Fußball

Uefa lässt sich gerne täuschen Ein Europapokal-Finale im "Mafia-Staat"

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Schöner Schein? Baku bereitet sich auf das Finale der Europa League vor.

(Foto: imago images / Pacific Press Agency)

Aserbaidschan will mit dem Finale der Fußball-Europaliga in Baku sein korruptes Image aufpolieren und über Menschenrechtsverletzungen hinwegtäuschen. Die Uefa zeigt, dass ihr Meinungsfreiheit und Respekt nicht so wichtig sind wie Geld und Show.

Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland, kaum Tickets und lange, teure Flüge für die Fans der Finalmannschaften, Henrikh Mkhitaryan, der als Armenier in Aserbaidschan um seine Gesundheit fürchtet und seinen FC Arsenal nur vor dem Fernseher unterstützen kann: Das Finale der Fußball-Europaliga zwischen Arsenal und dem FC Chelsea an diesem Mittwoch in der Hauptstadt Baku (ab 21 Uhr im Live-Ticker bei n-tv.de) sorgt schon vor dem Anpfiff für Schlagzeilen. Der traurigen Art, wohlgemerkt.

Die Uefa traf eine politische Entscheidung, als sie das Endspiel nach Aserbaidschan vergab, obwohl sie gerne versucht, Sport von der Politik zu trennen. Doch in einem Land, das immer wieder mit Menschrechtsverletzungen und Korruption von sich reden macht und das versucht, sich mit großen Sportereignissen zu brüsten, kann man Fußball und Politik nicht einfach trennen. "Es ist sicherlich fragwürdig, ob es eine gute Idee war, das Finale an Aserbaidschan zu vergeben, wenn man sich deren Liste von Menschenrechtsvergehen anschaut", sagt Hugh Williamson, Direktor der Abteilung Europa und Zentralasien bei Human Rights Watch, im Gespräch mit n-tv.de. Mit immer neuen "Respekt"-Kampagnen kommt die Uefa jedes Jahr um die Ecke, um dann trotzdem mit einem autoritären Regime zu kooperieren. "Wir hätten uns gewünscht, dass die Uefa ihre Final-Entscheidung auf den Standards der Menschenrechte basiert hätte."

"Viele landen im Gefängnis"

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Viele Oppositionelle sitzen in Aserbaidschan ein: Hier wird der Menschenrechtler Intigam Aliyev 2016 nach zwei Jahren Haft freigelassen.

(Foto: imago/Pacific Press Agency)

Aserbaidschan ist ein ölreicher Staat, der von der gleichen politischen Elite seit Jahrzehnten totalitär geführt wird. Präsident Ilcham Alijew, der die Macht 2003 nach zwei fünfjährigen Amtszeiten seines Vaters übernahm, regiert seit 16 Jahren mit harter Hand. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 hat die ehemalige Sowjetrepublik zwar unterzeichnet. Doch Grundrechte wie Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit können nicht ohne Gefahr ausgeübt werden. "Es gibt dort wenig bis gar keinen Respekt für Menschenrechte. Viele Leute landen im Gefängnis, weil sie politische Aktivisten sind oder weil sie demonstriert haben", erklärt Williamson. "Freie Presse, Möglichkeiten, sich in Menschenrechts- oder Oppositionsgruppen zusammenzutun, oder überhaupt Chancen für den Durchschnittsbürger, seine Wünsche kundzutun, gibt es kaum."

Stand heute sind fünf Journalisten und 72 politische Aktivisten inhaftiert. Aserbaidschan ist auch Mitglied des Europarats und gleichzeitig einer der größten Verletzer der Europäischen Menschenrechtskonvention. Finanzielle Strafen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gab es schon Tausende Male, nur stören sie die Regierung nicht sonderlich. Sollte man so ein Regime mit einem sportlichen Großereignis belohnen?

LGBT

Bei LGBT geht's um die sexuelle Orientierung, es ist eine englische Abkürzung für "Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender". Das deutsche Pendant, LSBT (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender), wird kaum verwendet.

Die Uefa schreibt sich auch die Unterstützung der LGBT-Rechte auf die Fahnen und spricht sich für die Inklusion von LGBT-Sportlern und Fans aus. Das wirkt schlichtweg fadenscheinig, wenn der europäische Verband das Finale nach Baku vergibt. Denn Fans aus der LGBT-Community können dort das Spiel sicher nicht im Stadion erleben. "Aserbaidschan ist sehr traditionell konservativ und anti-LGBT", sagt Human Rights Watch Direktor Williamson. "Es gibt viele Fälle, in denen Menschen der LGBT-Community schon verhaftet werden, wenn sie ihre Beziehungen offen zeigen und Händchen halten."

