Fußball

Neuer patzt, Müller angekratzt Löws DFB-Elf steckt hilflos im Abstiegskampf

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Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft lernt durch ihre Niederlage gegen die Niederlande nun den Abstiegskampf in der Nations League kennen.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Die Niederlage der deutschen Fußball-Nationalelf in den Niederlanden ist kein Desaster, das Ergebnis aber deutlich. Den DFB-Fußballern droht nun der Abstieg in die B-Klasse der Nations League. Auch für Bundestrainer Löw ist das nach dem WM-Fiasko ein Problem. Und was ist mit Manuel Neuer los?

Eines vorweg: Das Spiel der deutschen Fußball-Nationalelf in Amsterdam gegen die Niederlande war nicht ganz so schlimm, wie das Ergebnis es vermuten lässt. Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw hatte am Samstagabend gut begonnen und die Partie weitgehend im Griff. Dann aber patzte Torhüter Manuel Neuer und Virgil van Dijk, der Kapitän der Gastgeber, traf zum 1:0, was die allermeisten der 52.536 Zuschauer in der ausverkauften Johan-Cruyff-Arena sichtlich erfreute. Der Rest war dann aus deutscher Sicht nicht so gut, Memphis Depay in der 87. Minute und Georginio Wijnaldum in der dritten Minute der Nachspielzeit erhöhten auf 3:0 - Oranje boven!

Niederlande - Deutschland 3:0 (1:0)

Niederlande: Cillessen - Dumfries, de Ligt, van Dijk, Blind - de Roon, de Jong (77. Ake), Wijnaldum- Bergwijn (68. Groeneveld), Depay, Babel (68. Promes). Trainer: Koeman
Deutschland: Neuer- Ginter, Boateng, Hummels, Hector - Kimmich - Can (57. Draxler), Kroos - Müller (57. Sané), Werner - Uth (68. Brandt). Trainer: Löw
Schiedsrichter: Çakır (Türkei)
Tore: 1:0 van Dijk (30.), 2:0 Depay (87.) 3:0 Wijnaldum (90.+3)
Gelbe Karten: keine
Zuschauer: 52.536 (ausverkauft)

Ein Problem hat das DFB-Team nun trotzdem, eigentlich sind es gleich mehrere Probleme. Nach dem 0:0 gegen Frankreich zum Auftakt der Nations League Anfang September steht sie nun in der Gruppe 1 der Liga A auf dem dritten und letzten Platz. Am Dienstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) geht es zum Rückspiel gegen den Weltmeister nach Saint-Denis. Der Abstieg in die Liga B droht. Das wäre nach dem desastösen Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft in Russland ein fatales Signal. Wieder gelang der Nationalmannschaft kein Tor, in diesem Jahr sind es in zehn Partien nur acht Treffer. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat sie in drei Pflichtspielen nacheinander nicht getroffen. In diesem Jahr hat sie fünf Mal verloren, das gab's zuletzt 1985. Verliert sie auch im Stade de France, wäre das ein Negativrekord. Der Bundestrainer sagt: "Logischerweise ist ein Abstieg nicht wünschenswert, das wollen wir auf keinen Fall. Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen für das Spiel in Paris, da Charakter zeigen - die Mannschaft und jeder Einzelne." Apropos - die deutschen Spieler in der Kritik:

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Manuel Neuer musste insgesamt drei Mal hinter sich greifen.

(Foto: imago/ActionPictures)

Manuel Neuer: Torwartfehler ist ein großes Wort, doch gut sah der 32 Jahre alte Schlussmann des FC Bayern in seinem 81. Länderspiel beim ersten Tor der Niederländer nach einer halben Stunde nicht aus. Nach der Ecke von Depay flog der Ball vors Tor, Mats Hummels und Jonas Hector kamen nicht heran, dafür Ryan Babel, der die Kugel mit der Schulter an die Latte bugsierte. Van Dijk verwertete den Abpraller mit dem Kopf. Und der Kapitän der deutschen Mannschaft? Irrte im Fünfmeterraum umher, mutmaßlich in dem Ansinnen, den Ball zu fangen. Kapitän Neuer, einer von neun WM-Teilnehmern in der deutschen Startelf, ist seit der WM nicht mehr der, der er einmal war, sondern nur noch ein normaler Torhüter. Und erinnern wir uns daran, dass mit dem 26 Jahre alten Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona ein sehr guter Torhüter auf der Bank sitzt. Von dort aus musste er zusehen, wie Jasper Cillessen mit hervorragenden Paraden dazu beitrug, dass die Gastgeber ohne Gegentreffer blieben. Cillessen ist der Ersatztorhüter des FC Barcelona. Neuer hat immerhin erkannt: "Wenn du das Spiel verlierst, kritisiert man natürlich viel und spricht negativ über die Mannschaft."

