Fußball

Hertha-Posse und Maskenball Die neue Bundesliga liefert bizarre Bilder

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Tja, schon komisch alles.

(Foto: dpa)

Eine "Geister"-Welle vor der "Gelben Wand" in Dortmund, schnelles Abklatschen per Ellenbogen, Küsschen und Körperkontakt für Torschützen: Die neue Realität der Fußball-Bundesliga liefert bisweilen kuriose Szenen - aber auch guten Sport.

Schon blöd, dass es ausgerechnet wieder die Hertha war. Beim Thema Corona kommt der Klub einfach nicht auf Linie. Auf das fatale Video von Salomon Kalou folgte Jens Lehmann und dessen fachliche Einschätzung, dass er eine Infizierung mit dem Virus bei Fußballern für weitgehend unbedenklich hält. Der kommende Mann im Aufsichtsrat der Berliner hat es selbst erlebt. Obwohl er ja nicht mehr zur Leistungsgruppe "Fußballer" zählt. Und nun, bei der kritisch begleiteten Saison-Fortsetzung der Fußball-Bundesliga ist es wieder Personal aus der Hauptstadt, das sich latent ignorant gegenüber Corona verhält.

Virologisch unkonforme Jubeltrauben und ein ausgiebiger Körperkontakt beim durchaus sehr beachtlichen 3:0-Erfolg in Hoffenheim - nun ja, die Deutsche Fußball-Liga wollte so etwas eigentlich nicht sehen. Man mag es den Berlinern ja auch nicht verübeln, dass sie die wuchtige Befreiung aus der Klinsmann-Nouri-Zeit genossen haben. Dass sie wieder Spaß hatten an dem, was sie tun. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn die spontane Emotion taugt als Entlastungszeuge nicht. Torschütze Vedad Ibisevic bekannte zwar: "Emotionen kann man wirklich nicht verstecken." Aber er sagte auch: "Ich habe unseren Doktor vor dem Spiel gefragt, ob das Tor zählt, wenn man das macht. Das war für mich das Allerwichtigste."

"Lediglich Hinweise zur Orientierung"

Die Hertha kann diesen Vorfall für sich zumindest im Wettbewerb als schadlos abhaken. Denn laut einem DFL-Sprecher muss der Verein nicht mit Sanktionen rechnen. Es habe ja "lediglich Hinweise zur Orientierung gegeben". Eine Sensibilisierung der Mannschaft täte aber durchaus Not, denn die Klub-Erklärung, dass es sich bei Kalous Ignoranz vor ein paar Tagen bloß um einen Einzelfall gehandelt habe, ist nun erst recht kaum mehr glaubhaft. Allerdings sei durchaus eine sehr berechtigte Frage aufgeworfen: Warum soll beim Jubeln der Körperkontakt vermieden werden, wenn sich die Spieler über 90 Minuten in Duellen aneinander abarbeiten - beim Laufen, beim Tackling, beim Gerangel vor dem Standard?

Nun, sei's drum: Die Hertha hat überraschend guten Fußball gespielt. Und überhaupt war das, was die Vereine nach der Zwangspause auf den Rasen brachten, sehr ansehnlich. Nur in Hoffenheim und beim FC Schalke 04 sehen sie das anders - aus sehr nachvollziehbaren Gründen. Die Bilder von glücklichen Siegern und enttäuschen Verlierern, sie sind die, die Normalität vermitteln. Eine neue Normalität, die aber sonst von vielen bizarren Bildern eskortiert wird. Tatsächlich befindet sich die Liga im Notbetrieb - mehr nicht. Und wie sehr die Emotionen fehlen, das wurde im Revierderby offenbar: Was wäre da im Stadion nach dem höchsten Sieg gegen den Erzrivalen seit 54 Jahren losgebrochen? Ein Wahnsinn. Abgesehen von möglichen Fan-Auseinandersetzungen - ein schmerzhafter Verlust.

Die Skurrilität der Ersatzbank

Die eigenartigsten Bilder aber lieferten die Ersatzspieler der Klubs. Sie saßen mit Abstand und Mundschutz teilweise am Spielfeldrand, teilweise aber auch auf den Tribünen. Dass sie dann beim Warmlaufen ohne Abstand und Mundschutz nebeneinander hertrabten - nun, es zeigt die Skurrilität der Situation. Als "surreal", empfand es BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gar: "Du fährst durch deine Stadt, und es ist überhaupt nichts los." Spieltag in Dortmund - das ist normalerweise ein Feiertag. Die Stadt schwarzgelb - vom Bäcker bis zum Bankchef. Und am Tag des Derbys ist sie noch schwarzgelber als sonst.

Die Profis des SC Paderborn verteilten sich für die Fahrt nach Düsseldorf auf zwei Busse. "Die Anreise unter dem Stern des Hygienekonzepts war schon besonders. Wir haben in unsere Busse noch Desinfektionsspender eingebaut und fast überall durchgehend noch die Masken getragen. Der Teufel liegt im Detail und macht sehr viel Aufwand", erklärte Paderborns Geschäftsführer Fabian Wohlgemuth bei Sky. In Leipzig kam sogar das Fieber-Thermometer zum Einsatz. So wurde selbst bei RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff die Temperatur gemessen, ehe er mit seinem Sportwagen auf das Stadiongelände durfte

Und dann gab's übrigens auch das noch: Die Bälle wurden vor dem Anstoß desinfiziert (!). Die Bundesliga ist wieder da. Nur ganz anders.

Quelle: ntv.de