"Der Präsident ist ein Mafia-Boss"

Immerhin: Im April ließ Präsident Alijew etwa 50 politische Gefangene frei. Ein Systemwechsel scheint aber nicht realistisch. Viele Oppositionelle und Journalisten sind längst ins Ausland geflüchtet, schließlich rangiert Aserbaidschan auf dem Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen auf dem 166. von 180 Plätzen und hinter Russland, Libyen oder Somalia. Einer dieser geflohenen Journalisten ist Jamal Ali, Mitgründer von Meydan TV, einem aserbaidschanischen Exilmedium in Berlin.

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Zeigt sich gerne bei Sport-Events: Aserbaidschans Staatspräsident Ilcham Alijew.

(Foto: imago/Belga)

2012 kam er vor dem Eurovision Song Contest ins Gefängnis und wurde des Landes verwiesen, weil er öffentlich die Regierung kritisierte. "Der Präsident und seine Frau sind Kontrollfreaks, sie kontrollieren alles, sogar dein Gehalt - und zwar auf brutale Art und Weise", sagt Ali zu n-tv.de. "Wenn du gegen diesen Weg bist, gehst du ins Gefängnis. Es ist ein Mafia-Staat und Präsident ist der Mafia-Boss, der Don."

Für westliche Journalisten sei die Lage in Aserbaidschan meist in Ordnung, sagt Ali. Probleme bekämen die einheimischen Medien: "Viele aserbaidschanische Journalisten, auch die von unserem Sender, haben keine Akkreditierung für das Finale bekommen. Einer unserer Mitarbeiter ist auch noch im Gefängnis." Aserbaidschan versucht, sich der Welt immer als demokratisches Land zu zeigen, sagt der Journalist. "2012 beim Eurovision Song Contest hat die Welt zum ersten Mal auf das Land geschaut und gesehen, dass das nicht der Fall ist. Das Finale der Europa League wurde nach Baku geholt, um der Welt das neueste Update stolz zu präsentieren, dass es statt Hunderten Gefangenen jetzt nur noch 70 gibt. Aber generell hat sich die Lage im Land nicht groß verbessert."

"Der Staat versucht, sein Image reinzuwaschen"

"Sportwashing" nennt Williamson von Human Rights Watch diese Strategie, sich international mittels Sportveranstaltungen als Saubermann zu präsentieren. So zum Beispiel durch die European Games 2015, die jährlichen Formel-1-Rennen und jetzt durch das Finale der Europa League. "Aserbaidschan versucht über seine Menschenrechtsverletzungen hinwegzutäuschen und seine Vergehen zu vertuschen, indem es viel Geld in riesige Sport-Events investiert", erklärt der Leiter für Europa und Zentralasien. "Mit diesem Sportwashing versucht der Staat, sein Image reinzuwaschen." So zöge die Regierung vermehrt Investoren ins Land und erlange zu Unrecht eine bessere Reputation auf der internationalen Bühne. Williamson kritisiert: "Sportverbände müssen sich dieser Täuschung bewusst sein und wenn sie weiterhin große Events an Aserbaidschan vergeben, dann legen sie keinen Fokus auf Menschenrechte in ihren Entscheidungen."

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Damit diese Trophäe in Baku ausgespielt wird, bezahlt Aserbaidschan viel Geld.

(Foto: imago images / Pacific Press Agency)

Die Uefa hielt all das freilich nicht von ihrer Entscheidung für Baku ab. Journalist Ali überrascht das nicht. Zwar würden viele in Aserbaidschan hoffen, dass sich die Uefa sich für die Freiheit in seiner Heimat einsetze. "Aber wir wissen alle, dass die Uefa ähnlich korrupt ist wie Aserbaidschan und sie nicht viel außer Show und Geld interessiert", sagt Ali. "Wäre die Uefa an Menschenrechten interessiert, würde sie das Finale nicht in Baku ausrichten."

