Fußball

Die Lehren des 27. Spieltags Die Retro-Bayern beleben Beckenbauer

Der BVB legt souverän vor, der FC Bayern legt souverän nach: Vor dem womöglich vorentscheidenden Duell um die Deutsche Meisterschaft liefern die Konkurrenten Reife- und Stärkenachweise. Also das Gegenteil von dem, was Schalke derzeit ist.

1. Die dienstältesten Bayern richten es

Über Martin Hinteregger wollen sie beim FC Bayern nochmal reden. Aber bitte nicht falsch verstehen: Der Österreicher ist nicht als kommender Mann für die Abwehr geplant. Wobei sie in München mit Österreichern in der Abwehr ja sehr gut klarkommen derzeit. Dass sie über Hinteregger nochmal reden wollen, liegt daran, dass der Frankfurter die äußerst dominanten Bayern am Samstagabend für den Hauch von einem Moment verunsicherte, mit zwei Toren nach zwei Standards. Um mehr geht's nicht! Wo sollte er denn auch hin in dieser bayrischen Abwehr, die ja aktuell nicht mal einen Platz für Lucas Hernandez, den teuersten Spieler der Vereinsgeschichte, hat und in der Jerome Boateng aktuell offenbar darüber nachdenkt, seinen Abschied zum Gott weiß wievielten Male zu verschieben?

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"Unten kamen keine Fangesänge an, da müssen wir intern nochmal drüber sprechen." Das sagte Thomas Müller über den Edelfan Franz Beckenbauer.

(Foto: Peter Schatz / Pool )

Nun, sei's drum. Am Samstagabend vertrieben die Bayern die letzten Erinnerungen an ihre bisweilen turbulente und nie ganz stimmige "Kovac-Zeit", die in der Hinrunde nach einem katastrophalen 1:5 gegen jene Frankfurter geendet war, die nun mit 5:2 dominiert wurden. Mit einem wieder bemerkenswert guten David Alaba (der Österreicher aus der Abwehr) und dem derzeit dauerfuriosen Thomas Müller (ein Tor, eine Vorlage, zahlreiche Top-Momente), dessen sportliche Wertlosigkeit ja noch häufiger herbeigeschrieben wurde als Boatengs Abgang. Beide, also Alaba und Müller, sind übrigens die dienstältesten Spieler beim Rekordmeister - sie verpassen dem Flick'schen Erfolgskollektiv gewissermaßen den Retro-Charme. Das ewige Mia-san-mia, das auch Franz Beckenbauer hinter seinem Mund-Nasen-Schutz im leeren Stadion erkaiserte. Nachdem er zuletzt aus gesundheitlichen Gründen nicht am nun verjährten Sommermärchen-Prozess teilnehmen konnte, geht's ihm nun offenbar deutlich besser und er genoss die Dominanz seines Herzensklubs: "Die Bayern sind in einer sehr starken Verfassung", lobte er. Und sie beschwingen ihn zu weiteren Besuchen: "Ich gehe jetzt immer zu Geisterspielen." Schön, dass der Kaiser wieder fit ist.

2. Der BVB hat einen neuen Spielentscheider

Bei Borussia Dortmund wissen sie nach dem gleichsam unspektakulären wie souveränen Erfolg gegen den VfL Wolfsburg (2:0) gar nicht, worüber sie sich am meisten freuen sollen. Bei Twitter bejubeln sie unter anderem das nächste Zu-null-Spiel von Torwart Roman Bürki, sie bejubeln ihren genesenen Top-Vorbereiter Jadon Sancho, sie bejubeln den persönlichen Saisonrekord von Thorgan Hazard und sie bejubeln die Rückkehr von Axel Witsel ins Training mit dem Ball. Was sie nicht bejubeln: die überragende Form von Raphael Guerreiro. Das aber übernehmen indes dies "Ruhr Nachrichten". Und zwar völlig zu Recht. In den ganzen Lobhudeleien um den Zauber-Erling, um den Brandt Julian und den Sancho Jadon verzwergen sich die Top-Leistungen des Portugiesen ein wenig. Dabei spielt er eine phänomenale Rückrunde - mit acht Scorerpunkten in zehn Spielen, mit einem Derby-Doppelpack mit einfachem Fußball, mit Dynamik und Abschlussstärke. "Er wird immer mehr zu einer spielbestimmenden Figur", lobte Michael Zorc via "Bild"-Zeitung. Die ist längst auch Mats Hummels, aber ausgerechnet vor dem Topspiel gegen den FC Bayern am Dienstagabend (18.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) droht er auszufallen. Aber womöglich auch nicht. Bei Twitter würden sie das bestimmt bejubeln.

