Fußball

So läuft's gegen Russland Was wagt Löw mit der DFB-Elf?

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Symboldbild Anpacken: Joachim Löw.

imago/Picture Point LE

Nach einem desaströsen Fußballjahr inklusive WM-Blamage geht es für die deutsche Nationalelf gegen Russland und dann zum Abschluss in der Nations League gegen die Niederlande. Wie ernst meint es der Bundestrainer mit dem Umbruch?

Worum geht's?

Viel gewinnen können die deutschen Fußballer nicht mehr. Seit die Nationalmannschaft am 5. April 1908 ihr allererstes Länderspiel mit 3:5 in Basel gegen die Schweiz verlor, hat es kein Jahr gegeben, in dem eine Auswahl des DFB so viele Niederlagen kassierte wie in diesem. Bisher sind es sechs. Noch schwerer wiegt, dass sie, auch zum ersten Mal in ihrer Historie, bei einer Weltmeisterschaft in der Vorrunde ausschied. Das Aus im Sommer in Russland als Gruppenletzter war eine Blamage. Und in der von der Uefa neu geschaffenen Nations League könnte das Team von Bundestrainer Joachim Löw aus der Eliteliga A absteigen.

So geht es an diesem Donnerstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Freundschaftsspiel gegen das russische Team im Leipziger Zentralstadion allenfalls darum, beim Publikum ein wenig für gute Stimmung zu sorgen, zum Beispiel mit einem überzeugenden Sieg einer jungen Mannschaft. Da kann Löw ruhig behaupten, das Ergebnis spiele keine Rolle. Und es geht eben darum, sich auf die Partie gegen die Niederlande am Montag in Gelsenkirchen vorzubereiten, das ebenfalls um viertel vor neun angepfiffen wird. Löw baut aber schon einmal vor: "Ein Abstieg wäre "jetzt auch kein Weltuntergang", sagte er am Tag vor der Partie gegen Russland. Wichtig sei im nächsten Jahr die Qualifikation für die Europameisterschaft 2020.

Wie ist die Ausgangslage?

Deutschland - Russland, 20.45 Uhr

Deutschland: Neuer (FC Bayern /32 Jahre alt/82 Länderspiele) - Ginter (Borussia Mönchengladbach/24/22), Süle (FC Bayern/23/14), Rüdiger (FC Chelsea/25/27), Hector/1. FC Köln/28/41) - Kimmich (FC Bayern/23/36), Goretzka (FC Bayern/ 23/17) - Gnabry (FC Bayern/23/3), Havertz (Bayer 04 Leverkusen/19/1), Sané (Man City/22/15) - Werner (RB Leipzig (22/21). - Trainer: Löw
Russland: Lunew (Zenit St. Petersburg/27/5) - Nababkin (ZSKA Moskau/32/2), Dschikia (Spartak Moskau/24/11), Neustädter (Fenerbahce/30/10), Rausch (Dynamo Moskau/ 28/8) - Gasinskij (Krasnodar/29/14) - Ionow (FK Rostow/29/15), Anton Mirantschuk (Lok Moskau/23/6), Alexej Mirantschuk (Lok/23/19), Jerochin (Zenit/29/21) - Tschalow (ZSKA/20/0). - Trainer: Tschertschessow
Schiedsrichter: Sandro Schärer (Schweiz)

Ob es dann am Montag im letzten Länderspiel dieses sportlich so unseligen Jahres überhaupt noch um irgendetwas geht, hängt davon ab, wie die Niederländer am Freitag ab 20.45 Uhr in Rotterdam gegen den Weltmeister aus Frankreich spielen. Gewinnt Oranje, steht fest, dass die DFB-Elf aus dieser Dreiergruppe in die Liga B der Nations League absteigt. Falls nicht, bekommt sie so etwas wie ein Endspiel. Die Deutschen entgehen dem Abstieg, …

  • ... wenn die Elftal gegen Frankreich verliert und die deutsche Elf die Niederländer besiegt.
  • ... mit einem Sieg gegen Oranje mit mindestens vier Toren Unterschied, wenn Holland zuvor gegen Frankreich unentschieden spielt.
  • ... mit einem 3:0 gegen die Niederländer, wenn Oranje 0:0 gegen Frankreich spielt. Dann zählt die Fair-Play-Wertung. So steht es im Reglement der Uefa in Artikel 15. Derzeit hat die DFB-Elf zwei Minuspunkte auf dem Konto. Die Niederlande stehen bei einem Spiel weniger noch ohne Verwarnung da. Für Gelbe Karten gibt es einen Minuspunkt und für Gelb-Roteund Rot drei Minuspunkte.

Wie ist das deutsche Team drauf?

Im Grunde geht es gar nicht um den Abstieg. Das wäre nur die Pointe eines unseligen Jahres. Die Frage ist: Umbruch oder nicht? Was wagt Löw in Leipzig und dann in Gelsenkirchen? Beim 1:2 in Paris Mitte Oktober war er nach dem 0:3 in Amsterdam über seinen Schatten gesprungen und hatte auf junge Spieler gesetzt. Die Frage war nur: Warum so spät? Aus Überzeugung oder auf Druck der Kritiker, die sogar seine berufliche Zukunft als Bundestrainer infrage gestellt hatten? Will er diese Diskussionen künftig vermeiden, sollte er diesen Weg weitergehen. Bei der achtbaren Niederlage gegen den Weltmeister spielte der 23 Jahre alte Niklas Süle vom FC Bayern in der Innenverteidigung. Sein Vereinskollege Jérôme Boateng war da schon verletzt abgereist. Nun hat ihn der Bundestrainer gar nicht erst eingeladen.

