Anfang Mai mitteilte, dass die Zusammenarbeit nach sechs Jahren enden würde.

"Es kam für mich genauso überraschend", sagte Vettel über die Entscheidung, die Experten, Beobachter und Fans gleichermaßen überrumpelt hatte. In den Verhandlungen über einen neuen Vertrag habe es "keinen Knackpunkt gegeben", denn: "Es gab keine Diskussionen, es lag kein Angebot auf dem Tisch." Stattdessen klingelte Anfang Mai das Telefon des vierfachen Weltmeisters. In diesem Gespräch sei ihm mitgeteilt worden, sagt er bei RTL/ntv, "dass das Team nicht gewillt ist, weiterzumachen". Und: "Damit war das Thema dann auch durch." 2015 war er zur Scuderia gekommen, um Ferrari nach eher mageren Jahren zurück an die Spitze der Königsklasse zu führen - nun das abrupte Ende.

Mit seinen deutlichen Aussagen und der darin verpackten Kritik am Ferrari-Vorgehen geht Vettel kurz vor dem Saisonauftakt am Freitag (10.55 Uhr bei ntv.de) auf Distanz zu seinem Noch-Arbeitgeber. Dieser hatte bereits vor der Nicht-Verlängerung mit Vettel ein Zeichen gesetzt, auf wem die Hoffnungen in Maranello ruhen: auf Charles Leclerc. Der 22 Jahre alte Monegasse erhielt im Frühjahr ein neues, bis 2024 gültiges Arbeitspapier. Über Vettels Zukunft hieß es damals, wenn auch nur spekulativ, dass er einen kurzen Kontrakt zu deutlich verringerten Bezügen erhalten solle. Dem widerspricht der Deutsche nun, auch wenn er nicht explizit darauf eingeht.

Verhandelte Ferrari schon vorher mit Vettel-Nachfolger?

Auf die Gerüchte, Ferrari habe bereits im Winter mit seinem Nachfolger Carlos Sainz verhandelt, gibt Vettel dagegen wenig: "Das Ziel ist, das ordentlich zu beenden und auch gemeinsam zu beenden." Der 25-jährige Spanier, der 2021 von McLaren zu Ferrari wechseln wird, wurde bereits kurz nach der Trennung offiziell vorgestellt. Vettel lässt das offenbar kalt: "Wie lange dann vielleicht vorher mit anderen Fahrern geredet wurde oder nicht, ändert letzten Endes nichts an der Entscheidung." Er freue sich stattdessen auf sein letztes Jahr im roten Boliden und "die Chance, die ich habe".

Allerdings rechnet er nicht damit, gleich im Auftaktrennen am Sonntag (15.10 Uhr, RTL und im Liveticker bei ntv.de) um den Sieg mitfahren zu können: "Wir sind nicht die Favoriten." Bei den Testfahrten im Februar in Barcelona schien der Ferrari nicht auf dem Level des Mercedes zu sein, die Italiener erklärten jüngst, ihr Auto für den Großen Preis von Österreich nach den Erkenntnissen der Tests grundlegend überarbeitet zu haben.

Was seine persönliche Zukunft angeht, hält sich Vettel derweil bedeckt. Einen möglichen Wechsel zu Mercedes halte er zwar für attraktiv "für jeden Fahrer", schließlich erhalte man gewissermaßen mit dem Einstieg in den Silberpfeil die Chance, Formel-1-Weltmeister zu werden. "Aber ich weiß nicht, was die Pläne seitens Mercedes sind." Die Verträge von Sechsfach-Champion Lewis Hamilton und Valtteri Bottas enden nach dieser Saison, Hamiltons Verlängerung gilt aber als so gut wie sicher. Ob Bottas bleibt, ist offen, allerdings bewährte sich der Finne seit seinem Wechsel 2017 als höchst solide Nummer zwei.

Macht Vettel es wie Schumacher?

Für eine Fortsetzung seiner F1-Laufbahn hat der 53-fache Grand-Prix-Gewinner Vettel klare Bedingungen, er sei "nicht derjenige, der mitmacht, um mitzumachen". Die Entscheidung - Weitermachen oder Aufhören - hänge davon ab, "ob sich was Vernünftiges finden lässt". Auch wenn er es nicht ausspricht, scheint in seinen Worten durch: Ohne eine (mittelfristige) Chance steigt der Weltmeister der Jahre 2010, 2011, 2012 und 2013 nicht ins Auto. Damit kämen aktuell neben Ferrari allerdings nur Mercedes und Red Bull infrage, die seit 139 Rennen ungeschlagen sind. Auf eine Rückkehr zu Red Bull deutet allerdings nichts hin, zumal die Österreicher bei Neuverpflichtungen meist auf ihr eigenes Nachwuchsprogramm zurückgreifen, aus dem auch Vettel einst aufstieg.

Also eine Pause von der Formel 1, so wie etwa Michael Schumacher einst einlegte? Der Rekord-Weltmeister verabschiedete sich 2006 von Ferrari und kehrte 2010 beim Mercedes-Neustart zurück und gilt als Wegbereiter der Dominanz, mit der die Silberpfeile seit 2014 auftreten. "Es käme auf das Projekt an", sagt Vettel. Wohl auch im Wissen, dass 2022 ein neues Reglement in Kraft tritt, verbunden mit einem Kostendeckel, der für mehr Ausgeglichenheit sorgen soll.

Ob dieser erhoffte Effekt eintritt? Das ist offen, genauso wie Vettels Zukunft. Ihn selbst beunruhigt das aber nicht, er lasse sich "nicht eilen". Denn zunächst gehe es darum, einen "würdigen Abschluss" mit Ferrari auf die Strecke zu bringen. Auch, wenn die Gesprächsatmosphäre zwischen Vettel und Teamchef Mattia Binotto nach diesen Äußerungen wohl etwas angespannter sein dürfte.

Quelle: ntv.de