3. Wie ein Absteiger

Nichts gegen den FC Augsburg, aber wenn man vom FC Augsburg verspottet wird, dann kann's nicht gut um einen stehen. Über ihren englischen Twitter-Account verlachte der zuletzt wegen Heiko Herrlichs "Handcreme-Gate" selbst verlachte Klub den FC Schalke 04. Die Schwaben hatten die Gelsenkirchener am Sonntagmittag im eigenen Stadion mit 3:0 gedemütigt und wenig später kurzerhand die Zahlen im Logo der Schalker bearbeitet (aus 04 wurde 03). Für die Gastgeber war es bereits das neunte Bundesliga-Spiel in Serie ohne Sieg. In der Rückrundentabelle ist nur der SC Paderborn schlechter. Warum der Einbruch der Schalker übrigens vorhersehbar war, das sehen Sie hier.

Es passt wirklich nichts mehr zusammen: die Abwehr anfällig, das Mittelfeld in einer unerklärlichen Kreativkrise und der Sturm - was genau ist eigentlich ein Sturm? Vier kümmerliche Tore sind in der Rückrunde erst zusammengekommen, zwei davon wurden von Fußballern erzielt, die eigentlich als Stürmer bezeichnet werden: Michael Gregoritsch traf direkt nach der Winterpause beim letzten Sieg (2:0 gegen Mönchengladbach) und der talentierte, aber kaum berücksichtigte Ahmed Kutucu brachte Schalke am 8. Februar gegen Paderborn in Führung (1:1). Nun also die nächste Klatsche - und eine Analyse von Trainer David Wagner, die königsblaue Schreckenszenarien weckt: "Wir entwickeln zu wenig Torgefahr und nutzen unsere wenigen Chancen nicht. Wir schießen zu wenig Tore und machen zu viele individuelle Fehler. Uns fehlt die Leichtigkeit, das Vertrauen, die Automatismen. Wir entwickeln keine Dominanz aus dem Mittelfeld heraus. Wir machen wahnsinnig viele individuelle Fehler." Das Beste an der Situation: Der Relegationsrang ist 13 Punkte weg.

4. Doch kein Big City Club?

Womöglich wird bei Hertha BSC ja jetzt doch noch alles gut. Womöglich sind jetzt endlich alle K-Krisen abgearbeitet - Klinsmann, Corona (okay, das ist ein kleiner Fake), Kalou und Kontaktjubel. Nach dem durchaus furiosen Derby-Sieg gegen Union Berlin ist das Team von Bruno Labbadia Tabellenführer der Post-Corona-Pause: Zwei Siege, 7:0 Tore - der Traum vom "Big City Club" bekommt in dieser Saison sportlich erstmals nahrhafte Kost. Wobei das mit den eiligen "Big City Club"-Ambitionen von Investor Lars Windhorst im Klub selbst ja alles ganz anders ist, als es die Öffentlichkeit vermutet. Präsident Werner Gegenbauer klärte bei einer Mitgliederversammlung (virtuell natürlich) auf: "Wir hier haben nie vom 'Big City Club' gesprochen. Und wir haben auch nie vom kurzfristigen Erreichen von Europa gesprochen. Sondern wir haben diese Ziele über Michael Preetz sehr eindeutig und sehr angemessen formuliert."

Nun, das sind zumindest gute Nachrichten für Mario Götze. Der soll ja bereits einmal in Berlin im Gespräch gewesen sein und nun nach seinem BVB-Aus (der eine oder andere witterte in der Verkündung am Samstag einen Paukenschlag) auf wohlmeinendes Anraten seines Weltmeister-Buddies Bastian Schweinsteiger zu einem Klub wechseln, wo er spielen würde und das müsse ja nicht unbedingt der beste in Europa sein!

5. Jetzt gewinnt eben das bessere Team

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Stimmt die These mit der Geisterspielkulisse, dann wird der FC Bayern noch sehr viele Spiele in dieser Saison gewinnen.

(Foto: REUTERS)

WDR2-Mann Burkhard Hupe ist ein Orakel. Oder er kannte bereits die Statistik, als er am späten Sonntagnachmittag erklärte, dass in den Geisterspielen der Bundesliga nun eben häufiger die technisch bessere Mannschaft gewinne. Wie recht er hat: In den bislang 18 absolvierten Geisterspielen nach der Zwangspause gab's lediglich drei (!) Heimsiege - durch den BVB (gegen Schalke), durch die Bayern (gegen Frankfurt) und durch die Hertha (gegen Union Berlin). So bekannte Thomas Müller nach dem Auftakterfolg in der Alten Försterei am vergangenen Sonntag: "Vielleicht war das heute ein kleiner Vorteil für uns, weil die Stimmung hier schon das Zünglein an der Waage sein kann." Nun, das gilt ja auch für das Westfalenstadion in Dortmund, wo es ja (siehe oben) morgen Abend zum Titel-Showdown kommt. Spannende Frage: Wer ist die technisch bessere Mannschaft?

Quelle: ntv.de