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Er muss zu Hause bleiben: Jérôme Boateng.

(Foto: imago/VI Images)

Auf der rechten Abwehrseite spielte der 22 Jahre alte Thilo Kehrer von Paris St. Germain, links verteidigte Nico Schulz von der TSG Hoffenheim, 25 Jahre alt. Vor allem aber das Trio mit Leroy Sané von Manchester City und Timo Werner von RB Leipzig, beide 22 Jahre alt, sowie dem ein Jahr älteren Serge Gnabry vom FC Bayern brachte zumindest in der ersten Halbzeit eine Rasanz und ein Tempo ins Angriffsspiel, dass es eine Freude war, ihnen dabei zuzusehen. Wobei: Der DFB-Elf und ihrem Trainer erging es wie dem FC Bayern nach der Niederlage in Dortmund in der Ligapartie am elften Spieltag: Sie freuten sich über ihre gute Leistung, obwohl sie verloren hatten. Das sollte gegen Russland besser nicht so sein. Sané, Gnabry und Werner dürften jedenfalls erneut in der Startelf stehen. "Die drei vorne haben es gut gemacht. Die Tendenz geht dahin, dass sie wieder beginnen", sagte Löw.

Löw verweist stets darauf, dass eine Mannschaft nur mit jungen Spielern nicht funktioniere. Immer wieder betont er, dass es auf die richtige Mischung ankomme. "Eine gewisse Kontinuität und Stabilität braucht man auch bei der Weiterentwicklung einer Mannschaft." Und: "Man muss den Jungen zugestehen, dass sie nicht immer diese Konstanz haben. Aber der Umbruch findet statt, der Prozess ist in Gang gesetzt." Da Toni Kroos von Real Madrid erst zum Spiel gegen die Niederlande anreist und der Dortmunder Marco Reus angeschlagen ausfällt, hat der Bundestrainer in Leipzig die Chance, das Team auf einigen Positionen weiter zu verjüngen; zum Beispiel mit dem 19 Jahre alten Mittelfeldspieler Kai Havertz von Bayer 04 Leverkusen und mit dessen vier Jahre älteren Klubkollegen Julian Brandt. Und nur zur Erinnerung: Joshua Kimmich und Leon Goretzka vom FC Bayern sind auch erst 23 Jahre alt.

Was machen die Russen?

Sind guter Dinge, wie man hört. "Die WM hat mich interessanter für ältere Frauen gemacht", sagte der 55 Jahre alte Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow der "Bild am Sonntag". Neulich in London habe ihn "eine 85-jährige Dame auf der Straße angesprochen". Die Gastgeber hatten im Sommer überraschend das Viertelfinale erreicht und waren damit ungleich erfolgreicher als die deutsche Mannschaft. Und auch nach dem Ausscheiden gegen den späteren Finalisten aus Kroatien im Elfmeterschießen ging es gut weiter. Nach einem 2:1 (1:1) in der Türkei, einem 0:0 gegen Schweden und einem 2:0 (1:0) gegen die Türken im Rückspiel steht am Dienstag das letzte Gruppenspiel in der Nationenliga an. Schon mit einem Remis in Schweden würde die russische Elf von der Liga B in die höchste Liga A aufsteigen. Zwischendurch gab's im September ein 5:1 (3:0) im Test gegen Tschechien. Da bleibt Tschertschessow die Muße, seinem Kollegen alles Gute zu wünschen. "Ich bin überzeugt, er schafft das. Wenn ihr in Deutschland einen Besseren habt als Jogi Löw, dann seid ihr wirklich ein besonderes Fußball-Land." Die beiden kennen und mögen sich aus ihrer Zeit in Tirol.

Mit dem Fußballclub Innsbruck wurden der Torwart Tschertschessow und der Trainer Löw 2002 österreichischer Meister. Danach war kein Geld mehr da, der Verein wurde aufgelöst. Nun kann der eine aufsteigen und der andere absteigen. Auf die Frage zum Dopingverdacht gegen seine Spieler sagte Tschertschessow übrigens nur: "Wenn Sie depperte Fragen stellen, kriegen Sie depperte Antworten!"

War sonst noch was?

Beim DFB bemühen sie sich nach der katastrophalen WM um mehr Nähe zu den Fans. So besuchten die Nationalspieler in dieser Woche eine Schule und einen Fußballklub in Leipzig. Richtig Lust auf die Mannschaft scheinen die Menschen aber nicht zu haben. Für die Partie gegen Russland hat der Verband bisher etwa 30.000 Karten zum Preis von 25 bis 80 Euro verkauft. Das Zentralstadion hat 42.000 Plätze. Das heißt: Mindestens 10.000 Plätze bleiben leer. Für die Partie gegen die Niederlande sind erst 39.000 Karten weg. Dabei sind knapp 55.000 zu haben, und vielleicht geht's ja am Montag noch um was. Da hilft es wenig, dass Tickets für Kinder bis sechs Jahre nur zehn Euro kosten. Das klingt nach einem tollen Angebot: Mal schön mit der Fünfjährigen bis 22.30 Uhr im Stadion sitzen. Leute! Aber der Bundestrainer liegt grundsätzlich schon richtig, wenn er sagt: "Man kann nicht erwarten, dass uns die Fans nach so einem Jahr die Bude einrennen."

Quelle: n-tv.de

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