Fußball

Quali und Auslosung als Farce Der "schändliche" Weg zur Fußball-EM

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Manuel Neuer hat gut Lachen: Die deutsche Mannschaft und ihre Fans dürfen sicher sein, bei der EM 2020 dabei zu sein.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

20 der 24 Teilnehmer an der Europameisterschaft 2020 stehen fest. Die restlichen vier Teams werden in einem komplizierten Playoff-System ermittelt. Wenn das Feld komplett ist, könnte das Chaos erst richtig losgehen.

Der Träumer ist inzwischen längst weg, seine wahr gewordene Vision hat ihn aber überlebt – und sorgt für reichlich Kopfzerbrechen. Michel Platini, 2015 wegen ethischer Unzuverlässigkeit aus dem Verkehr gezogener Ex-Präsident der Uefa, hatte von einer Fußball-Europameisterschaft geträumt, die sich "vom Osten bis zum Westen, vom Norden bis zum Süden" erstrecken und die Menschen "in ganz Europa" begeistern sollte. Und weil man mächtigen Fußball-Funktionären nicht widerspricht, wenn man seine gut dotierten Posten behalten möchte, findet die EM 2020 zu ihrem 60-jährigen Jubiläum also in elf europäischen Städten und einer vorderasiatischen Metropole (Baku) statt - mit 24 Teams. Fast jeder darf mitspielen und mal überall hinfahren, das war die Idee, wie es scheint.

Wer aber wirklich mitspielen darf, das ist nach dem Ende der Qualifikations-Gruppenphase noch lange nicht klar. Und es wird auch nach der vorläufigen Auslosung der EM-Vorrundengruppen noch nicht klar sein. Es ist kompliziert - und kann noch zur Farce werden. Der Weg zu den endgültigen Vorrundengruppen ist kurios bis absurd.

Wer ist schon qualifiziert - und vor allem: warum?

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Kevin De Bruyne spielte mit Belgien eine makellose EM-Quali.

(Foto: imago images/Reporters)

Dieser Teil ist noch einfach: Qualifiziert sind die jeweils ersten beiden der zehn Gruppen der EM-Quali, wie man sie kennt. Das sind: Belgien, Italien, England, Deutschland, Spanien, Ukraine, Frankreich, Polen, Schweiz, Kroatien, Niederlande, Russland, Portugal, Türkei, Dänemark, Österreich, Schweden, Tschechien, Wales, außerdem ist Finnland zum ersten Mal in der Geschichte des Landes bei einem großen Turnier dabei.

Wegen der Gastgeberschwemme mussten sich erstmals in der 60-jährigen Geschichte des Wettbewerbs alle interessierten Nationen durch die Qualifikation arbeiten. Das haben noch nicht alle geschafft: Ungarn, Schottland, Irland und Rumänien müssen auf erfolgreiche Playoffs hoffen, ein Gastgeber ist sicher nicht dabei: Aserbaidschan hat keine Chancen mehr, bei der Europameisterschaft zu sein – auf welchem Wege auch immer. Einem Großteil des Landes dürfte das egal sein: Es liegt zu vier Fünfteln in Asien.

Wo wird gespielt?

Jeweils zwei Gastgeber teilen sich eine Gruppe. Ist nur ein Gastgeber direkt qualifiziert, hat dieser automatisch Heimrecht, auch wenn sich der Ko-Gastgeber über die Playoffs qualifizieren sollte. In Gruppe B mit zwei direkt qualifizierten Gastgebern wird das Heimrecht ausgelost.

Gruppe A: Italien (Rom), Aserbaidschan (Baku)

Gruppe B: Russland (St. Petersburg), Dänemark (Kopenhagen)

Gruppe C: Niederlande (Amsterdam), Rumänien (Bukarest)

Gruppe D: England (London), Schottland (Glasgow)

Gruppe E: Spanien (Bilbao), Irland (Dublin)

Gruppe F: Deutschland (München), Ungarn (Budapest)

Wie verteilen sich die Teilnehmer auf die Lostöpfe?

