Fußball

Schulze-Marmeling über Fall Özil "DFB-Erklärung war ein Armutszeugnis"

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Mesut Özil war aufgrund seines Spielstils immer umstritten, sagt Autor Dietrich Schulze-Marmeling.

(Foto: dpa)

Das umstrittene Treffen der Fußball-Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan entfacht vor der WM riesige Empörung. Die Debatte kommt auch nach dem Debakel des DFB in Russland nicht zur Ruhe - im Gegenteil. Letztlich gibt Özil am 22. Juli nach 92 Länderspielen seinen Rücktritt bekannt. Er prangert Rassismus gegen ihn an und kritisiert DFB-Präsident Reinhard Grindel schwer. Wie es soweit kommen konnte, analysiert Autor Dietrich Schulze-Marmeling in seinem neuesten Buch. Im Interview mit n-tv.de erklärt er, warum vor allem Özil ins Kreuzfeuer geraten ist, was er sich vom DFB gewünscht hätte und was er selbst aus der Debatte gelernt hat.

Erst vor eineinhalb Wochen ist Özil aus dem DFB-Team zurückgetreten, jetzt erscheint bereits Ihr Buch "Der Fall Özil - Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus". Wie kann das so schnell gehen?

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Dietrich Schulze-Marmeling hat sich früh der Debatte um Mesut Özil angenommen.

Dietrich Schulze-Marmeling: Das ist relativ simpel, weil ich schon nach dem Leverkusen-Spiel (WM-Test gegen Saudi-Arabien) das Gefühl hatte, das geht alles in die falsche Richtung. Da geht es gar nicht mehr um das Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan, da kommt ein antitürkischer Rassismus hoch. Der ist ja nicht neu. Da ich gleichzeitig sehr skeptisch war bezüglich des Abschneidens der deutschen Mannschaft - ich habe ihr allerhöchstens das Viertelfinale zugetraut - war ich davon überzeugt, dass uns diese Sache weiter verfolgen würde. Es war mir ein ganz tiefes Bedürfnis, weil ich diese ganze Entwicklung nicht mehr aus einer Position der Lethargie verfolgen konnte.

Sie sagen, es gibt in der Debatte vor allem eine antitürkische Haltung, nicht grundsätzlich eine Ausländerfeindlichkeit. Hätte ein Spieler etwa mit spanischen Wurzeln einen ebensolchen Shitstorm erlitten, wie ihn nun Özil traf?

Zur Person

Dietrich Schulze-Marmeling (*1956) ist Buchautor, er schreibt seit 1992 vor allem Fußballbücher. Der gebürtige Kamener wurde 2011 für sein Werk "Der FC Bayern und seine Juden" mit dem Preis "Fußballbuch des Jahres" ausgezeichnet. 20 Jahre lang trainierte er Juniorenmannschaften beim TuS Altenberge 09.

Nein, ich glaube nicht. Das zielt auf die Spieler mit türkischem Migrationshintergrund ab. Das ist auch nicht grundsätzlich neu, Özil hat das schon bei der EM 2012 in Lemberg gegen Dänemark erlebt, dann am 1. September 2017 beim WM-Qualifikationsspiel in Prag, wo aus der deutschen Fankurve heraus skandiert wurde: "Özil abschieben, Ausländer raus." Das Antitürkische hat innerhalb des Rassismus im Fußballstadion immer eine besondere Rolle gespielt. Ich habe das schon mit 17, 18 Jahren erlebt. Erdal Keser von Borussia Dortmund war damals der einzige türkischstämmige Spieler in der Bundesliga. Gut, damals war es so, dass die türkische Community irgendwie anders gestrickt war als die Jugoslawen, Italiener, Spanier, die vorher eingewandert waren. Sie hatten beispielsweise eine andere Religion, sie entwickelten eine gewisse Größe und viele andere Einwanderer-Communities, die wir heute haben, gab es damals noch gar nicht. Dieser Rassismus gegen Ausländer konzentrierte sich immer ganz stark auf die Türken. "Türke" und "Ausländer" waren Synonyme.

Hat sich daran irgendetwas geändert?

