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Wenn die Tabelle doch lügt Warum Bayern Meister wird - und S04 leidet

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Prognose: In Gelsenkirchen werden sie wieder enttäuscht sein.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Noch bevor in der Rückrunde der Fußball-Bundesliga das erste Spiel gespielt ist, sind zwei Dinge klar: Deutscher Meister wird der FC Bayern. Schalke bricht ein. Und der SC Freiburg steigt ab. Warum das so ist? Eine kleine Datenspielerei.

Fußball ohne Ball? Geht nicht. Fußball ohne Statistik? Geht auch nicht. Doch die Zeiten der simplen Fan-Träumereien sind vorbei. Neun Punkte aus drei Spielen und dann spielt mein Klub im Europapokal - das war einmal. Längst hat sich neben dem Geschehen auf dem Rasen eine Parallelwelt aus Daten aufgebaut. Zweikampfquoten, Torschussverhältnisse und gelaufene Kilometer haben sich bereits als wichtige Informationen in Live-Kommentaren und Spielanalysen etabliert. Aber die Statistik kann noch so viel mehr. Sie kann mittlerweile einigermaßen zielgenaue Aussagen über die erwartbare Leistungsfähigkeit von Mannschaften und einzelnen Spielern treffen. Und sie kann die Zukunft voraussagen.

Für die Rückrunde der Fußball-Bundesliga prophezeien die Daten Überraschendes (oder auch nicht): Der FC Bayern darf sich nach seiner unruhigen Hinserie und vier Punkten Rückstand auf Herbstmeister RB Leipzig am 16. Mai doch noch über die Meisterschale in Serie freuen, die dann insgesamt 30. der Klubgeschichte. Ein Tag wie ein neuer Alptraum wird der 16. Mai hingegen für die Hinrunden-Überraschung SC Freiburg, denn nach vier Jahren im Oberhaus geht's mal wieder in Liga zwei. Und auf Schalke herrscht Katerstimmung statt Königsklassen-Trubel. Warum das alles so kommt und die Tabellen entgegen der beliebten Fußballphrase manchmal doch lügt? Eine kleine Datenspielerei.

Erwartbare Tore

Die mittlerweile bekannteste Extra-Statistik ist die der "Expected Goals", also die der erwartbaren Tore. Sie bewertet alle Torschüsse eines Spiels nach ihrer Schussposition, der Art der Vorbereitung, dem Köperteil, mit dem der Schuss ausgeführt wurde, und noch einigen anderen, kleineren Parametern. Durch den Abgleich mit historischen Erhebungen lässt sich schließen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Chance zu einem Tor führt. Bei einem Elfmeter ist sie höher (0,75) als bei einem Fernschuss von der Mittellinie (0,01), Eigentore werden, da sie völlig unerwartbar sind, mit dem Minimalwert 0,0 bewertet.

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Erst Freude, dann Frust: City wurde in der Nachspielzeit das Siegtor gegen Tottenham VARwehrt, allerdings korrekterweise. Doppelt bitter: Laut der erwartbaren Tore hätte City das Spiel deutlich gewinnen müssen.

(Foto: imago images / PA Images)

Und wofür sind die erwartbaren Tore gut? Der Wert eignet sich, um ihn mit der reellen Anzahl an Treffern zu vergleichen. Liegt ein Team weit über den erwartbaren Toren, hatte es bis jetzt Glück. Es muss also damit rechnen, dass diese Strähne irgendwann reißt. Ein schwacher Wert ist für Trainer und Spieler also ein guter Indikator dafür, das Abschlussverhalten zu überdenken. In der Praxis spielt das aber eher keine tragende Rolle. Das Modell der erwartbaren Tore stammt ursprünglich aus dem Eishockey, das ebenso wie der Fußball ein Teamsport mit wenigen Punkten beziehungsweise Toren ist.

Anders als etwa im Basketball können dadurch einzelne Spielsituationen über Sieg und Niederlage entscheiden, wodurch das Resultat auf der Anzeigetafel nicht zwangsläufig widerspiegelt, welches Team die bessere Leistung ablieferte. Ein krasses Beispiel: Im Premier-League-Spiel zwischen Manchester City und Tottenham Hotspur betrugen die erwartbaren Tore dem Statistikanbieter Understat zufolge 3,20:0,07, was sich auch im Torschussverhältnis von 30 zu 3 widerspiegelte. Die Partie endete aber - auch wegen eines bitteren Videobeweis-Déjà-vu - 2:2.