Durch den Gruppensieg sicherte sich die deutsche Nationalmannschaft nicht nur eine Prämie in Höhe von drei Millionen Euro, sondern auch einen Platz in Topf 1. Das bedeutet jedoch sportlich keine größere Sicherheit. Aber dazu später mehr.

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Wer kann sich noch über die Playoffs qualifizieren?

Jetzt beginnt der spannende Teil. Denn die vier letzten Plätze werden nicht wie gewohnt unter den besten Gruppendritten der Qualifikation ausgespielt. Stattdessen verteilt die Uefa Tickets unter den irgendwie erfolgreichen Teams der Nations League. Der eine oder andere von Ihnen erinnert sich vielleicht noch an den Wettbewerb, der jetzt nochmal wichtig wird. Kleine Erinnerung: In der Nations League gab es vier Staffeln (A, B, C und D), die aus jeweils vier Gruppen bestanden. Für die nun anstehenden EM-Playoffs haben sich dort alle 16 Gruppensieger qualifiziert. So weit, so klar. Nun aber beginnt das Durcheinander, denn elf der zwölf Teams der Liga A sind über die Qualifikationsrunde qualifiziert. Nur Island muss in die Playoffs. Dafür rücken schwächere Teams aus den unteren Gruppen nach. Island bekommt es mit drei Vertretern aus der Staffel C zu tun, die am 22. November ausgelost werden. Das Absurde an diesem Modus: Selbst, wenn Deutschland seine letzten zwölf Pflichtspiele in Nations League und EM-Quali allesamt verloren hätte - die Mannschaft von Joachim Löw hätte trotzdem noch in den Playoffs antreten dürfen.

So stellen sich die Wege zur Mega-EM derzeit da:

Playoff-Pfad A: Island plus drei der vier Teams Bulgarien, Israel, Ungarn, Rumänien

Playoff-Pfad B: Bosnien-Herzegowina vs. Nordirland und Slowakei vs. Irland

Playoff-Pfad C: Norwegen vs. Serbien und Schottland gegen eins der vier Teams Bulgarien, Israel, Ungarn, Rumänien

Playoff-Pfad D: Georgien vs. Weißrussland und Nordmazedonien vs. Kosovo

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Uefa-Boss Aleksander Ceferin muss die komplizierte EM-Qualifikation moderieren.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Und jetzt gehen die Probleme erst richtig los: Jede Nations-League-Staffel soll eigentlich über den jeweiligen Pfad einen eigenen Teilnehmer ausspielen, dafür sollten die jeweiligen Gruppensieger gegeneinander in zwei Halbfinals (ohne Hin- und Rückspiel) antreten, der Finalsieg führt sicher zur EM. Wirklich.

Diese Konstellation ist jedoch noch unter Vorbehalt zu verstehen, denn es treffen zwei einander eigentlich ausschließende Regeln der Uefa aufeinander: Eigentlich dürfen nicht zwei Gastgeber in einem Pfad platziert werden – und dazu heißt es in den Regularien: "Bestreiten vier oder mehr Mannschaften derselben Liga die Playoffs, muss ein Playoff-Weg mit vier Teams aus der betreffenden Liga gebildet werden." Das heißt: Die vier Teams aus Liga D müssen unter sich bleiben. Das "Emergency Panel" des Verbandes unter Führung von Uefa-Präsident Aleksandar Ceferin muss diese Problematik lösen.

Die Halbfinals der Pfade werden am 26. März ausgespielt, die Finals am 31. März. Aber in der Uefa-Zentrale in Nyon zittern sie schon, weil diese Konstellation je nach Verlauf der Spiele sogar am 1. April eine neue Auslosung der Vorrundengruppen notwendig machen könnte. Ein lächerlicher Vorgang für eine der größten Sportveranstaltungen der Welt.

Wer weiß, vielleicht findet sich auf einem der Zettel dann auch ein Team, das heute noch gar keiner auf dem Zettel hat. Überraschen würde es bei diesem Prozedere niemanden.