Jetzt haben wir eine Situation, wo Özil und Gündogan in der dritten Generation der türkischen Einwanderer - sie sind ja in Deutschland geboren - plötzlich erleben, dass ihre Identität infrage gestellt wird. Aber das ist auch ein großes Problem der Debatte derzeit, dass sich die Anforderungen an Integration immer weiter verschieben - entsprechend der politischen Entwicklung im Land. Da wird plötzlich von Özil und Gündogan die Demonstration eines Deutsch-Seins verlangt, die nicht von Manuel Neuer und Thomas Müller und auch nicht von Mario Gomez erwartet wird. Früher galt als integriert, wer die deutsche Sprache beherrschte, die hiesigen Gesetzte befolgte, Leistung zeigte und Steuern zahlte - aber einem Teil der Gesellschaft reicht das nicht mehr.

Die Debatte konzentriert sich mittlerweile auf Özil, Gündogan ist in den Hintergrund gerückt. Hat er sich einfach cleverer verhalten, weil er sich früh zu dem umstrittenen Foto mit Erdogan geäußert hat?

Ja, er hat sich früh dazu geäußert. Özil hat aber auch viel mehr Länderspiele gemacht als Gündogan, er war also auch immer viel mehr im Fokus. Hinzukommt, dass sich manche rassistische Kritik an Özil hinter einer Kritik an seinem Spielstil versteckt. Özils Spielstil war immer umstritten, wie der ganze Löw'sche Fußball immer umstritten war. Es gab Leute, die waren begeistert von der Weiterentwicklung des Spiels - moderner Fußball, ästhetisch, weg von diesem deutschen Rumpelfußball, von diesen deutschen Tugenden. Einer der Schlüsselspieler dafür war Özil. Es war auch 2014 so, dass man Stimmen hörte, "Naja, Weltmeister geworden - trotz Löw". Es gab immer diese Kritik, die auch eine Kritik an Özil ist. Eine ähnliche Kritik gab es bis zur WM 2014 auch an Kroos - nur ohne rassistische Begleitmusik. Erst vor einigen Tagen hat mir jemand gesagt: "Um den Wert von Spielern wie Kroos und Özil für eine Mannschaft zu erkennen, darfst du nicht nur normaler Fan sein. Da musst du richtig Ahnung haben." So ein Matthäus, der fiel auf. Özils Spiel dagegen hängt auch davon ab, ob seine Mitspieler auf seine Ideen eingehen können. Und so kam der Tenor: Der wurde ja immer völlig überschätzt, auf den können wir verzichten. Und im Übrigen schlage sein Herz ja eh viel mehr für die Türkei. Das ist immer mehr in eine rassistische Richtung gegangen.

Genau, es gibt die Kritik, Özil und Gündogan könnten sich nicht mit Deutschland identifizieren, sie sollten doch lieber für die Türkei spielen. Aber geht es - auch für künftige Spieler - nicht letztlich um den sportlichen Erfolg?

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Es ist ja nicht nur bei Deutschen mit Migrationshintergrund so, dass da manchmal zwei oder sogar drei Herzen schlagen, sondern auch bei Deutschen ohne Migrationshintergrund. Denken Sie an die vielen jungen Menschen, die etwa in die USA gehen, da jemanden kennenlernen, dann aus den USA zurückkehren und sagen, da gibt es einige Dinge, die gefallen mir besser. Dann regiert da aber Trump und dann ist es gut, dass Deutschland die Heimat ist. Aber sollte bei uns Gauland irgendwann Bundeskanzler werden, schlüge ihr Herz vielleicht eher für die USA.

Zudem muss man als Spieler die Voraussetzung erfüllen, sportlich für Deutschland nominiert zu werden. In der Vergangenheit spielten doch viele Deutschtürken nicht für die Türkei, weil ihr Herz ausschließlich für dieses Land schlägt. Sondern sie wussten, dass sie dort eher Nationalspieler werden konnten als in Deutschland. Das ist aber natürlich in der globalisierten Welt eine legitime Entscheidung. - in beide Richtungen. Manchmal ist mir diese pragmatische Haltung auch lieber, als wenn von "Herzblut", "Vaterlandsliebe" und diesen Dingen die Rede ist.

Sie kritisieren im Buch den DFB, der Ihrer Meinung nach versucht, sich rauszureden und sich gut darzustellen. Was hätte stattdessen passieren müssen?