Matthias Ginter: Wie schon in den ersten beiden Partien nach der WM, beim 0:0 gegen Frankreich und beim 2:1 gegen Peru, präsentierte sich der 24 Jahre alte Abwehrspieler der Mönchengladbacher Borussia in seinem 21. Länderspiel als solide Lösung auf dem Posten des rechten Außenverteidigers. Die Stelle ist ja neuerdings vakant, seit sich der Bundestrainer entschlossen hat, Joshua Kimmich im Mittelfeld einzusetzen. Ginter ist zwar eigentlich Innenverteidiger, ließ aber zumindest in der Defensive auf seiner Seite wenig anbrennen und hinderte nach 34 Minuten den oben bereits erwähnten Babel im letzten Moment daran, den Ball ins Tor zu schießen und bereits zu diesem frühen Zeitpunkt auf 2:0 zu erhöhen - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Flankenläufe sind seine Sache nicht. Und wenn er mal nach vorne lief, spielte ihn keiner seiner Kollegen an. Dass es dennoch für den inoffiziellen Titel des besten deutschen Abwehrspielers reichte, ist bezeichnend.

Jérôme Boateng: Frisurentechnisch ist der 30 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern seit jeher ganz vorne dabei, an diesem lauen Herbstabend wurde er in seinem 76. Länderspiel nur von Babel übertrumpft, dessen rot gefärbtes Haar sich allerdings mit seinem orangenen Trikot biss. Beißen ist ein gutes Stichwort: Boateng machte bereits vor der Pause den Eindruck, als sei er nicht fit. Und doch musste er sich auch die gesamte zweite Halbzeit durchbeißen. Unsicherheitsfaktor ist ein großes Wort, aber je länger das Spiel dauerte, desto mehr Fehler machte er. Beim ersten Tor der Elftal stand er zu weit weg von van Dijk, beim zweiten sah er ebenfalls nicht gut aus und beim dritten grätschte er beherzt ins Nichts. Das war in Amsterdam nicht der souveräne Boateng von einst. Spieler wie Depay und Steven Bergwijn sind einfach zu schnell für ihn - ein bitterer Abend. Dabei deutete er mit einigen weiten Pässen an, was der doch im Grunde für ein feiner Fußballer ist.

Mats Hummels: Der 29 Jahre alte Innenverteidiger des FC Bayern ist eigentlich einer, der nicht nur die Abwehr zusammenhält, sondern sich mit mutigen Pässen am Aufbauspiel beteiligt. In seinem 68. Länderspiel gab er aber nur wenige Impulse. Vielleicht hatte Löw auch ihn gemeint, als sagte, einigen Spielern habe es nach dem Rückstand an Selbstvertrauen gefehlt. Beim ersten Gegentor versuchte Hummels vergeblich, dem Kollegen Hector zu helfen. Sieben Minuten nach der Pause köpfte er den Ball auf Babel, der auf der Torlinie stand - es wäre der Ausgleich gewesen. Nach dem Abpfiff wartete er mit einer interessanten These auf. Die Niederlage sei allein der schlechten Chancenverwertung geschuldet. "Wir haben 0:3 verloren in einem Spiel, das wir gewinnen müssen." Und: "Mal hat man Pech, mal ist es Unvermögen, mein Kopfball wird auf der Linie geklärt, sonst geht er ins Eck. Es sind tausend Situationen. Der Gegner macht wie so häufig aus seiner ersten Chance ein Tor. Wir werden auf jeden Fall auf die Fresse kriegen, aber wir haben uns nicht viel vorzuwerfen."