Wann müsste neu ausgelost werden?

Eigentlich darf in jedem Pfad nur ein Gastgeber platziert werden, weil jeder Pfad bei der Auslosung am 30. November (die Auslosung also der EM-Gruppen, nicht der Playoffs), automatisch der Gruppe zugeteilt wird, die dem im Pfad um das Ticket kämpfenden Gastgebernation zugeordnet ist. Im Falle von Ungarn wäre das die deutsche Gruppe F mit den Spielorten München und Budapest, im Falle Rumäniens die Gruppe C, die in Amsterdam und Bukarest ausgespielt wird.

Landen aber nun Ungarn und Rumänien gemeinsam in einem Pfad, es setzt sich aber der "falsche" durch, dann muss noch einmal gelost werden. Denn die qualifizierten Gastgebernationen sollen natürlich in ihrer Heimat spielen. Wow.

[Update: Die Uefa hat inzwischen erklärt, dass eine Neuauslosung am 1. April definitiv vom Tisch sei, allerdings ohne zu erklären, warum.]

Wie sind die Reaktionen auf den Mechanismus?

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"Eine Schande", nannte der belgische Nationalspieler Kevin De Bruyne von Manchester City den Auslosungsmodus. "Für mich fühlt sich das an wie Wettbewerbsverzerrung." De Bruynes Belgier hatten sich ohne Verlustpunkt in ihrer Qualifikations-Gruppe das Ticket für das Großturnier gesichert. Die Auslosung ihrer Gruppe wird für das Team jedoch nur mäßig spannend: Mit Dänemark und Russland stehen zwei gastgebende Gegner bereits fest. In Lostopf 1 liegen nur zwei Nicht-Gastgeber - neben Belgien noch die Ukraine. Da die Ukraine aufgrund der politischen Weltlage in der Vorrunde nicht auf Russland treffen darf, ist klar: Belgien landet in der Russland-Gruppe B. Der dritte Gegner wird Wales oder Finnland heißen. "Fußball ist mehr und mehr ein Geschäft geworden", klagte de Bruyne gegenüber dem belgischen Sender VTM Nieuws. "Das nimmt der Auslosung alle Spannung und jedes Vergnügen."

Der Bondscoach der Niederlande verriet "De Telegraaf" seine Schwierigkeiten mit dem ganzen Prozedere: "Ich verstehe dieses neue Format nicht wirklich", sagte Ronald Koeman: "Ich habe schon im Verband nachgefragt, ob ich wirklich zu dieser Auslosung am 30. November gehen soll."

Worauf kann sich die deutsche Mannschaft schon einstellen?

Für die deutsche Mannschaft und die deutschen Fans gibt es schon einiges an gesichertem Wissen: Als direkt qualifizierter Gastgeber wird Deutschland alle drei Vorrundenspiele in München bestreiten. Hätten sich die "Gruppenpartner" aus Ungarn ebenfalls direkt qualifiziert, hätte das Heimrecht im direkten Duell ausgelost werden müssen. Diese Unsicherheit entfällt.

In der Gruppe F muss sich Bundestrainer Joachim Löw auf illustre Gäste einstellen: Frankreich, Polen, Schweiz oder Kroatien warten in Topf 2, Portugal, die Türkei, Österreich, Schweden oder Tschechien in Topf 3. Der dritte Gegner wird aus den Playoff-Teilnehmern ermittelt. Welcher Pfad nach Deutschland führt, wird also auch am 22. November klar sein – es sollte die Konstellation mit Ungarn sein. Aber wer weiß das heute schon?

Und was ist mit dem Kosovo?

Sollte sich der Kosovo über die Playoffs qualifizieren, wird es noch einmal kompliziert. Denn aufgrund der politischen Situation hat die Uefa mögliche Partien ihres jüngsten Mitglieds gegen Russland, Serbien und Bosnien-Herzegowina für die Vorrunde ausgeschlossen, ebenso wie Ukraine gegen Russland.

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(Foto: Judith Günther)

 

Quelle: n-tv.de