Fußball

Reif über CL, Haaland und Bayern "Klopp sucht sich neue Herausforderung"

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Marcel Reif kommentierte jahrelang für Sky die Champions League und traut dieses Jahr einer deutschen Mannschaft zu, den Titel zu holen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Kommentatoren-Legende Marcel Reif holt im Interview mit ntv.de zum Champions-League-Rundumschlag aus. Er warnt vor der Pariser Offensive, sieht in Kylian Mbappé und Erling Haaland die derzeit "heißesten" Stürmer der Welt und glaubt, dass im heutigen Achtelfinale der Königsklasse zwischen dem Borussia Dortmund und Paris Saint-Germain (21 Uhr/Dazn und im Liveticker auf ntv.de) "hemmungslose Attacke" ins Verderben führen könnte. Jürgen Klopp traut er den baldigen Rücktritt zu, dem FC Bayern die Meisterschaft - und einer deutschen Mannschaft den Gewinn der Champions League.

ntv.de: Wie wird das Wiedersehen des BVB mit PSG-Trainer Thomas Tuchel, die sich 2017 nicht gerade im Guten getrennt hatten?

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Kylian Mbappé (ganz rechts) traf schon 2017 mit dem AS Monaco gegen den BVB in der Champions League.

(Foto: imago/DeFodi)

Marcel Reif: Der BVB und Thomas Tuchel sind gut beraten und auch schlau genug, diese Dinge in der Vergangenheit abzuheften. Alte Rechnungen zu begleichen, würde heute Abend nicht helfen. Die werden sich aus dem Weg gehen und Fußball spielen.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke sagte im Vorfeld des Spiels, dass schließlich "nicht Jürgen Klopp" käme. Ein kleiner Giftpfeil in Richtung Tuchel?

Herr Watzke redet manchmal viel, wenn der Tag lang ist. Aber faktisch ist das absolut richtig. Wenn man da etwas reininterpretiert, dann könnte das den Blick aufs Wesentliche verstellen. Der BVB soll lieber schauen, wie er mit der Offensive von Paris klarkommt.

Dortmund war zuletzt hinten sehr anfällig und zweikampfschwach, PSG hat nach 25 Spieltagen 67 Tore geschossen.

Paris hat zuletzt gegen den Tabellenvorletzten vier Tore geschossen - aber auch vier Stück reinbekommen. Im BVB und in PSG treffen zwei Mannschaften aufeinander, die auf Krawall gebürstet und auf Offensive getrimmt sind. Die Frage wird sein: Wer von beiden erinnert sich daran, dass zum Fußball Angriff und Verteidigung gehört. Wer in dem Spiel hemmungslos nur auf Attacke spielt, wird Probleme haben.

Das Spiel ist auch das Aufeinandertreffen der Jungstürmer Erling Haaland und Kylian Mbappé - was hat der Franzose dem Dortmunder voraus?

Marcel Reif

Marcel Reif, Jahrgang 1949, ist Sportjournalist und Fußballkommentator. Nach langjähriger Tätigkeit für das ZDF, RTL und Premiere/Sky ist er bis heute einer der Experten der Sport1-Fußball-Talkshow Doppelpass. 2002 wurde Reif mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, 2003 mit dem Adolf-Grimme-Preis.

Erfahrung. Er weiß schon, wie er mit öffentlichem Radau umgehen muss. Da muss Haaland jetzt erst mal noch richtig durch. Aber sie sind auch unterschiedliche Spieler: Mbappé ist eher ein Feinmotoriker und noch schneller als Haaland. Der Norweger ist wuchtiger und fühlt sich im Strafraum wohler. Aber für seine Größe ist Haaland schon enorm schnell, hat auch eine gute Technik und kann bald zu Mbappé aufschließen. Beide sind Spieler, die aus dem obersten Regal kommen und noch teurer werden. Wenn man sich fragt, wer sind die heißesten Stürmer weltweit? Dann kommt man an den Zweien schwer vorbei.

