Fußball

Die lange Qual des FC Bayern Niko Kovac hat den Kulturkampf verloren

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Es ist vorbei: Niko Kovac.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Der FC Bayern sehnt sich nach der Champions League. Er sehnt sich nach Kunst, nach einer Spielidee. Er beschäftigt aber einen Trainer, der ihnen Handwerk liefert. Das konnte nicht gut gehen. Und es ist nun vorbei. Für die Mannschaft ist das nur vordergründig eine gute Nachricht.

Die Frage wie gut die Herren-Fußballmannschaft des FC Bayern tatsächlich ist, kann nun womöglich endlich seriös beantwortet werden. Denn Niko Kovac, der Mann, der zwar Titel gewinnen, aber der dieses Team offenbar nicht entwickeln kann, ist weg. Nach 16 Monaten trennen sich die Münchener von ihrem Trainer. Einvernehmlich. Das lassen sie am späten Sonntagabend mitteilen. Kovac selbst soll den Bossen am Tag nach dem Desaster von Frankfurt seinen Rücktritt angeboten haben. Die lehnten nicht ab. Und somit war's das dann. So endet eine Zusammenarbeit, die eigentlich nie diesen Namen verdiente. So endet etwas, das nie zusammen passte - trotz des Doubles im Sommer.

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Wird schon? Es wurde nicht: Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Die Bayern, sie haben immer mit diesem stets so höflichen und charmanten Niko Kovac gefremdelt. So richtig zugeben konnten oder wollten sie das nicht. Denn sie hatten ihn ja aus freien Stücken verpflichtet. Klar, ein wenig aus der Not heraus geboren war das schon, aber gezwungen hat sie niemand. Jupp Heynckes hätten sie gerne behalten, obwohl der öffentlich nie auch nur eine Sekunde darüber nachdachte, seine Interimstätigkeit in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zu übertragen. Da Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann, zwei sehr talentierte deutsche Trainer mit Bayern-Potenzial, vom Markt waren, als es pressierte - auch, weil die Münchener mal zu zögerlich agierten oder nicht restlos überzeugt waren - präsentierten sie Kovac. Einen Handwerker. Keinen Künstler. Das wussten sie.

Womöglich aber hatte Karl-Heinz Rummenigge gedacht, das wird schon. Präsident Uli Hoeneß wollte Kovac, die Wunschlösung des Vorstandsvorsitzenden soll er nicht gewesen sein. Aber wenn der Kovac erstmal Künstler trainiert, so könnte Rummenigge vermutet haben, dann kultiviert er auch die Spielkunst auf dem Rasen. So kam's aber nicht. Weder in der vergangenen Saison, als er die erste Herbstkrise wohl nur mithilfe seines mächtigen Beschützers Hoeneß überlebte, noch in der aktuellen Spielzeit. Niko Kovac war nie ein starker Trainer.

Stets mischten sich die Bosse ein, redeten ihm mal die Rotation aus (Herbstkrise 2018) oder Spieler in die Startelf (Herbstkrise 2019). Durchsetzungsstärke? Eingeschränkt. Große Spiele, große Siege waren eher selten. Womöglich bleiben nur zwei hängen: Das 5:0 gegen eine völlig verängstigte Borussia aus Dortmund in der Rückrunde 2019. Und das 3:0 im Pokalfinale gegen RB Leipzig. Über das sehr launige 7:2 in der Königsklassen-Vorrunde bei zunächst starken, dann aber nicht mehr konkurrenzfähigen Tottenham Hotspurs Anfang Oktober sprachen sie nur kurz. Es war ja tatsächlich auch ein eher kurioses Spiel. Immerhin lobte Rummenigge den Trainer und wähnte so etwas wie einen Aufbruch. Schöne und große Momente aber waren die Siege gegen den BVB und gegen RB. Aber sie berührten eben nicht das, was die Bayern-Seele am meisten bewegt: die Sehnsucht nach dem nächsten, dem sechsten Triumph in der Königsklasse.

Im Schatten Guardiolas

Nach dem ebenso krachenden wie ernüchternden Rückspiel-Knockout gegen den FC Liverpool im Champions-League-Achtelfinale der vergangenen Saison richtete der FC Bayern nach dem Doublesieg Ende Mai alles darauf aus, sich auf das Triple zu steigern. Die nationalen Erfolge gelten als Pflicht, der internationale Triumph als Kür. Als besonders ernstzunehmende allerdings. Und für diese machte sich der Klub im Sommer schön.

