Fußball

Präsidentschaftskandidatin Groth "Die DFB-Spitze hat ihr Ansehen verloren"

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"Ich bin nicht käuflich." Ute Groth würde gerne im DFB-Sumpf aufräumen.

(Foto: dpa)

Ute Groth ist Vorsitzende des DJK TuSA 06 Düsseldorf e.V. und bewirbt sich als erste Frau in 119 Jahren Verbandsgeschichte um den vakanten Posten des DFB-Präsidenten. Hauptberuflich arbeitet die 60-Jährige für Architekturbüros und plant seit 40 Jahren Krankenhäuser. Als DFB-Präsidentin würde sie in der Führungsetage "aufräumen", den Frauenfußball stärken und Rassismus im Fußball konsequenter bekämpfen.

n-tv.de: "Fußball ist ein Zirkus, der nie Ruhetag hat", sagte Christian Seifert, der Geschäftsführer der DFL. Warum wollen Sie sich das antun?

Ute Groth: Sport ist ganz wichtig, Fußball eine der bedeutsamsten Nebensachen überhaupt für die deutsche Bevölkerung. Aber beim DFB läuft meiner Meinung nach einiges nicht so gut, deshalb möchte ich mich damit beschäftigen. Reinhard Grindel ist gescheitert, weil er dem nicht entgegengewirkt hat. Man muss wissen, auf was man sich einlässt und seine Linie konsequent durchziehen.

Was genau läuft denn falsch?

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Stolperte gleich über mehrere Skandale: Ex-DFB-Chef Reinhard Grindel.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Irgendetwas stimmt da nicht, wenn immer wieder in der gleichen Blase nach Personal für die Spitze gesucht wird. Das sind immer die gleichen Typen, die sich jovial auf die Schultern klopfen. Dieses Klüngeln hat ja schon dreimal in Folge nicht geklappt. Wir sollten überlegen, ob nicht an der falschen Stelle gesucht wurde. Warum nicht an der Basis? Schließlich gibt es 25.000 Vereine, in denen einige den Vorstandsjob richtig gut machen.

Was bringen Sie mit für den Posten der DFB-Präsidentin?

Es gibt für diesen Posten keine Stellenbeschreibung. Der Posten des DFB-Präsidenten ist ein Vorstandsjob in einem eingetragenen Verein – und diese Arbeit mache ich seit zwölf Jahren ziemlich erfolgreich. Wir haben bei uns im Verein ein Klima geschaffen, in dem die Leute gerne mitarbeiten, auch ehrenamtlich, und etwas für die Gemeinschaft tun. Das ist schon mal eine gute Qualifikation.

Matthias Sammer kritisierte Anfang des Jahres die DFB-Führungsebene, dass Schlüsselpositionen mit Leuten besetzt würden, die nicht über genügend fußballerische Kompetenz verfügen.

Ich bin Inhaberin einer DFB-Trainerlizenz und bin seit zwölf Jahren an den 29 Fußballmannschaften in unserem Verein ganz nah dran. Darum würde ich sagen, dass ich über mehr Fachwissen und Erfahrung verfüge als so mancher der 80 Millionen Bundestrainer (lacht). Der letzte DFB-Präsident brachte als Qualifikation das Amt eines Pressewarts beim Rotenburger SV und eine Vizepräsidentschaft im Landesverband mit. Damit kann ich's glaub ich ganz gut aufnehmen.

Aber haben Sie genug Fachwissen?

Im Profibereich ist fußballerische Kompetenz natürlich von Vorteil. Da werden auch die Millionen gemacht, aber das sind nur 56 Vereine. Wenn man sich die andere Seite ansieht, den DFB als Organisation von sieben Millionen Menschen in 25.000 Vereinen, da brauche ich das nicht. Da geht's um Vereinssport im Amateurbereich, wo in der Mehrzahl Kinder und Jugendliche spielen. Da ist es wichtiger, dass ich etwas vom Vereinswesen verstehe und wie der Amateursport funktioniert.

Sie wollen den DFB ehrenamtlich führen: Ist das nicht zu naiv in einer Zeit, in der der Sportkapitalismus regiert?

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Zeit für eine Reform? Die DFB-Zentrale in Frankfurt.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Die Frage ist ja, ob wir so weitermachen wollen, wie bisher. In den Amateurvereinen wird die Hauptarbeit ehrenamtlich gemacht, aber es gibt auch Geschäftsführer und so weiter, die normal bezahlt werden. Aber der Posten des Vorsitzenden ist eben ehrenamtlich, man erhält eine Aufwandsentschädigung. Das ist keine berufliche Karriere, sondern Arbeit an der Gemeinschaft. Der DFB ist ja kein Wirtschaftsbetrieb wie die DFL.

Braucht es denn eine umfassende DFB-Reform, die mit einer Professionalisierung einhergeht: einem wirtschaftlichen Profibereich und einem Verein für den Amateurfußball?