Das ist eigentlich ganz einfach: Ich habe schon 2017 in Prag ein klares Statement des DFB vermisst, der stattdessen rumgeeiert hat, versucht hat, die Sprechchöre runterzuspielen. Wenn man während der WM ein, zwei Sätze gesagt hätte, etwa: "Unabhängig davon, was wir von diesem Treffen mit Erdogan halten, verurteilen wir diese rassistische Kampagne gegen Mesut Özil aufs Schärfste." Das hätte genügt, das hätte die Luft rausgenommen. Dann hätte auch Özils Berater nicht dieses Statement schreiben können, zumindest den letzten Teil nicht. Dass das nicht gekommen ist, habe ich überhaupt nicht verstanden. Stattdessen forderte Grindel nach der WM eine Klarstellung von Özil. Da muss man sagen, es ist das erste Mal in der Geschichte des deutschen Fußballs, dass von einem Spieler ein politisches Statement gefordert wird. Sonst sollen sie doch immer unpolitisch sein und die Fresse halten und nun ist Özil plötzlich gefordert. Man begründet das mit dem veränderten Resonanzboden für das Thema Migration, das heißt, man nimmt die zunehmende rassistische Stimmung im Land, um Druck auf Özil auszuüben. Ich glaube, das hat bei Özil, seinem Berater und seinem Umfeld das Fass zum Überlaufen gebracht.

Und die Reaktion auf Özils Rücktritt?

Die erste DFB-Erklärung nach Özils Statement war ein absolutes Armutszeugnis, die war furchtbar. Grindel hat dann eine persönliche Erklärung nachgeschoben, in der sagt: "Ich bedauere es sehr, dass dies (das Foto mit Erdogan) für rassistische Parolen missbraucht wurde. Rückblickend hätte ich als Präsident unmissverständlich sagen sollen, was für mich als Person und für uns alle als Verband selbstverständlich ist: Jegliche Form rassistischer Anfeindungen ist unerträglich, nicht hinnehmbar und nicht tolerierbar." Warum hat er das nicht früher gesagt? Warum nicht während der WM oder unmittelbar danach? Jetzt fragt man sich: Wer ist der echte Grindel? Und man ist bis heute nicht auf die konkreten Vorwürfe Özils eingegangen, beispielsweise die doppelten Standards betreffend. DFB-Ehrenspielführer Matthäus und Co. können sich mit jedem treffen, da wird kein Trara gemacht, aber bei ihm wird so ein riesiges Theater aufgeführt. Da kann man doch etwas sagen als DFB.

Ist Grindel noch der richtige fürs Amt des DFB-Präsidenten?

Ich bin keiner, der ständig Rücktritte fordert, ich weiß auch nicht, ob es damit getan ist, wenn man irgendwelche Personen austauscht. Aber man muss da mal ganz tief in sich gehen und sich hinterfragen, was solche schönen Proklamationen gegen Rassismus, solche schönen PR-Kampagnen und so weiter gebracht haben. Warum versagen wir ausgerechnet in dem Moment, in dem konkret ein Aufstehen gefordert ist, warum sind wir da nicht präsent? So ein Nachdenken fände ich gut. Diese Gesellschaft ist natürlich nicht durch und durch rassistisch, das ist völlig klar. Aber es gibt diesen Rassismus und es gibt ihn ganz bestimmt auch im Fußball, da ist auch nicht immer alles so schön, wie es geschildert wird.

Die ganze Erdogan-Affäre hat eine Debatte ausgelöst, hat Folgen wie etwa den Hashtag #Metwo, bei dem sich viele zu Alltagsrassismus äußern. Hat diese Diskussion also insgesamt auch etwas Gutes?

Ich glaube schon. Ich erhoffe mir, dass zumindest im demokratisch-liberalen Spektrum der Gesellschaft eine größere Sensibilität entsteht. Manche Menschen, die die AfD wählen, wird man so schnell nicht umstimmen können. Aber ich habe mich selbst dabei erwischt gefühlt, dass ich mir über die Konsequenzen verschiedener Ereignisse in den letzten 25 Jahren - Mölln, Solingen, NSU-Morde, die Debatte über einen EU-Beitritt der Türkei - keine Gedanken gemacht habe. Ich war darüber fast beschämt, denn ich komme aus einer Stadt im Ruhrgebiet, die seit den 70er-Jahren viele türkischstämmige Bürger hat und man wusste nichts von denen, wie es ihnen geht und wie sich die Community entwickelt, wie sich deren Verhältnis zu Deutschland wie zur Türkei vor dem Hintergrund der genannten Ereignisse womöglich verändert. Wenn wir diese Ignoranz ablegen, wäre das, glaube ich, hilfreicher als alle neuen Integrationsmodelle.

Mit Dietrich Schulze-Marmeling sprach Anja Rau

Quelle: n-tv.de

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