In den vergangenen Jahren wurde der aserbaidschanische Regierungsclan immer wieder überführt, EU-Politiker mit Millionen bestochen zu haben, als es um die Menschenrechtslage oder Wahlen in dem ehemaligen Sowjetstaat ging. Zwar gebe es keine Fakten, ob das bei der Uefa auch der Fall ist, sagt Williamson, aber das viele Öl-Geld sei natürlich attraktiv für internationale Sportverbände: "Aserbaidschan ist klar korrupt. Und die Machtverbindung zwischen der Regierung, den Führungsetagen von mächtigen Firmen und dem Geld, das in internationale Sportereignisse fließt, kann durchaus Korruption Vorschub leisten. Das ist ein Muster, das in Aserbaidschan existiert."

Die Uefa kommt mit Totschlagargumenten

Was sagt eigentlich die Uefa zu ihrer Entscheidung? Präsident Aleksander Ceferin äußert im "Spiegel" seine eigene Meinung zu Aserbaidschan. "Die Menschenrechtslage ist hier ein Problem, das ist sie in anderen europäischen Staaten jedoch auch." Diese Aussage ist erstens faktisch falsch, denn systematische Menschenrechtsverletzungen und Korruption gibt es so nirgends sonst in Europa. Und zweitens ist dieses ein - nun ja, billiges - Scheinargument, das Whataboutism genannt wird. Ceferin versucht vom eigenen Fehlverhalten abzulenken und das Aserbaidschans zu relativieren, indem er es in Relation zu anderen Fehlverhalten setzt. Ein perfider Trick, den Donald Trump und Trolle im Internet perfekt beherrschen - und der natürlich misslingt.

"Ich würde gerne von der Uefa hören und sehen, dass sie die Menschenrechtsvergehen Aserbaidschans öffentlich ansprechen", kritisiert Williamson. "In Hinsicht auf das Spiel muss die Uefa sicherstellen, dass alle Arten von Diskriminierungen gegen LGBT und andere Minderheiten vermieden werden und Pressefreiheit garantieren, also dass nationale und internationale Journalisten über das Finale aber auch über die Vorgänge im Land berichten können. Ich sehe leider keine Beweise dafür, dass die Uefa dies wirklich angeht."

Ceferin fährt im "Spiegel" fort, dass das Finale für die aserbaidschanischen, fußballbegeisterten Bürger stattfinden würde: "Die Menschen dort lieben den Fußball. Und der darf von der Situation nicht gestoppt werden." Allerdings, so Williamson, brächten große Sportereignisse fast nie Langzeit-Verbesserungen hinsichtlich der Menschenrechte mit sich, auch wenn während des Events eine positive Stimmung im jeweiligen Land herrsche. Das habe man auch bei der WM 2018 in Russland beobachtet. "Wir sind also eher pessimistisch, dass die Sportereignisse den Menschen in Aserbaidschan helfen", sagt der Human Rights Watch Direktor. "Auch, weil die Regierung das ja gar nicht als Ziel äußert. Es gibt keinerlei politische Absicht in diese Richtung."

Ein Ticket kostet einen Monatslohn

Für Ali ist das Europaliga-Finale in seiner Heimat ohnehin eher "Brot und Spiele wie im alten Rom, um die Bevölkerung ruhig zu halten" und er möchte "kein Teil dieses Events sein". Meist kosteten die Sportveranstaltungen dann auch noch doppelt so viel wie geplant. Und auch, wenn viele Aserbaidschaner fußballverrückt sind, darf trotzdem mit vielen verwaisten Sitzen im Stadion gerechnet werden. "Tickets kosten 50 bis 100 Euro, aber das kann sich kaum einer leisten. Ein Lehrer verdient 116 Euro pro Monat.", sagt Ali. Es gingen hauptsächlich die ins Stadion, die sich sonst auch einen Flug nach Mailand oder Madrid hätten leisten können.

Natürlich sollen die Fans im Stadion und an den Bildschirmen das Spiel genießen, schließlich können sie nichts für die Vergehen der aserbaidschanischen Regierung. Das hofft auch Williamson von Human Rights Watch. "Aber sie sollen sich auch bewusst machen, dass es in Aserbaidschan einige gibt, die nicht ins Stadion können oder zuschauen können, weil sie diskriminiert werden oder im Gefängnis sitzen. Sport findet ja nicht in einem Vakuum statt, sondern in einem politischen Kontext." Fußball und Politik lassen sich in Aserbaidschan nicht einfach trennen - das muss auch endlich die Uefa begreifen.

Quelle: ntv.de