Im Fußball können die erwartbaren Tore im Verlauf einer Saison Aufschluss darüber geben, ob eine Mannschaft womöglich besser oder schlechter performt, als es ihr Torverhältnis und Punktekonto aussagt. Überraschenderweise viel Glück im Torabschluss hatte in der Hinrunde beispielsweise der offensivstarke BVB. Die Dortmunder haben in der Hinrunde 41 Tore erzielt, der drittbeste Wert der Liga. Nur: Gemäß der Qualität ihrer Torchancen wären für den BVB lediglich 32,56 Tore zu erwarten gewesen. Im Gegensatz zu den Dortmundern hatte der VfL Wolfsburg mit Pech im Abschluss zu kämpfen. Statt eines erwartbaren Wertes von 24,37 erzielten die Wölfe nur 18 Treffer. Die vermeintliche Offensivschwäche des Teams von Trainer Oliver Glasner hat dabei also offenbar viel Pech gehabt. Natürlich tragen auch starke Leistungen der gegnerischen Torhüter dazu bei, einen Teil der Diskrepanz zu erklären - allerdings nicht über den Zeitraum von 17 Spieltagen.

Erwartbare Gegentore

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Kevin Vogt soll die löchrige Bremer Abwehr stopfen helfen - und ein wenig Glück zurückbringen in die Werder-Defensive.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Die Statistik der erwartbaren Toren kann man auch auf die Gegentore ummünzen. Welches Team kassierte weniger Treffer, als es von der Wahrscheinlichkeit der Chancen zuließ? In dieser Kategorie sticht der SC Freiburg heraus, die Breisgauer ließen nur 23 Gegentreffer bei einem erwartbaren Wert von 34,10 zu. Für den abstiegsbedrohten SV Werder Bremen gilt das Gegenteil. Er hat 41 Treffer kassiert, obwohl nur 32,24 zu erwarten gewesen wäre. Tröstlich für Werder-Fans: Auf ihre unglückliche Defensive haben die Grün-Weißen in der Winterpause reagiert und mit dem in Hoffenheim in Ungnade gefallenen Kevin Vogt einen Innenverteidiger verpflichtet.

Erwartbare Punkte

Die Zahlenspiele lassen sich auch auf das Punktekonto der Bundesligisten übertragen. Viele Spiele werden ja auch von der "schlechteren" Mannschaft gewonnen. Also von jener, die einen geringeren Wert an erwartbaren Toren erzielt. Um aus den erwartbaren Toren und Gegentoren die erwartbaren Punkte zu generieren, werden die Partien von Understat mit den Tor-Wahrscheinlichkeiten 100.000 Mal simuliert - und am Ende der Mittelwert der dabei ermittelten Punkte gebildet. Es zeigen sich teils gravierende Diskrepanzen zwischen tatsächlichen und erwartbaren Punkten. Gemäß der erwartbaren Hinrunden-Tabelle hieße der Herbstmeister nicht RB Leipzig, sondern ... FC Bayern. Das liegt auch daran, dass die Münchner vor allem in den verlorenen Topspielen gegen Leverkusen und Mönchengladbach mit einem aberwitzigen Wucher überraschten. Der Anspruch des FC Bayern, in der Rückrunde noch den achten Titel in Folge zu holen, ist also statistisch untermauert.

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Der FC Schalke 04 wiederum ist in dieser Wertung nur Elfter und nicht etwa Fünfter wie in der realen Tabelle, weil die Schalker in der Hinrunde unglaubliche 10,3 Punkte mehr holten als zu erwarten gewesen wäre. Mehr Punkteglück hatte noch kein Team in einer Hinrunde in den von Understat seit 2014/15 erhobenen Daten. Allerdings (I): Der Wert lässt sich erklären. Die Königsblauen hatten bei ihren Standardsituationen Glück im Bezug auf die erwartbaren Tore. Und auch in einigen Abschlusssituationen, denen kein gut durchdachter Spielzug vorausging. Gleichzeitig glänzten die Torhüter Alexander Nübel und Markus Schubert als starke Chancenvereitler. Allerdings (II): Fußballhistorisch betrachtet steht zu befürchten, dass das Schalker Glück nicht ewig anhält. Ein Rückrundeneinbruch und das klare Verpassen der Champions League wären keine Überraschung.

