Fußball

Corona, Rassismus, Massenmord Dieser Afrika-Cup dürfte nicht stattfinden

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Demonstranten protestierten 2017 in Berlin gegen die Unterdrückung der anglofonen Minderheit in Kamerun.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Europas Fußballtrainer sind sauer, weil sie ihre Spieler für den Afrika-Cup in Kamerun abstellen müssen - auch aus Angst vor Corona vor Ort. Das ist respektlos, finden andere (Ex-)Profis. Doch bei der Debatte geht verloren, dass ein Bürgerkrieg im Land tobt und vor allem Zivilisten leiden.

Nur zähneknirschend lassen die Fußball-Klubs in Europa ihre Profis ziehen. Meist werfen die Trainer, Manager und Bosse noch einen kritischen Spruch hinterher und erklären, man füge sich nur ungern, aber es gebe eben eine Abstellungspflicht. Der Grund für das Gezeter: der Afrika-Cup, der vom 9. Januar bis 6. Februar in Kamerun stattfindet. Ein Land - und deshalb die Kritik -, das auf der Risikogebietsliste des Robert-Koch-Instituts (RKI) als Hochrisikogebiet gelistet wird. Doch das Geschimpfe hat den völlig falschen Ursprung: Der Cup hat natürlich genauso die Daseinsberechtigung wie eine EM. Doch das Turnier in Kamerun dürfte trotzdem nicht stattfinden - wegen der Menschenrechtsverletzungen vor Ort. Aber alles der Reihe nach.

"Wir sind natürlich wegen der Pandemie in Sorge um unsere Spieler", erklärte Rudi Völler der "Bild"-Zeitung. "Keiner kann aktuell einschätzen, wie sich die Lage entwickelt. Wir können nur hoffen, dass alles gut geht." Bayers Sport-Geschäftsführer fürchtet sich wegen der Omikron-Variante. "Das ist ärgerlich", sagte er darüber, dass der Afrika-Cup stattfindet und er zwei seiner Spieler schicken muss, "aber es besteht nun mal eine Abstellungspflicht". Ähnlich äußerte sich Oliver Ruhnert über seinen Topstürmer Taiwo Awoniyi, der wie elf weitere Bundesligaspieler nominiert worden ist. Der Union-Manager malte sich sogar bereits Rückhol-Szenarien aus, "sollte Kamerun als Virusvariantengebiet eingestuft werden".

"Können Sie sich den Aufruhr vorstellen?"

Dabei sind die Infektionszahlen und auch die Mortalitätsrate in Kamerun um ein vielfaches geringer als in Deutschland - auch wenn vor Ort mutmaßlich nicht genauso stringent wie hierzulande getestet wird. Außerdem wird die Omikron-Variante auch in der Bundesrepublik sehr bald die dominante Variante sein. Ein Virusvariantengebiet kann Kamerun damit gar nicht werden. Auch die Bundesregierung teilte bereits mit, ab Dienstag keine Länder mehr als Virusvariantengebiete auszuweisen. Als Hochrisikogebiet stuft das RKI übrigens auch halb Europa ein. Großbritannien ist sogar ein Virusvariantengebiet. Ein europäisches Kontinentalturnier in einem dieser Länder dürfte zwar ähnlich wie die Pandemie-EM im vergangenen Sommer kritisiert werden, jedoch nicht derart an den Pranger gestellt werden wie das Turnier in Kamerun.

Dieser Meinung ist zumindest der ehemalige Stürmer der englischen Nationalmannschaft Ian Wright. "Gibt es ein Turnier, das so wenig respektiert wird wie der Afrika-Cup?", fragt die Arsenal-Legende in einem Video auf Instagram. Die Berichterstattung sei "völlig rassistisch gefärbt". Als die Fußball-Europameisterschaft, ebenfalls mitten in der Pandemie, in zwölf Ländern gespielt wurde, habe sich niemand aufgeregt. "Aber Kamerun, ein einzelnes Land, das ein Turnier ausrichtet, ist ein Problem", so der Ex-Profi.

Nun, natürlich gab es Kritik an der EM, die zu Zeiten der sich stark ausbreitenden und gefährlichen Delta-Variante stattfand. Vor allem an den Halbfinals und dem Finale in London, die seitdem als Superspreader-Events gelten. Aber dieses Zähneknirschen, das Gezeter wie von Völler und Ruhnert, wenn Profis abgestellt werden müssen, das gab es wirklich nicht. "Es gibt Spieler, die gefragt werden, ob sie den Einberufungen in ihre Nationalmannschaften nachkommen werden", sagt Wright. "Stellen Sie sich vor, das wäre ein englischer Spieler, der die Three Lions vertritt. Können Sie sich den Aufruhr vorstellen?" Stimmt.

"Fehlender Respekt"

Dem ehemaligen Eintracht-Stürmer Sebastien Haller von der Elfenbeinküste, der jetzt für Ajax Amsterdam kickt, wurde diese Frage tatsächlich gestellt. Er erklärte gegenüber der niederländischen Zeitung "De Telegraaf", die Andeutung, ein Spieler wolle das Turnier verpassen, um für seinen Verein zu spielen, zeige "die Respektlosigkeit gegenüber Afrika". Auch Teammanager Patrick Vieira vom Premier League Klub Crystal Palace sagt, "dass dieser Wettbewerb mehr respektiert werden muss - denn er ist genauso wichtig wie die Europameisterschaft".

