Fußball

DFB, Sport, Frauen, Probleme Die weibliche Macho-Entkrustung

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Zeigt sich der DFB bereit für tiefgreifende Veränderungen?

(Foto: imago images/Ralph Peters)

Ex-Präsident Fritz Keller rechnet mit dem DFB ab und fordert einen Neuanfang. Der Verband könnte die Chance nutzen, um ein verkrustetes System aufzubrechen, das weltweit regiert. Setzt der DFB auf Frauen oder macht er weiter mit seinem Macho-Hahnenkampf?

Es könnten bahnbrechende Veränderungen ins Haus stehen im größten und mächtigsten nationalen Sportverband der Welt. Oder geht doch alles weiter so wie immer? "Wie angekündigt, stelle ich mein Amt als Präsident für einen tiefgreifenden und notwendigen Neuanfang im Sinne des Deutschen Fußball-Bundes zur Verfügung", sagte der scheidende DFB-Präsident Fritz Keller am Mittag. Notwendig ist der Neuanfang, die Aufsprengung des verkrusteten, von weißen, alten Männern dominierten Macho-Systems, auf jeden Fall. Doch ob der Fußballverband wirklich tiefgreifende Veränderungen angeht und ein Zeichen in Richtung Gleichberechtigung sendet, bleibt fraglich.

Keller teilte beim Gang aus der Tür kräftig aus, mit "ordnungsgemäßer Verbandsführung" habe das alles beim DFB nichts zu tun. Der Verband müsse sich verändern und "seine Glaubwürdigkeit, das Vertrauen in seine Integrität und Leistungsstärke zurückgewinnen". Es gäbe zu viele "Widerstände und Mauern". Es ginge "viel zu häufig um eigene Befindlichkeiten, interne Machtkämpfe, um die Sicherung von Vorteilen sowie um das 'Arbeiten' am eigenen Bild in der Öffentlichkeit".

Diese Macht- und Macho-Probleme beim DFB sind hausgemacht. Und sie sind Männer-gemacht. Denn beim Verband lenkt seit jeher nur das männliche Geschlecht die Geschehnisse. Deutschland liegt noch immer im europäischen wie weltweiten Vergleich von Frauen in den Vorstandsetagen von Wirtschaftsunternehmen auf den hinteren Rängen - der DFB steht dem in nichts nach und zeigt seit der Gründung durch wenig Verbesserungen, dass er eine von Männern dominierte Gesellschaft auch im Sport in Ordnung findet. Bis heute sitzt im DFB-Präsidium mit Hannelore Ratzeburg nur eine Frau (bei 18 Männern). Ihre Position kommt noch viel mehr wie die einer Alibi-Frau daher, weil sie sich um das Thema Frauenfußball und Gleichberechtigung kümmert.

Barrieren für den Weg zur Gleichberechtigung

Im DFB-Bundestag, der bald die neue Präsidentin oder den neuen Präsidenten wählt, sitzt auch fast ausschließlich das männliche Geschlecht. Männer wählen Männer. Klüngeleien. Interne Machtkämpfe, die das Innere des Verbandes zerstören und niemanden von außen hereinlassen. Solche strukturellen Probleme sind enorme Barrieren für den Weg zur Gleichberechtigung im Sport. So erleben Frauen auch schon mal geschlechtsbezogene Diskriminierung, aber der Großteil der Anwesenden nimmt das nicht wahr - oder will nichts davon mitbekommen haben.

Es ist menschlich (jedoch nicht immer förderlich), sich mit Leuten zu umgeben, die eigene Sichtweisen bestätigen. Beim DFB war das bisher der einzige Weg. Die Männer an der Macht bewegte auf ihrem Pfad der Engstirnigkeit und diskriminierenden Konstanz auch immer ein wenig die Angst vor dem Neuen. Vor Veränderung. Vor der weiblichen Entkrustung des Systems mit männlichen Perspektiven und Strukturen, die mit Machtverlust einhergeht. Und so ließen sie seit Jahrzehnten lieber alles wie gehabt - natürlich zu ihrem eigenen Vorteil. Weil der große Verband mit schlechtem Beispiel vorangeht, sieht die Situation an der Basis - trotz der zunehmenden Teilhabe von Frauen und Mädchen am Sport - nicht viel besser aus. Es fehlt an Vorbildern in Führungspositionen und Entscheidungsgremien.