Das gilt auch für den SC Freiburg, dass virtuell von Platz acht auf den 16. Rang abstürzen würde. Das liegt vor allem daran, dass die Mannschaft von Trainer Christian Streich in der Mehrzahl ihrer Partien laut den erwartbaren Toren unterlegen war, aber die Gegner selbst auch noch bei Abschlüssen aus vielversprechenden Positionen entscheidend stören konnte.

Allerdings (III): Belastbare Prognosen über die Rückrundenleistung lassen sich aus den erwartbaren Werten für Tore, Gegentore und Punkte nur bedingt ableiten. So waren die fast schon legendären Rückrunden-Einbrüche von Hertha BSC an den Erwartungswerten durchaus ablesbar, ebenso wie die BVB-Auferstehung nach der historisch schlechten (und unglücklichen) Hinrunde 2014/15. Allerdings gab es auch krasse Fälle, in denen Mannschaften aus großem Hinrunden-Pech enorm großes Hinrundenglück kreieren konnten. So wie der VfB Stuttgart 2017/18, der in der Hinrunden-Tabelle 4,79 Punkte zu wenig holte - und in der Rückrunde unter Retter-Trainer Tayfun Korkut dann plötzlich 9,13 Punkte zuviel. Saisonübergreifendes Extrem-Gegenspiel: Der FC Schalke unter Domenico Tedesco, der erst überperformte (2017/18: 11,31 Punkte zuviel) und dann drastisch unterperformte (2018/19: 11,16 Punkte zuwenig) - und Tedesco feuerte.

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Gegnerische Pässe pro eigener Defensivaktion

Die statistische Analyse geht allerdings über die reine Wertung von Torschüssen und damit auch einer Art Prognose hinaus. So kann etwa die Pressingleistung eines Teams gemessen werden. Dies lässt sich beispielsweise anhand der "Passes per Defensive Actions" (PPDA) tun. Dabei wird errechnet, wie viele gegnerische Pässe eine Mannschaft dem Gegner in dessen Spielhälfte erlaubt, bevor der Passfluss mit einer Defensivaktion - etwa einem Tackling - unterbrochen wird. Greift das Pressing gut, müsste die Zahl niedrig sein.

Den niedrigsten Wert weist Bayer Leverkusen mit 7,32 auf. Das bedeutet, der Gegner kann sich durchschnittlich nur etwas mehr als siebenmal den Ball in der eigenen Hälfte zuspielen, bevor Bayer dazwischen geht und im besten Fall den Ballbesitz übernimmt. Auf Leverkusen folgt der FC Bayern. Und die haben sich im Laufe der Hinrunde deutlich gesteigert. Denn unter dem mittlerweile entlassenen Trainer Niko Kovac lag der Wert noch bei 8,7, unter Hansi Flick hingegen bereits bei 6,19, was für ein aggressiveres und effektiveres Angriffspressing spricht. Hinter den Münchner steht interessanterweise der VfL Wolfsburg, der die Vorteile des 3-4-2-1-Systems mit einem extrem starken Block in der Mitte im hohen Pressing nutzt. Auch Eintracht Frankfurt hat mit 9,59 einen beachtlichen Wert, was auf die Laufleistung der Hessen in der Hälfte des Gegners sowie die Effektivität des 3-5-2-Pressings zurückzuführen ist.

Das oftmals als zaghaft kritisierte Dortmund landet entsprechend nur im Mittelfeld. RB Leipzig ist unter Julian Nagelsmann weniger aggressiv im Pressing als noch in den Vorjahren und rangiert ähnlich wie der BVB. Die schwächsten Pressingteams sind unterdessen der FC Augsburg mit 15,20 sowie Fortuna Düsseldorf mit 16,29. Sie lassen also den Gegner in dessen Spielhälfte gewähren und versuchen erst hinter der Mittellinie mit ihrer Verteidigungsformation aktiv zu werden.