Jonas Hector: Weil der 28 Jahre alte Linksverteidiger dem 1. FC Köln die Treue geschworen hat, ist er der einzige Zweitligaspieler im Kader. In seinem 41. Länderspiel war es so, dass der Gegner mit Vorliebe über seine Seite angriff, was zur Folge hatte, dass Hector kaum nennenswerte Aktionen in der Offensive vorzuweisen hatte. Das 0:1 ging, nachdem Torhüter Neuer an der Ecke vorbeigesegelt war, zu einem guten Teil auch auf seine Kappe. Und besagter Bergwijn von der PSV Eindhoven war auch für ihn meist zu schnell. Kurzum: Auch für ihn war es eher ein gebrauchter Abend.

Joshua Kimmich: Wenn die eigene Mannschaft mit 0:3 verliert, dann ist es wohl ein schwacher Trost, der beste Spieler gewesen zu sein. Wieder bewies der 23 Jahre alte Allrounder vom FC Bayern, dass er wie geschaffen ist für seine neue Rolle als Sechser vor der Viererabwehrkette. In seinem 35. Länderspiel räumte er ab, was es abzuräumen gab, emsig wie eh und je. Er tat das meist mit einer Übersicht, die beeindruckte. Auch in den Zweikämpfen war er stark. Nach 65. Minuten glückte ihm ein starker Pass auf den eingewechselten Leroy Sané. Wie die Geschichte ausging, lässt sich am Endergebnis ablesen. Kimmich ist vom Typ her einer, der auch dann gut spielt, wenn es schlecht läuft. Nur kann auch er ein Spiel nicht alleine gewinnen. Sagen wir es so: Ihn anstelle von Neuer zum Kapitän zu ernennen, wäre ein Zeichen, dass der Bundestrainer es ernster meint mit der Erneuerung seiner Mannschaft, als es bisher den Anschein hat.

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Bundestrainer Joachim Löw brachte nach einer knappen Stunde Julian Draxler. Der leitete zwei Gegentore ein.

(Foto: dpa)

Emre Can: Weil der Münchner Leon Goretzka kurzfristig verletzt abgesagt hatte, nominierte Löw den 24 Jahren Mittelfeldspieler von Juventus Turin nach und beorderte ihn prompt in die Startelf. In seinem 21. Länderspiel begann er gut, und es schien, als würde er seine doch etwas unverhoffte Chance nutzen. Was wirklich gut war: Sein langer Pass in der 38. Minute auf Thomas Müller, auch wenn der Kollege kein Tor schoss. Erinnerte mit kraftvollen Vorstößen anfangs nicht nur optisch an Sami Khedira zu seinen besseren Zeiten, mit zunehmender Dauer dann aber an den Khedira bei der WM. Außerdem hatte Can viel damit zu tun, im zentralen Mittelfeld die Kreise des niederländischen Jungstars Frenkie de Jong zu stören. Nach 57 Minuten war Schluss, es kam der 25 Jahre alte Julian Draxler von Paris Saint-Germain in die Partie und zu seinem 48. Länderspiel. Der schoss zweimal, in der 58. und 69. Minute schön aufs Tor und machte auch sonst einen ganz agilen Eindruck. Allerdings war er es, der vor dem zweiten und auch vor dem dritten Tor der Elftal den Ball verlor.

Toni Kroos: Vor dem Spiel hatte er davon gesprochen, aus den Spielen in Amsterdam und beim Weltmeister in Frankreich sechs Punkte holen zu wollen. Trotz verkorkster WM sei die DFB-Elf doch schließlich keine Gurkentruppe. Ist sie auch nicht. Aber der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler von Real Madrid verpasste es in seinem 89. Länderspiel, seinem selbstbewussten Auftreten außerhalb des Platzes eine spielerisch starke Leistung auf dem Rasen folgen zu lassen. Klar, er spielte seine Pässe, aber meistens quer. Inspirierendes hatte er wenig bis nichts zu bieten, selbst seine Eckbälle blieben ungefährlich. Die Manndeckung des Gegners behagte ihm so gar nicht - aber das Problem stellte sich ja auch schon beim Turnier in Russland. Nach der Pause steigerte er sich ein wenig, war aber keiner, der das Spiel machte. Sein Vorschlag mit Blick auf Dienstag: "Raus kommst du aus einer solchen Phase, indem du weitermachst. Es gibt Phasen, da läuft alles gegen dich. Es bringt uns nichts, uns jetzt einzuschließen. Wir müssen die guten Sachen von heute mitnehmen."

