Panorama

Ungleiche Verteilung WHO: Reiche Länder verlängern Pandemie mit Booster

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April 2021: In Kamerun bekommt ein Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen den chinesischen Impfstoff Sinopharm verabreicht. Bis Mitte Dezember sind nur 2,3 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

(Foto: picture alliance / AA)

Während viele Menschen in ärmeren Ländern noch gar nicht gegen Corona geimpft sind, bekommen die Menschen in reichen Ländern die Auffrischimpfung, auch wenn sie keiner Risikogruppe angehören. Eine andere Aufteilung hätte die Pandemie schon stoppen können, kritisiert die Weltgesundheitsorganisation.

Reiche Länder sind mit ihren Auffrischimpfungen für alle nach Überzeugung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wahrscheinlich für eine Verlängerung der Corona-Pandemie verantwortlich. Wären die dafür verwendeten Impfdosen an Gesundheitspersonal und gefährdete Menschen in ärmeren Ländern gegangen, hätten schon im September 40 Prozent der Menschen in allen Ländern geimpft werden können. Die WHO geht davon aus, dass bei einer globalen Impfrate von 40 Prozent in jedem Land die akute Phase der Pandemie beendet wäre. Stattdessen verpassten mehr als die Hälfte der WHO-Mitglieder das 40-Prozent-Ziel auch bis Ende des Jahres, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

"Flächendeckende Auffrischungsprogramme werden die Pandemie wahrscheinlich verlängern, anstatt sie zu beenden", sagte Tedros. Das liege daran, dass Impfdosen in Länder geliefert würden, die bereits eine hohe Durchimpfungsrate haben. Diese Impfdosen fehlten in ärmeren Ländern. Das gebe dem Virus die Gelegenheit, sich in unterversorgten Gegenden auszubreiten und dort neue Varianten zu bilden.

Auch der unabhängige Impfrat Sage, der die WHO berät, sprach sich klar gegen allgemeine Booster-Impfprogramme aus, wie sie in Deutschland, Großbritannien, den USA und anderen reichen Ländern aufgelegt worden sind. "In Anbetracht der anhaltenden Unsicherheit über eine globale Impfstoffversorgung und Chancengleichheit müssen die Entscheidungen einzelner Länder über Auffrischungsprogramme den Nutzen für die öffentliche Gesundheit der eigenen Bevölkerung mit der Unterstützung einer weltweiten Chancengleichheit beim Impfstoffzugang abwägen", heißt es in den neuen Sage-Empfehlungen. Dies sei notwendig, um die Virusentwicklung und die Auswirkungen der Pandemie zu bewältigen.

Nigeria zerstört über eine Million abgelaufene Impfdosen

Derweil macht Nigeria Industrieländern Vorwürfe in Zusammenhang mit einer Impfstoffspende. Nigeria vernichtete mehr als eine Million Corona-Impfstoffdosen, weil das Verfallsdatum überschritten war. Die vor einigen Monaten von Industrieländern gespendeten Dosen des Astrazeneca-Vakzins seien verbrannt worden, gab die für Impfungen zuständige Gesundheitsbehörde Nigerias bekannt. In dem mit 220 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land Afrikas sind bisher nur vier Millionen Menschen vollständig geimpft - weniger als drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung.

"Als uns diese Impfstoffe angeboten wurden, wussten wir, dass sie nur eine kurze Haltbarkeitsdauer hatten", erklärte die Behörde. Der Druck sei jedoch groß gewesen, wegen der Impfstoffknappheit zuzugreifen. Reiche Länder horteten die Impfstoffe und böten sie dann als Spende an, "wenn sie kurz vor dem Verfall stehen", klagte die Behörde. Die Vernichtung der abgelaufenen Vakzine solle das Vertrauen der Nigerianer in das Impfprogramm des Landes stärken. Gesundheitsminister Osagie Ehanire erklärte, zukünftig wolle Nigeria keine bald ablaufenden Impfstoff-Spenden mehr annehmen.

Die UNO warnt seit Langem davor, dass die ungleiche Verteilung von Impfstoffen dazu führt, dass viele Menschen in den ärmeren Ländern keine einzige Impfung erhalten, während die reicheren Länder Auffrischungsimpfungen vorantreiben.

Angesichts eines rasanten Anstiegs der Corona-Zahlen haben die Behörden in Nigeria die Bevölkerung zuletzt zu erhöhter Vorsicht aufgerufen. In dem westafrikanischen Land wurden seit Beginn der Pandemie rund 225.000 Corona-Fälle gezählt. Dabei wurden weniger als 3000 Todesfälle registriert. Experten führen die vergleichsweise geringen Infektionszahlen aber auf die wenigen Tests zurück.

Quelle: ntv.de, hul/dpa/AFP

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