Fußball

Wer darf denn wen bestrafen? Das große Hygienekonzept-Chaos

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Hertha BSC verstieß schon gegen das Hygienekonzept, da ist das Ignorieren der unverbindlichen Jubel-Empfehlungen nur noch eine Petitesse.

(Foto: picture alliance/dpa)

Trotz der erfolgreichen Rückkehr des Profifußballs bleiben weiter Fragen offen. Die Grünen baten die Bundesregierung um Antworten. Die erhielten sie nun. Zufriedenstellend seien sie nicht, sagt Monika Lazar. Der Ball rollt trotzdem weiter. Wer ihn stoppen könnte, bleibt unklar.

Der Re-Start der Bundesliga am vergangenen Wochenende war ein großer Erfolg. Quotenrekorde im In- und Ausland, viele nach dem kurzen Vorlauf überraschend intensive Spiele und, was das wichtigste war, keine größeren Vorfälle. Die Fans blieben zu Hause und die Protagonisten des Fußballs hielten sich an das Hygienekonzept der DFL und - bis auf wenige Ausnahmen - auch an die Jubel-Empfehlungen der Liga. Nur Hertha BSC, Wehen-Wiesbaden und Bayer Leverkusen freuten sich arg zu körperlich über ihre Treffer. Vor allem die Berliner kassierten böse Kommentare, wurden aber nicht bestraft.

Doch bevor die Augen der Welt sich am vergangenen Wochenende auf die leeren Stadien der ersten beiden Ligen richteten, kam es bereits zu einigen Verstößen gegen das international beachtete Hygienekonzept der DFL. Hertha-Stürmer Salomon Kalou dokumentierte in einem Facebook-Livestream Handschläge, fehlende Distanz und unzureichende Schutzkleidung bei einem Test.

Der Ivorer wurde vom Verein suspendiert. Bereits da zählte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder den Fußball an. "Die Liga steht auch schwer unter Bewährung, das [Hygienekonzept - Anm. d. Red.] einzuhalten. Die Öffentlichkeit wird genau hinschauen."

An diese Seiten gilt es sich zu halten

Genau das tat die Öffentlichkeit, als Heiko Herrlich, Trainer des FC Augsburg, das im Konzept vorgeschriebene siebentägige Quarantäne-Trainingslager für den Kauf von Zahnpasta und Handcreme verließ. Nach seiner bizarren Pressekonferenz sperrte er sich selbst für den Spieltag am Wochenende. Nach zwei negativen Tests ist er mittlerweile zurück bei seiner Mannschaft. Die Öffentlichkeit schaute weniger genau hin, als Borussia Mönchengladbach das Quarantäne-Trainingslager um einen Tag verkürzte. Es blieb eine Randnotiz.

Die mittlerweile auch auf Englisch übersetzten 51 Seiten des Hygienekonzepts haben in den vergangenen Wochen weltweit für Aufsehen gesorgt. Diese Seiten bilden die Grundlage für das bislang größte Projekt der Unterhaltungsbranche Sport während der Krise, inmitten der Coronavirus-Pandemie bietet es die Ebene für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Auf der Basis des Konzeptes gaben Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder Grünes Licht für den Restart der Bundesliga. An diese Seiten gilt es sich zu halten.

Aber was passiert, wenn das nicht der Fall ist? Welche staatlichen oder nicht-staatlichen Institutionen kontrollieren die Einhaltung des Konzeptes und welche Konsequenzen hätten Verstöße gegen das Hygienekonzept auf politischer Ebene? Diese Frage stellte Monika Lazar, die sportpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, in der vergangene Woche der Bundesregierung. Eine Antwort liegt nun vor und Lazar zeigt sich verschnupft: "Sie bringt leider kein Licht ins Dunkel", sagt sie in einer Reaktion für n-tv.de

"Für Aspekte des Arbeitsschutzes sind die Arbeitsschutzverwaltung der Länder und die zuständige Verwaltungs-Berufsgenossenschaft zuständig", heißt es in der Antwort der Bundesregierung, die n-tv.de seit Mittwoch vorliegt. Lazar wundert sich: "Wer die Einhaltung des Konzepts überprüft, ist mir weiterhin unklar." So habe man im Sportausschuss auf die lokalen Gesundheitsämter verwiesen, nun jedoch auf andere Stellen.

Bestraft nur die DFL die Verstöße der DFL-Mitglieder?

Antwortet die Bundesregierung noch auf die Frage nach der Kontrolle, so verweist sie im zweiten Teil der Frage nach der Sanktionierbarkeit eines Verstoßes auf einen Beschluss der DFL-Vollversammlung vom 14. Mai. Demnach hat das Hygienekonzept und ein ergänzendes Informationshandbuch durch die Aufnahme als Anlage in die DFL-Spielordnung "nunmehr auch rechtliche Verbindlichkeit für alle Clubs" und sie seien somit DFL-intern sanktionierbar, erklärt die Bundesregierung in ihrer Antwort.

Lazar zeigt sich verwundert. Sie sagt: "Die Einhaltung des DFL-Konzepts muss von unabhängigen Stellen kontrolliert werden. Eine Kontrolle und Sanktionierung durch die DFL allein reicht nicht. Dopingkontrollen etwa werden auch nicht von Sportverbänden und Mannschaftsärzten durchgeführt, sondern von der unabhängigen Nationalen Anti-Doping Agentur."

Mit Blick auf die ausstehenden acht Spieltage der Liga und eventuelle Verstöße warnt sie vor einem theoretischen Interessenskonflikt. Sie sagt: "Ohne der DFL oder den Vereinen etwas unterstellen zu wollen, muss man schon sehen, dass es theoretisch einen Interessenkonflikt geben kann, denn DFL und Vereine wollen die Saison sportlich zu Ende bringen." Im Falle gravierender Verstöße fordert sie, über den Widerruf der Spielgenehmigung nachzudenken. Lazar sagt: "Die Entscheidung vom 6. Mai darf kein Freifahrtschein sein."

Da ist sich Lazar mit Markus Söder einig. Der saß am Sonntag nach den ersten Spielen der Bundesliga im Sport1-"Doppelpass" und ermahnte Hertha BSC. "Ich fand das nicht gut", sagte Söder. Diesmal haben die Berliner gegen eine Empfehlung der Liga für korrektes Jubeln in Zeiten einer Pandemie verstoßen. Diese Empfehlung findet sich nicht im DFL-Konzept und nicht im Informationshandbuch. Sanktionierbar ist das Fehlverhalten nicht - für niemanden. Schon vor dem ersten Spieltag nach der Corona-Pause hatte Söder in der "Bild" gesagt: "Wenn einem die Gesundheitsexperten diese Vorschläge gegeben haben, wenn die Liga selbst unter großem Aufwand und mit klugen Ideen Konzepte erarbeitet hat, muss man sich an diese Regeln halten. Und wenn man sich nicht daran hält, dann gibt es im Zweifelsfall eine Rote Karte." Wer die zeigen könnte, ist weiter unklar.

Quelle: ntv.de