Stichwort Defensive: Was bringt Emre Can für die K.-o.-Phase an Eigenschaften mit, die vielleicht die PSG-Offensive stoppen können?

Can bringt, das hat man in Ansätzen schon gesehen, eine gewisse Mentalität. Die Dortmunder hören es nicht gern, dass sie Mentalitätsprobleme haben. Doch natürlich ist das der Fall. Das heißt aber nicht, dass sie charakterschwach sind, sondern eine defensive Mentalität fehlt. Wir reden alle über Haaland, Julian Brandt, Jadon Sancho und Marco Reus, die attraktiv spielen wie kaum eine andere Mannschaft weltweit - wenn sie gut spielen. Aber sobald der Wind von vorne kommt, fehlen Dortmund die Spieler, die sagen: "Feierabend! Vielleicht gewinnen wir heute mal nicht hoch oder spielen nur Unentschieden, aber das müssen wir mal mitnehmen." Can ist genauso ein Typ, der dem BVB bisher gefehlt hat. Er soll jetzt ausstrahlen auf den Rest der Mannschaft, damit sie ihre defensiven Gene entdeckt.

Wie sieht's bei Bayern München in der Königsklasse aus: Ist der Rekordmeister der klare Favorit gegen den FC Chelsea?

Absolut - aber genau das macht die Sache so gefährlich. Du spielst gegen eine sehr junge Mannschaft, die nichts zu verlieren hat und sich in der Außenseiterrolle sehr wohl fühlt. Die Bayern müssen weiterkommen, sonst ist die Saison im Eimer.

Was wird dafür entscheidend sein?

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Die Champions League haben Jürgen Klopp und der FC Liverpool schon gewonnen - jetzt folgt wohl die englische Meisterschaft.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Seriös die eigenen Stärken spielen. Und nicht so wie in Köln, wo die Bayern eine sehr gute Halbzeit spielen und eine nicht so starke. Bei allem Respekt vorm Effzeh, der FC Chelsea ist eine andere Kragenweite und würde so etwas bestrafen.

Als einer der Favoriten auf die Champions League gilt auch Jürgen Klopp mit seinem FC Liverpool.

Was Klopp in Liverpool entwickelt hat, ist der schiere Irrsinn. Das sagt er ja selber. Er ist fassungslos, dass er 25 Punkte Vorsprung in der heiligen Premier League hat, wo doch angeblich alles so ausgeglichen ist. Das ist absurd! Wahnsinn! Ich glaube aber nicht, dass die Champions League das Ziel ist für Klopp. Für Liverpool geht es nur darum, endlich mal wieder Meister zu werden. Und wenn Klopp das auch noch geschafft hat, dann läuft er über das Wasser der Mersey in Liverpool. Ich kann mir vorstellen, dass er sich dann anderswo eine neue Herausforderung sucht, weil du mehr in Liverpool nicht gewinnen kannst. Heiliggesprochen ist er eh schon.

Wer gewinnt die Königsklasse dann am Ende?

Das Gute für deutsche Klubs ist, dass ich keine Übermannschaft nennen kann. Der FC Barcelona ist es nicht, Real Madrid ist ebenso verwundbar wie Paris. Für sechs oder sieben Klubs ist die Tür dieses Jahr sehr weit offen. Insofern ist es nicht verboten, dass wir mal wieder einen deutschen Champions-League-Sieger sehen.

Und wer hat die Nase vorn im Meisterschaftsrennen?

Es ist immer noch schön spannend. Aber wenn ich 20 Cent setzen müsste, würde ich auf die Bayern tippen. Sie sind die Belastung durch die Champions League gewohnt, sie sind den Stress und Druck gewohnt - das macht ihnen alles keine Angst.

Schalke, Münster, Guimarães: Rassistische Beleidigungen häufen sich auf und neben dem Fußballplatz. Im September 2019 schrieben sie in einem Gastbeitrag für die "Jüdische Allgemeine": "Jede Gesellschaft hat den Fußball, den sie verdient." Was sagen die jüngsten Skandale also über Deutschland im Jahr 2020?