Sport, besonders König Fußball, ist ein traditionell männlich geprägter Bereich. Weil sich in der Gesellschaft falsche stereotypische Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit weiter hartnäckig halten, kommt die Gleichstellung im Sport nur sehr schwerlich voran. Besonders dort gelten Männer als stärker, belastbarer und wettbewerbsfähiger, während Frauen immer noch fälschlicherweise als nicht so leistungsfähig oder entscheidungsschwach betrachtet werden. Geht es um die Positionen mit Macht und Geld, sind Frauen deshalb im Fußball außen vor. Ebenso im Bereich der sportlichen Führung: Nicht eine einzige Trainerin ist in den höchsten drei Fußball-Männerligen zu finden. Andere Länder und Sportarten sind da schon weiter: Becky Hammon ist Co-Trainerin beim NBA-Team San Antonio Spurs, Michele A. Roberts ist Geschäftsführerin der Sportgewerkschaft National Basketball Players Association, Jeanie Buss führte 2020 die Los Angeles Lakers als erste Besitzerin zu einer NBA-Meisterschaft, Cynthia Marshall ist Geschäftsführerin der Dallas Mavericks, des ehemaligen Klubs von Dirk Nowitzki.

Ergreift der DFB die so naheliegende Chance? Mit der Wahl einer neuen, diversen Führungsriege könnte der morastige Sumpf des Verbands endlich entwässert, trockengelegt und neu bepflanzt werden. Die jahrzehntelangen Macho-Hahnenkämpfe könnten ein Ende finden. Das hermetische Männer-System könnte durchbrochen werden. Der DFB-Führungsstil dieses Systems funktioniert nachweislich nicht mehr und hat jüngst in wenigen Jahren fünf Präsidenten verschlissen. Zeit für eine Präsidentin und weitere Frauen (und Menschen of Color) in der Führungsriege. Das wäre nicht nur ein wichtiges Signal, sondern würde auch der tagesaktuellen Arbeit förderlich sein. "Wenn der Vorstand eines Sportvereins eine höhere Geschlechtervielfalt aufweist, gibt es in bestimmten Bereichen der Organisation weniger Probleme", erklärte Pamela Wicker, Professorin für Sportmanagement und Sportsoziologie an der Universität Bielefeld, jüngst gegenüber ZDFsport.

Frauenquote beim DOSB

Die Düsseldorferin Ute Groth, die schon 2019 für die DFB-Führung kandidierte, Katja Kraus, ehemalige Bundesliga- und Nationaltorhüterin und zwischen 2003 und 2011 im Vorstand beim Hamburger SV aktiv, und Nadine Keßler, Weltfußballerin von 2013 und Leiterin des Frauenfußballbereichs bei der UEFA, wären jeweils fachkundige, erfahrene und interessante Kandidatinnen. Traut der DFB sich, notwendige, zeitgemäße und richtungsweisende Schritte zu gehen? Oder macht's doch wieder, wie bereits kolportiert, ein alter (Karl-Heinz Rummenigge, Rudi Völler, oder eine Kombination von beiden) oder ein jüngerer weißer Mann (Philipp Lahm) desselben verkrusteten Systems?

Wie es geht, hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vorgemacht in den vergangenen Jahren. 2015 führte der Verband eine Frauenquote ein - für alle Gremien. Heute sind diese beim DOSB quasi paritätisch besetzt. Dass es sich hierbei aber nur um ein kleines Highlight in Sachen Gleichstellung handelt, macht ein Blick in die Sportverbände Deutschlands deutlich, wo der Frauenanteil in Führungspositionen der Verbände insgesamt nur bei knapp 20 Prozent liegt.

Auch Europa und die Welt sind bei dem Thema Gleichstellung nur in Ausnahmefällen (NBA-Beispiele, siehe oben) fortschrittlicher. Trotz aller Unternehmungen hin zu mehr Gleichberechtigung befindet sich der Sport in gewisser Hinsicht noch in der Steinzeit. 93 Prozent der Präsidenten im europäischen Sport und 78 Prozent der Vorstandsmitglieder waren 2020 männlich. Nur elf Prozent der Trainer bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio waren weiblich. Beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) sind von 16 Vorstandsmitgliedern nur fünf weiblich, beim Leichtathletikverband World Athletics zwei von acht.

Der DFB hat nun die Chance, in der männerdominierten Sportwelt ein Zeichen zu setzen und die Beseitigung von falschen und diskriminierenden Geschlechterstereotypen voranzutreiben. Lediglich eine Frau an der Spitze reicht dabei nicht, es braucht tiefgreifendere Veränderungen in den Verbandsstrukturen. Es braucht eine offene und ehrliche Debatte über vergangene Fehler und zurückgebliebene Strukturen beim DFB. Dazu müsste es Schulungen und Programme zum Thema Gleichberechtigung für die Mitarbeiter geben. Frischer Wind und eine stärkere Sensibilisierung könnten dem DFB langsam Funktionalität zurückgeben - und Nachahmer mit sich bringen in anderen Verbänden in Deutschland und der Welt.

Nur so könnten der DFB-Hinterzimmer-Sumpf trockengelegt und neu bepflanzt und die Glaubwürdigkeit des Verbands wiederhergestellt werden. Und das Macho-System Schritt für Schritt entkrustet werden.

Quelle: ntv.de

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