Zwar klappte es auch wegen der schweren Knieverletzung nicht mit einem Wechsel der Transferobsession Leroy Sané, dafür verpflichtete Sportdirektor Hasan Salihamidzic zwei französische Weltmeister, Lucas Hernandez und Benjamin Pavard. Er holte einen brasilianischen Zauberer, Philippe Coutinho. Ein kroatischer Arbeiter kam, Ivan Perisic. Und mit Fiete Arp und Mickäel Cuisance noch zwei selbstbewusste Talente. Was gut klingt und belobt wurde, war in Wahrheit lange verletzt (Hernandez), ein Nationalmannschaftsmitläufer (Pavard), dauerhaft ohne Form (Coutinho) oder bei seinem Verein einfach nicht mehr erwünscht (Perisic). Kovac wollte, berichtete die "Bild"-Zeitung, andere Spieler haben. Denis Zakaria und Florian Neuhaus von Borussia Mönchengladbach beispielweise.

Die Aufgabe für Kovac lautete dennoch: ein neues Spielsystem für den FC Bayern schaffen. Eines, das wieder prägend ist. Eines, wie es der FC Barcelona hat. Eines für die Erfolge und fürs Entertainment. Eines wie jenes, das es beim FC Bayern schon einmal gab. Kovac aber setzte weiter konsequent aufs Handwerk. Die Defensivarbeit, seine Handschrift. Unspektakulär. Ganz besonders im Schatten eines Jürgen Klopp, der regelmäßig ekstatischen Vollgasfußball spielen lässt.

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Die Champions League gewann er mit dem FC Bayern allerdings auch nicht: Josep Guardiola.

(Foto: imago/ActionPictures)

Und auch im Schatten des bayrischen Ex-Trainers Josep Guardiola, der seinen Mannschaften erdrückenden Dominanzfußball auferlegt. Klopps Fußball ist kompatibel zum Münchener Miasanmia. Guardiolas auch. Kovac' nicht. Nicht nur den subtilen mobbenden Rummenigge brachte der Kroate mit seinem Konzept - wobei viele Fans und Experten gar kein Konzept erkennen wollen - früh gegen sich auf. Offenbar auch einige eigene Spieler. Eine Herbstkrisen-Duplizität. Mehr und mehr fremdelten sie nun wieder mit der nur sehr schwer zugänglichen Spielidee. Sie verdichtete sich oft auf: Ball zu Robert Lewandowski, Tor oder gar Tore von Robert Lewandowski, Sieg. Doch als selbst Fußballzwerge wie Paderborn, Union und Bochum heftig an der Sensation werkelten, als die Mannschaft anfälliger und planloser agierte, die Siege weniger wurden, da wurde der Unmut größer.

Fußballerische Explosion?

Der Trainer zählte seine Spieler wieder und wieder an. Er verrannte sich in absurde Vergleiche, in unglückliche Aussagen. Und zuletzt kritisierte er gar ihr Arbeitsethos. Schlimmer geht's nicht. Die Spieler bellten zunehmend unverstellt zurück. Sie verweigerten öffentliche Statements. Sie schimpften auf dem Feld. Sie vermissten den Spaß am Fußball. Sie forderten Veränderungen. Und am Ende sahen sie sogar kommen, dass ihr Klub ins Debakel rennt. Oder wie auch immer man das 1:5 bei Eintracht Frankfurt nennen möchte.

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Und dann das 1:5 in Frankfurt.

(Foto: imago images/Thomas Frey)

Dass die Zusammenarbeit zwischen dem FC Bayern und Kovac an diesem Sonntagabend beendet wurde, dafür gibt es also gute Gründe. Dass die Trennung einvernehmlich passiert sein soll, wirkt dagegen reichlich skurrill. Denn noch am Abend nach der Klatsche hatte Kovac erklärt, dass er niemals aufgebe und auch jetzt nicht aufgeben werde. Als Mutmacher und Plädoyer für sich selbst, hatte er eben an die erfolgreich abgewickelte Herbstkrise 2018 erinnert. Dass er nun, nach einer Nacht mit oder ohne Schlaf alles ganz anders sieht, nun ja. Sei's drum, dass die Leistungen der Mannschaft Handlungsbedarf erzeugt hatten, wie es von Klubseite hieß, ist dagegen wohl unstrittig.

Aber was bedeutet das Ende von Kovac nun? Erleichterung allenthalben? Sprengen der Ketten? Fußballerische Explosion? All das kann passieren, natürlich. All das, was aber nun passiert, wird darüber Auskunft geben, wie gut diese Herren-Fußballmannschaft des FC Bayern tatsächlich ist. Wie gut Sportdirektor Salihamdizic diesen Kader zusammengestellt hat. Wie gut Kovac diesen Kader vielleicht doch trainiert hat. Die Antwort auf diese Fragen wird ehrlich ausfallen. Ohne Ausreden. Denn das größte Alibi für schlechte Leistungen wurde am Sonntagabend aus der Verantwortung entlassen.

In der eigenen Vorstellung jedenfalls ist die Mannschaft immer noch so gut, dass sie die Champions League gewinnen kann. Realität? Oder verblendete Sehnsucht?

Quelle: n-tv.de

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