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Leroy Kwadwo (rechts) von den Würzburger Kickers wurde in Münster rassistisch beleidigt. Schiedsrichterin Katrin Rafalski unterbrach das Spiel und die Zuschauer im Stadion reagierten mit "Nazis raus"-Rufen.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Sie zeigen, dass solche Dinge nicht nur im Fußball passieren. Aber was gerade in Münster am Wochenende passiert ist, dürfen wir dick und fett unterstreichen: Da ist bei einem Fußballspiel die Gesellschaft, die dort anwesenden Zuschauer, aufgestanden und hat sich gegen rassistisches Getue gewehrt. Das macht mir Hoffnung.

In Ihrem neuen Buch "Auswärtsspiel" beschreiben Sie Ihre Reisen zu den Metropolen des europäischen Fußballs. Zum Reisen gehören Geduld, Mut und Humor: Reisen Fußballfans anders?

Ich wünsche Fußballfans, dass sie nicht nur aufs Spiel fixiert sind, sondern sich anschauen, wohin es geht. Ein Spiel in Mailand ist ein anderes Spiel als in Madrid. Mich hat immer gereizt, herauszufinden, warum das so ist. Was ist hier anders als dort, was macht hier mehr Spaß und was dort? Wir können und sollten das als Begleiter des Fußballs ja viel mehr genießen als die Spieler. Die fliegen hin, haben das Abschlusstraining, gehen ins Hotel, haben das Spiel und sitzen direkt danach wieder im Flieger.

Was haben Ihre Fußballreisen Sie gelehrt?

Dass die Welt bunt und vielfältig ist. Und dass der Nabel der Welt nicht an meinem Nabel fixiert ist. Du lernst unterschiedliche Menschen kennen und verstehen. Das weitet den Blick. Man nimmt sich selbst nicht mehr so wichtig und stellt fest: Die Menschen hier sind genau lustig und wichtig wie du und ich. Ich ging mal in Madrid in eine Tapas-Bar, als die Borussia dort spielte. Die BVB-Fans hatten mich da schon etwas auf dem Kieker, dann standen auf einmal drei Hünen von denen auf. "Du bist das größte Arschloch", sagten sie zu mir, "aber können wir ein Selfie machen." Wir haben das Foto gemacht.

"Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise gehen in die Tavernen", sagte Erich Kästner: Wer sind die, die ins Fußballstadion gehen?

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(lacht) Ich hoffe, dass die, die ins Fußballstadion gehen, genauso in die Museen und Tavernen gehen. Sonst ist es ein bisschen zu einfältig. Früher hatte ich den Spruch: Berge von unten, Kirchen von außen, Kneipen von innen. Ich merkte aber, dass das zu kurzgefasst ist. Auf den Bergen und in den Kirchen, Museen und Theatern dieser Welt gibt es sehr wohl etwas zu sehen. Da, wo ich die Welt kennenlernen kann, ist es schön. Und dazu zählt auch das Fußballstadion, denn jedes Publikum ist anders und jedes Stadion hat eine eigene Atmosphäre.

Sie sind lange im Geschäft: Wie beobachten Sie moderne Fußballtrends?

Das ist natürlich etwas billig, aber all das was heutzutage um den Fußball herum passiert, macht mich ein wenig hoffnungslos. Die enormen Ablösesummen und was gerade bei Manchester City los ist: Die haben so viel Geld und tricksen immer noch. Die Schere wird noch weiter auseinandergehen, wir sind noch längst nicht am Ende einer obszönen Spirale. Was mir gefällt, ist der Fußball, der heute gespielt wird. Das ist eine andere Sportart geworden und hat mit dem Sport, den ich zu Beginn meiner Karriere kommentiert habe nicht mehr viel zu tun. Ein gutes Spiel von zwei guten Mannschaften, wie heute Abend zwischen Dortmund und Paris, ist mittlerweile auf einem unfassbaren Niveau und macht sehr viel Freude beim Zuschauen.

Mit Marcel Reif sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de