Durchaus, die Struktur mit DFL und DFB ist ja auch schon so angelegt. Der Amateurbereich wird sonst einfach nicht genug berücksichtigt. Das muss man ändern. So könnte man das Übergewicht des Profifußballs vermeiden, und verflochten bleiben Profi- und Amateursport ja trotzdem.

Wäre auch eine Doppelspitze beim DFB denkbar: jeweils eine Chefin oder ein Chef für die Amateure und für die Profis?

Das wäre eine gute Sache. Schließlich sind das ziemlich verschiedene Bereiche, auch wenn sie beide mit Fußball zu tun haben.

Laut Satzung handelt der DFB "in sozialer und gesellschaftspolitischer Verantwortung" und nach "dem Gedanken des Fair Play". Immer wieder kommt es im Fußball wie jüngst beim Länderspiel in Wolfsburg aber zu rassistischen Beleidigungen. Vor, bei und nach der WM wurden Spieler, die rassistisch diskriminiert wurden, auch vom DFB allein gelassen - Statements der Führungsetage blieben aus: Was ist da aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?

Rassismus geht natürlich gar nicht! Im normalen Alltag nicht und auf dem Fußballplatz ist das erst recht ein Unding. Da hat die DFB-Führung das Problem einfach nicht erkannt und dann viel zu spät reagiert. Man muss da ganz deutlich und sofort Stellung beziehen, sobald es einen Vorfall gibt. Als Führungsperson muss man auch vorbildlich voran gehen und die richtigen Signale aussenden. Sport hat auch eine Vorbildfunktion, die Nationalmannschaft versucht das ja immer wieder zu bekräftigen. Aber es hat wohl leider noch nicht bei allen gewirkt, sodass rassistisches Gedankengut weiterhin Bestand hat. Dabei ist Fußball so völkerverbindend: Unser Verein hat kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schon Jugendaustausch mit England betrieben. Denn mit dem Ball am Fuß braucht man keine Worte, die Spielregeln sind überall gleich.

Mesut Özil schrieb damals bei seinem Rücktritt: "In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren." Der damalige DFB-Chef brauchte vier Tage, um darauf eine Antwort zu finden.

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Auch die Fans gingen bei der WM in Russland mit Mesut Özil nicht korrekt um.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Wenn der DFB-Chef nicht hinter seinen Spielern steht, dann stimmt etwas nicht. Das ist eine ganz komische Einstellung zum Sport. Ich muss doch zu meinem Team stehen, egal ob es gewinnt oder verliert. Denn es geht nicht nur um Fußball, es geht hier um Menschen.

Hat der DFB sich in seiner Rolle als moralische Instanz bereits abgeschafft?

Ich glaube leider schon. Von vielen Leuten bekomme ich jetzt die Rückmeldung, dass es richtig ist, was ich mache und dass man beim DFB aufräumen müsse. In den Fußballverbänden wird ja gute Arbeit geleistet, aber die DFB-Spitze hat ihre Autorität und ihr Ansehen verloren.

Wie wollen Sie dem DFB-Sumpf der Abhängigkeiten, Veruntreuungen und Seilschaften entgegentreten?

Eigentlich sollte es jetzt schon Verhaltensmaßregeln geben, die Korruption unterbinden. Externe Summen, wie die diskutierten 500.000 Euro für ein Jahr Sitzungsteilnahme bei der Fifa, dürften auch nicht von einer Person in die Tasche gesteckt werden, sondern müssten dem DFB zugutekommen. Aber am besten schafft man solche irren Bezahlungen einfach ab, das ist doch unmoralisch.

Haben Sie keine Angst, in den gleichen Sumpf hineingezogen, dementsprechend verändert zu werden und schließlich auch zu scheitern?

Respekt habe ich vor dieser Arbeit auf jeden Fall. Aber ich bin nicht bestechlich. Ich lasse mich nicht kaufen oder durch schillernde Äußerlichkeiten beeindrucken. Wenn ich an einer Sache arbeite, dann will ich die zu einem guten Ende bringen. Irgendwelche Nebengeschäfte gehören nicht zur Sacharbeit. Diese Werte sollte doch eigentlich jeder besitzen. Vor allem Ehrlichkeit ist für mich eine Grundvoraussetzung.

Dann bitte eine ehrliche Antwort: Der Bau der Akademie des Deutschen Fußball-Bundes kostet 150 Millionen Euro, damit soll laut Oliver Bierhoff "die Rückkehr in die Weltspitze" klappen. Ist dieses Projekt mehr als Selbstdarstellung des DFB?