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Thomas Müller und Julian Draxler gaben keine glücklichen Figuren beim Kick gegen die Elftal ab.

(Foto: imago/Schüler)

Thomas Müller: Zwei große Torchancen, in der 18. und in der 38. Minute, hatte der 29 Jahre alte Offensivspieler des FC Bayern in seinem 97. Länderspiel auf dem rechten Flügel, doch sein 39. Treffer für die Nationalelf gelang ihm nicht. Sein Trainer war dennoch so davon angetan, dass er sagte: "Ich hatte das Gefühl, das ist der Müller, wie man ihn kannte, er geht weite Wege hinter die Abwehr und strahlt große Gefahr aus." Wahrscheinlich war hier der Wunsch Vater der Aussage: Endlich wieder einen Müller im Team zu haben, der den Ball einfach mal ins Tor schießt. Löw sagte nämlich auch zu der Szene nach dem feinen Pass von Can, als Müller den Ball ans Außennetz schoss: "Normal hat er die in der Vergangenheit genutzt. Das zeigt, dass viele Spieler ein angekratztes Selbstvertrauen haben." Im Training habe er sie noch alle versenkt. So jedenfalls kann er kein Startelfkandidat für die Partie in Frankreich sein. Dafür vielleicht Leroy Sané? Der 22. Jahre alte Flügelflitzer von Manchester City kam nach 57. Minuten für Müller und startete gut in sein 13. Länderspiel, wirbelte munter und zeigte, dass er eine Bereicherung ist. Nur als es dann darauf ankam und er nach 65 Minuten und dem Traumpass von Kimmich ein Tor erzielen sollte, schoss er den Ball am Ziel vorbei.

Mark Uth: Die Nominierung des Mannes, der seit seinem Wechsel von der TSG Hoffenheim zum FC Schalke 04 im Sommer kein Tor mehr erzielt hat, war schon eine Überraschung. Dass der Bundestrainer den 27 Jahre alten Angreifer der Gelsenkirchener von Beginn an spielen ließ, war noch etwas überraschender. Der 100. Debütant in der seit 2006 währenden Ära Löw war sehr bemüht, die in ihn gesetzten Hoffnungen zu erfüllen. Sein Mentor kommentierte das Ergebnis so: "Das Spiel war für ihn schwierig, man kann da nicht mehr erwarten von Mark. Wir hatten keinen einzigen Zentrumsstürmer vorne, deshalb hat Mark gespielt, er hat ein Näschen für Situationen, im Training einige Tore erzielt. Aber wir haben ihn relativ wenig in Szene gebracht." Anders ausgedrückt: Eine echte Torchance hatte Uth nicht, dafür einen schweren Stand gegen die Innenverteidiger van Dijk und Matthijs de Ligt. Nach 68 Minuten war sein erstes Länderspiel vorbei, für ihn spielte fortan der 22 Jahre alte Julian Brandt. Der Leverkusener konnte in seinem 21. Länderspiel aber als letzte Offensivhoffnung nichts mehr bewirken.

Timo Werner: Grundsätzlich war es eine gute Idee, den 22 Jahre alten Angreifer auf dem linken Flügel einzusetzen. Das hatte der Leipziger schon beim 2:1 gegen Schweden in Russland gezeigt, den einzigen Sieg der deutschen Mannschaft bei der WM. Die größte Torchance in seinem 20. Länderspiel hatte er an nach einer Viertelstunde, scheiterte aber an seiner Hektik und an Cillessen - Sie wissen schon, das ist der Ersatztorhüter des FC Barcelona. Ansonsten rannte er, also Werner, sehr viel und half fleißig in der Abwehr aus. Grundsätzlich war das alles nicht schlecht, gereicht hat es aber nicht. Sein Fazit: "Wir haben das Tor nicht gemacht, das ist im Moment unser größtes Manko. Natürlich sind die Köpfe sehr weit unten bei uns. Aber auch gegen Frankreich kann man gewinnen."

Quelle: n-tv.de

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