Tatsächlich spielen bei dem afrikanischen Kontinentalturnier einige der besten Spieler der europäischen Ligen mit. Angeführt werden sie vom Ägypter Mohamed Salah vom FC Liverpool, dem wohl derzeit besten Spieler der Premier League, der stärksten Liga der Welt. "Wenn wir sie auf Vereinsebene lieben, warum können wir sie dann nicht auch auf internationaler Ebene lieben, wie ihre Kollegen auf der anderen Seite der Welt?", fragt Ex-Profi Wright dementsprechend weiter.

Tatsächlich sorgt das Turnier seit Jahren immer wieder für reichlich Beschwerden in Europa - gerade weil die Vereine eben ihre teilweise besten Spieler abgeben müssen zum Start der Rückrunde. Auf Kritik an den nationalen Ligen und ihren Terminkalendern ist bisher allerdings noch niemand gekommen. Die Winterpause könnte alle zwei Jahre für das Turnier verlängert werden, vor allem, weil der Afrika-Cup traditionell in unrunden Jahren stattfindet, in denen im Sommer also auch keine EM oder WM ausgetragen wird. Das Turnier 2022 in Kamerun ist eine Ausnahme. Es sollte schon vor einem Jahr stattfinden, wurde aber wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben.

Gewalt in Kamerun

Und damit zu den tatsächlich angebrachten Gründen für Kritik am Afrika-Cup in Kamerun. Gründe, über die sich Völler und Ruhnert wohl nicht informiert haben: die volatile Sicherheitslage vor Ort und eine sich anbahnende humanitäre Katastrophe. Seit 2016 leidet das westafrikanische Land unter einem Bürgerkrieg, die Infrastruktur und die Sicherheit sind nicht ausreichend für ein internationales Fußballturnier. 700.000 Menschen (von etwa 6 Millionen Einwohnern) aus den Gebieten der Separatisten mussten vor der Gewalt der Regierung (der autokratische Präsident Paul Biya regiert seit 1982 mit harter Hand) in andere Landesteile, Zehntausende weitere nach Nigeria oder woanders ins Exil fliehen.

Kamerun ist in eine französischsprachige Ost- und eine englischsprachige Westhälfte geteilt. Immer wieder finden Zusammenstöße zwischen den kamerunischen Regierungstruppen und bewaffneten Separatistengruppen in den anglofonen Regionen des frankofon dominierten Staates statt. Dort wollen die Menschen einen eigenen Staat, Ambazonia genannt. Einem Bericht von Human Rights Watch zufolge begingen beide Konfliktparteien im Jahr 2020 weit verbreitete Menschenrechtsverletzungen, darunter außergerichtliche Hinrichtungen und Massenmorde in den englischsprachigen Regionen. 2021 kam es zu einer Eskalation von improvisierten Sprengsätzen im Land.

Das Risiko für Teams und Zuschauer ist hoch beim Afrika-Cup. An dem Konflikt im Land trägt auch Deutschland eine Mitschuld, schließlich stand Kamerun von 1884 bis 1916 unter deutscher Kolonialherrschaft. Nachdem das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg besiegt worden war, erhielten die Kameruner nicht etwa ihrer Unabhängigkeit. Nein, der Völkerbund teilte das Land unter den Siegermächten Frankreich und Großbritannien auf. 1960 erlangte schließlich der französische Teil die Unabhängigkeit, 1961 schlossen sich Teile des englischen Gebiets an (die eigene Unabhängigkeit durften sie nicht wählen). Heute baden in Kamerun vor allem Zivilisten die geopolitischen Schachbrettzüge der Westmächte aus.

Schachbrettzüge der Westmächte

Ein Kontinentalturnier in Pandemie-Zeiten ist nie eine gute Idee. Corona ist wohl dennoch in Europa das größere Problem im Vergleich zu Kamerun, in dieser Hinsicht wird von Bundesliga und Premier League zu Unrecht massiv Kritik ausgeübt. Und wenn es während Corona eine Europameisterschaft gibt, darf es auch einen Afrika-Cup geben. Beide sollten den gleichen Wert besitzen, für beide müssen problemlos Spieler abgestellt werden können, der Kolonialismus ist zum Glück vorbei.

Doch gerade im bürgerkriegsgebeutelten Kamerun sollte das Turnier nicht ausgetragen werden - aber nicht wegen vergleichsweise unbeträchtlicher Abstellungsgründe von Fußballern. Solange es keine ernsthaften Friedensgespräche der Regierung mit den Separatisten gibt, dürfte solche ein Event nicht stattfinden. Der Afrika-Cup spielt vor allem dem Autokraten Biya in die Hände, der mit dem Turnier die Jugend des Landes für sich gewinnen will, auf großer Bühne Sportswashing betreiben und von seinen Vergehen ablenken kann.

Natürlich könnten möglicherweise Kameruner dank der medialen Aufmerksamkeit - in Deutschland wird der Konflikt so gut wie gar nicht beleuchtet - auf die Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen. Doch die Erfahrung aus China und Russland etwa, wo 2008 die Olympischen Spiele und 2018 die Fußball-Weltmeisterschaft stattfanden, zeigt, dass die Lage sich durch solche Großereignisse nicht verbessert. Im Gegenteil. Die Zivilisten in Kamerun, nicht die Fußball-Vereine in Europa, werden auch mit dem Afrika-Cup weiterhin die Leidtragenden sein.

Quelle: ntv.de

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