Ein computergeneriertes Bild der von kadawittfeldarchitektur konzipierten zukünftigen DFB-Akademie. Foto: kadawittfeldarchitektur/DFB/Archiv

So soll sie mal aussehen: Die 150-Millionen-Euro-Akademie des DFB. Foto: kadawittfeldarchitektur/DFB/Archiv

(Foto: kadawittfeldarchitektur/DFB/dpa)

Ich kann das ganze Projekt nicht verstehen. Es geht ja darum, dass da Expertise zusammenkommen soll und Fachwissen erarbeitet wird. Für 150 Millionen Euro hätte man sich doch zig Jahre an Expertise an einer unserer Sporthochschulen einkaufen können, ohne so ein Prestige-Ding dahinzusetzen. Wenn man dann sieht, wie Vereine an der Basis mit fünf Mannschaften auf einem Platz Training veranstalten müssen, dann hätte man das Geld an anderer Stelle wirklich sinnvoller ausgeben können. Bei uns im Verein heißt es: Das Geld nicht in Steine, sondern in den Sport.

Wie würden Sie die Vereine an der Basis konkret fördern?

Ein kleines Beispiel: Die Vereine müssen sehr viel Geld für die Organisation des Sports bezahlen, da könnte man ansetzen. Unnötige Strafgelder, wie wenn der Bambini-Trainer vergessen hat, in den Spielberichtsbogen einzutragen wie viele Zuschauer am Spielfeldrand standen, gehören abgeschafft. Wenn der DFB so viel Geld hat, warum wird es nicht nach unten durchgereicht? DFB-Vizepräsident Koch sagte darauf: "Von Helene Fischer wird auch nicht erwartet, dass sie die Gesangskultur kleiner Gemeinden fördert." Das ist natürlich absolut nicht in Ordnung.

Stichwort Geld: Sie finden "die Entwicklung im Bereich Gehälter und Ablösesummen unfassbar" und man solle "über eine Grenze nachdenken". Ist das nicht unrealistisch?

Man sollte das auf jeden Fall immer weiter thematisieren. Ich will nicht, dass irgendwelche Öl-Magnaten ganze Vereine aufkaufen, das als reinen Geschäftsbetrieb sehen und die Ticketpreise immer weiter erhöhen, damit sie Spieler für 200 Millionen Euro kaufen können. Das ist weltfremd. Ich will, dass die 50+1 Regel weiter Bestand hat.

Wie wollen Sie den deutschen Fußball und seine Interessen nach außen vertreten, zum Beispiel wenn es um die mögliche Einführung einer Klub-WM geht?

Mit immer mehr und immer größer machen wir uns den Fußball kaputt. Schon jetzt sind die Zuschauer übersättigt. Die zerfaserten Spieltage sind auch nicht beliebt, weil die Fans selber am Sonntag Spiele haben oder auf einmal am Montag ins Stadion sollen. Besondere Spiele sollen ja auch besonders bleiben. Übrigens ist auch die Champions League am Wochenende ein Unding.

Auch bei diesem Thema geht es um Geld: DFB-Torhüterin Almuth Schult kritisiert den DFB wegen mangelhafter Wertschätzung und geringen Prämien im Frauenfußball. Was stimmt da nicht?

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Durchaus gerechtfertigte Kritik: Laut Almuth Schult wird der Frauenfußball vom DFB nicht richtig ernst genommen.

(Foto: imago images / AFLOSPORT)

Da ist bisher zu wenig getan worden. Der DFB fördert natürlich die Frauennationalmannschaft, aber man darf bezweifeln, ob der Geist wirklich dahintersteht. Es sollte selbstverständlich sein, dass Mädchen und Jungen das Gleiche machen können und den gleichen Voraussetzungen begegnen. Mit unserem Verein haben wir Anfang des Jahres einen Gleichstellungspreis bekommen, weil wir den Mädchenfußball massiv fördern. Wir merken, wie dadurch immer mehr Mädchen und Frauen dazustoßen und wissen, dass dies der richtige Weg ist. Wir schließen uns im Frauen- und Mädchenfußball auch mit anderen Vereinen zusammen und schaffen so andere Strukturen – das geht auch bundesweit. Aber das muss von oben vorangetrieben werden und unterstützt werden.

In 119 Jahren DFB-Geschichte stand noch nie eine Frau an der Spitze: Haben die alten, weißen Männer im DFB lange genug das Sagen gehabt?

Ja, absolut. Auch jüngere Männer hätten schon eine andere Sichtweise. Aber bei dieser alten Garde darf ruhig mal ein Austausch stattfinden. Und super, wenn dann noch ein paar Frauen hinzukommen. Bei meiner Arbeit im Bauwesen gibt es auch kaum Frauen und auch da hat man mir nicht zugetraut, dass ich mich durchsetze. Ich bin zwar auch nicht mehr die Jüngste, aber frischen Wind bringe ich in den DFB mit Sicherheit. Und es gibt viele bunte Vereine und Menschen mit Migrationshintergrund dürfen wir ruhig auch mal in Führungspositionen haben.

Mit Ute Groth sprach David Bedürftig

Quelle: n-tv.de

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