Fußball

Was war denn mit Russland los? Die DFB-Elf stürmt ohne Maßstab

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Sané wirbelt und begeistert - sogar den Bundestrainer.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Eine Halbzeit lang spielt die deutsche Fußball-Nationalelf im Test gegen Russland so, wie es sich Bundestrainer Joachim Löw wünscht. Aber was heißt das schon gegen eine bessere Partytruppe?

Für einen Moment beschäftigte sich Joachim Löw in der 77. Minute mit der LED-Werbetafel vor der Trainerbank. Es war ja auch gerade nicht viel los im Leipziger Zentralstadion. Leroy Sané trabte zur Seitenlinie, wo ihn Leon Goretzka erwartete. Es war der sechste und damit endlich letzte Wechsel, den der Bundestrainer am Donnerstagabend vornahm. Auch der Spieler des FC Bayern sollte im Test der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Russland noch ein paar internationale Minuten auf seinem Erfahrungskonto verbuchen. Dass über diese nach dem 3:0 (3:0)-Sieg gegen einen kolossal schwachen Gast nicht mehr geredet wird, es wird Goretzka herzlich egal sein. Viel wichtiger war ja ohnehin die Frage: Ignoriert Löw nun Sané erneut, wie schon vor der vergeigten WM in Russland?

Deutschland - Russland 3:0 (3:0)

Deutschland: Neuer - Ginter, Süle, Rüdiger (60. Tah) - Kehrer, Kimmich, Havertz (65. Rudy), Hector (70. Schulz) - Sané (77. Goretzka), Gnabry (73. Müller), Werner (65. Brandt). - Trainer: Löw
Russland: Lunew - Nababkin (79. Semjonow), Neustädter, Dschikija, Rausch (71. Kudrjaschow) - Gasinski, Kusjajew (71. Kambolow) - Ionow (75. Polos), Jerochin, Alexej Mirantschuk (61. Anton Mirantschuk) - Ari (55. Sabolotni). - Trainer: Tschertschessow
Schiedsrichter: Schärer (Schweiz)
Tore: 1:0 Sané (8.), 2:0 Süle (25.), 3:0 Gnabry (40.)
Gelbe Karte: Jerochin (64.)
Zuschauer: 35.288

Nicht doch. Der Bundestrainer dreht sich um, umarmte ihn lange und sprach mit ihm. Vielleicht erklärte er dem schwer zu bändigenden Stürmer von Manchester City, dass er einen Ball freistehend aus fünf Metern gerne ins Tor köpfen darf. Und nicht zwingend, wie nach 23 Minuten, zaghaft in die Arme des russischen Torwarts Andrej Lunew. Vielleicht lobte er Sané aber auch für eine muntere Leistung als einer von drei sehr beweglichen Angreifern. Vielleicht gab's eine Anerkennung für seinen launigen Trick gegen zwei Russen kurz vor der Pause. Vielleicht bedankte sich Löw aber auch einfach nur für das 1:0 nach acht Minuten, das dem Spiel der jungen DFB-Elf bis zur Pause eine gewisse Leichtigkeit gab. Die sahen die lediglich 35.288 Zuschauer auch beim 2:0 beim souveränen Abschluss von Abwehrchef Niklas Süle (25.) und beim 3:0 durch einen noch souveräneren Abschluss von Serge Gnabry (40.).

"Die erste Hälfte war gut", sagte der Bundestrainer noch um kurz vor Mitternacht. "Wir haben den Ball gut laufen lassen und haben es geschafft, aus einigen Situationen in die Tiefe zu gehen und zum Abschluss zu kommen." Das war, anders als im von Wechseln zerfaserten "Kuddelmuddel" der zweiten Halbzeit, durchaus unterhaltsam, selbst wenn das Publikum nur selten den Eindruck machte, es würde sich gut unterhalten fühlen.

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Die stärksten Momente hatte es immer dann, wenn es die "Russia, Russia"-Rufe der Sbornaja-Fans kleingeistig mit Pfiffen konterte. Nun sind sie beim Deutschen Fußball-Bund nach dem erfolglosesten Länderspieljahr der einhundertzehneinhalbjährigen Geschichte aber gerade um sehr viel Nähe, Wärme, nette Worte und schöne Gesten bemüht und so wollte sich niemand beklagen. "Es war nicht ausverkauft, das ist schade. Aber wir haben auch in diesem Jahr nicht so viel dafür getan, dass jedes Spiel ausverkauft ist", sagte Torwart und Kapitän Manuel Neuer.

"Heute war das viel besser"

Womöglich ändert sich das bereits am Montag, wenn Deutschland in Gelsenkirchen gegen die Niederlande (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) womöglich noch gegen den Abstieg in die zweite Klasse der Nations League spielt. Ob es ein Klassiker mit sportlicher Brisanz wird, entscheidet sich an diesem Freitagabend, wenn die Niederlande in ihrem vorletzten Gruppenspiel gegen Frankreich antreten. DFB-Präsident Reinhard Grindel jedenfalls meldete gute Zahlen in Sachen Kartenverkauf. Sei's drum. So oder so wird die Partie gegen Oranje den Verantwortlichen validere Hinweise zum Stand des eingeleiteten Umbruchs liefern, der auch eine Folge des 0:3-Desasters im Hinspiel Mitte Oktober ist. Das Spiel in Leipzig lieferte keine großen Erkenntnisse. Auch, weil viele wichtige Spieler der Russen verletzt fehlten.

Gegen eine Mannschaft, die im Sommer als Gastgeber bei der WM дома mit guter Organisation, einem abgezockt-effizienten Spiel und einer Laufleistung, die Spekulationen über Doping nährte, überraschend das Viertelfinale erreichte hatte, setzte Löw seinen Umbruch fort. Mit Kapitän Neuer und Innenverteidiger Matthias Ginter nominierte er nur noch zwei Weltmeister für die Startelf. In der Nations League beim 1:2 in Paris gegen Frankreich, als der Bundestrainer erstmals konsequenter auf junge Spieler gesetzt hatte, waren es mit Mats Hummels und Toni Kroos noch vier gewesen.

Hinter der schon gegen die "Les Bleus" beeindruckend wirbelnden Dreierreihe mit Sané, Timo Werner und Gnabry durfte sich nun das Leverkusener Top-Talent Kai Havertz erstmals von Beginn an beweisen. Auch, weil Kroos geschont wurde und sich Marco Reus mal wieder mit einer kleinen Verletzung plagt. Havertz spielte, als sei er schon sehr lange für die Organisation des Offensivspiels dieser Mannschaft verantwortlich. Er spielte, als kenne er sämtliche Lösungen für die quälenden Probleme mit Tempo und Tiefe im deutschen Spiel 2018. Er forderte Bälle, verteilte sie intelligent und vorwärtsdenkend.

Mit Havertz als Spielgestalter korrigierte die junge Mannschaft in den ersten 45 Minuten all das, was Löw in seiner seichten WM-Aufarbeitung Ende August als Fehler erkannt hatte. Entsprechend lobte der Trainer: "Die Geschwindigkeit vorne hatten wir bei der WM nicht, da haben wir die Dynamik im letzten Drittel nicht herstellen können und waren deshalb einfach zu verteidigen. Heute war das viel besser." Viel besser, ja. Aber: Russland war auch kein Maßstab.

Quelle: n-tv.de

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