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Gegnerische Pässe im 18-Meter-Radius um das Tor

Ebenso gibt es Möglichkeiten, die Defensivleistung am eigenen Strafraum zu ermitteln. Wer lässt beispielsweise den Gegner am meisten in einem Radius von 18 Metern (20 Yards) um das eigene Tor gewähren und erhöht damit auch die Gefahr, über kurz oder lang einen Gegentreffer zu kassieren? Bei den Bayern waren es nur 64 Pässe über 17 Partien hinweg. Bei Dortmund sind nur etwas mehr mit 73, was wiederum für den Favre-typischen Stil spricht, der Gegner zunächst vorrücken lässt, wie in der vorherigen Statistik zu sehen ist, dann aber den Weg zum eigenen Tor versperrt.

Auf der anderen Seite sind die Paderborner ganz und gar nicht zugriffsstark und rangieren in dieser Wertung mit 153 auf dem letzten Platz. Sie werden entweder am und im eigenen Strafraum dominiert oder können den Passfluss des Gegners nicht entscheidend stoppen. Auch der für Freiburg bereits angesprochene schwache Wert bei den erwartbaren Gegentoren lässt sich zumindest teilweise durch diese Statistik erklären. Mit 126 zugelassenen Pässen erlaubt der Sport-Club dem Gegner anscheinend zu viele Freiräume in der Nähe des eigenen Tores, was entsprechend zu vielversprechenden Torchancen führt.

Stürmer: Erwartbare Tore

Ebenso können die erwartbaren Tore für einzelne Spieler - gerade für Stürmer - gemessen werden. So verwandeln beispielsweise Robert Lewandowski oder Florian Niederlechner ihre Torchancen entsprechend der erwartbaren Werte. Timo Werner und Rouwen Hennings hingegen hatten ein wenig Glück im Torabschluss. Kölns Simon Terodde wiederum hätte gut und gerne sechs statt seiner drei Tore erzielen können. In der Rückrunde werden solche Glücks- oder Pechsträhnen für gewöhnlich noch reißen.

Beteiligung an Spielzügen anhand der erwartbaren Tore

Darüber hinaus kann gemessen werden, an wie vielen Spielzügen ein Spieler beteiligt war, die zu einem Torabschluss führten und so in die Wertung der erwartbaren Tore einflossen. Das sagt vor allem etwas darüber aus, wie gut sich ein Stürmer am Spiel beteiligt oder wie oft er selbst zum Abschluss kommt. Lewandowski und Werner führen aufgrund ihrer vielen Torabschlüsse auch diese Wertung an. Auf den nächsten Rängen wird es interessant, denn neben Serge Gnabry sind seine beiden Kollegen Joshua Kimmich und Thomas Müller sehr oft an erfolgreichen Spielzügen beteiligt. Dass sich so viele Bayern-Akteure oben tummeln und die ersten neun Plätze in den Top 10 belegen, hat damit zu tun, dass die gesamte Mannschaft bei Angriffen involviert ist. Der Ballbesitz-lastige Stil macht sich hier besonders bemerkbar. Einziger Nicht-Bayer ist Dortmunds Julian Brandt auf Rang 10.

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Spielmacher: Erwartbare Torvorlagen

Für die Vorbereiter von Torschüssen eignet sich die Wertung der erwartbaren Torvorlagen, die ähnlich wie die erwartbaren Tore gemessen werden. Thomas Müller ist hierbei führend mit 0,9 erwartbaren Vorlagen pro Partie. Das ist ein absolut überragender Wert. Der 30-Jährige ist sehr präsent im Umfeld von Lewandowski und Gnabry und bedient die beiden häufig mit Quer- oder Steilpässen in Tornähe. Das ist auch seine Hauptaufgabe in der bayerischen Offensive. Ebenso beachtlich zeigt sich Leipzigs Christopher Nkunku mit einem Wert von 0,47. Das beweist, wie wichtig der junge Mittelfeldstar schon ist wie oft er nämlich den finalen Pass auf die Stürmer Werner, Yussuf Poulsen oder Patrick Schick mit ihren unterschiedlichen Qualitäten spielt. Der junge Franzose spielt 2,2 Pässe pro Partie, die zum Abschluss führen. Weitere Zuspiele sind entscheidend in der Vorbereitung von Chancen.

Quelle: ntv.de