Fußball

Der (verhinderte) Abwehrchef Mats Hummels ist zynisch genervt

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"Ich verfolge es nicht und kommentiere es nicht."

(Foto: imago images/Revierfoto)

Borussia Dortmund startet am Abend bei Lazio Rom in die neue Saison der Champions League. Beim Gegner ist ein ehemaliger Stürmer des BVB der wichtigste Mann. Auf ihn richtet Mats Hummels seinen Fokus - und nicht auf das leidigste Thema im deutschen Fußball.

Joachim Löw wird das gefallen haben. Wenn er es denn überhaupt mitbekommen hat. Denn alles, was derzeit gelesen und gesagt wird, wenn es um den Zustand der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geht, das könne er ja nicht lesen. Hatte er zuletzt gesagt. Sonst würde er seinen Job nicht mehr richtig machen können. Nun, um seinen richtig machen zu können, das sagen seine (zunehmenden) Kritiker, müsste er erstmal ein paar Spieler begnadigen. Den Thomas Müller als Führungskraft für die Offensive zum Beispiel. Und wenn er schon einmal in München ist, könne er doch auch gleich bei Jérôme Boateng vorsprechen und ihn für die Länderspiele Anfang November einladen. Am besten gemeinsam mit Mats Hummels, dafür müsste Löw dann allerdings nach Dortmund reisen (oder eine 0231-Nummer wählen).

So, und hätte der Bundestrainer dies erledigt (was er mutmaßlich nicht machen wird), wären alle Probleme in Fußball-Deutschland gelöst, womöglich sogar das Desinteresse. Tatsächlich ist es aber so, dass sich das DFB-Team mit schwächelnden Abwehrkräften durch diesen Herbst schleppt. Und sehr viele Menschen glauben, dass eine Immuntherapie mit Hummels und Boateng schnelle Heilung versprechen würde. Und so ist die Diskussion um eine Rückkehr der Abwehrspieler (und von Müller) zum leidigsten Thema im deutschen Fußball geworden. Kein Spiel, kein Spieltag, keine Talkrunde vergeht, ohne dass Löw (in Abwesenheit) zu hören bekommt, dass eine Begnadigung jener Fußballer, die er im Frühjahr 2019 aus seinem Aufgebot verbannte, eine gute Idee wäre. Während von Boateng zu diesem Thema derzeit nichts zu hören ist, verweist Müller auf seine sehr gute Form (berechtigt).

"Verfolge und kommentiere es nicht"

Und Hummels? Der moderierte die Debatte für sich vor dem Auftakt in die neue Saison der Champions League genervt, aber höflich lächelnd ab. Vor dem Duell gegen Lazio Rom mit dem so überragenden Ex-Dortmunder Ciro Immobile (ab 21 Uhr im Liveticker bei ntv.de) sagte er, weil er gefragt wurde: "Ich verfolge es nicht und kommentiere es nicht." So könne man das formulieren, schob er nach. Raus mit der Dynamik, kein neuer Druck für Löw (das, siehe oben, dürfte ihm gefallen). Nun, ein kleines bisschen in Zweifel darf man diesen rhetorischen Gleichmut des 31-Jährigen ziehen. Denn selbst bei seinem BVB wird auf höchster Ebene sanfte Lobbyarbeit für ein Comeback betrieben. Die Diskussion um einen fehlenden Abwehrchef der ein Spiel organisieren und aufbauen kann, unter anderem angestoßen von Bastian Schweinsteiger, könne man schnell beenden, hatte Dortmunds Geschäftsführer im Sportstudio des ZDF abklingen lassen.

"Wir hätten einen, das ist klar", sagte er. "Aber das weiß Joachim Löw ja auch. Ich glaube auch, ehrlich gesagt, dass Mats noch eine gute Chance hat, die EM zu spielen." Er sei davon, sagte Watzke, "überzeugt". Denn Hummels spiele "seit langer Zeit auf Top-Niveau. Je näher es auf das Turnier zugeht, werden die Würfel, denke ich, noch einmal ein bisschen neu gemischt." Der 31-Jährige sei "nach wie vor einer der besten Innenverteidiger, nicht nur in Deutschland, sondern in Europa". Ähnlich hatte sich Sportdirektor Michael Zorc positioniert. Im feinsten guardiola'schen Superlativ sagte er: "Mats ist noch immer ein Top-Top-Abwehrspieler für Deutschland und hat jederzeit die Qualität, zu spielen."

Als Aufforderung wollte Zorc seine Aussage allerdings nicht verstanden wissen. "Das ist meine Meinung. Aber sie ist nicht relevant, weil ich das nicht entscheiden muss, sondern der Bundestrainer. Und das ist sein gutes Recht." Die sehr meinungsfreudigen TV-Experten Dietmar Hamann und Lothar Matthäus hatten sich wenige Tage zuvor mit dem dringenden Verweis auf die zuletzt vielen Gegentore der DFB-Elf für eine Rückkehr des BVB-Abwehrchefs ausgesprochen. "Für mich gibt's da einen Spieler, den man zurückholen sollte - und das ist Mats Hummels. Er ist ein absoluter Leader da hinten. Er kann die Mannschaft führen und ich glaub auch die Spieler führen. Ab und zu habe ich das Gefühl, hinten sind sie etwas hilflos und da würde mit Sicherheit Hummels etwas Ruhe reinbringen", sagte Hamann bei Sky. "Mit seiner Routine und seiner Persönlichkeit hilft er der Mannschaft", befand derweil Matthäus, ebenfalls bei Sky.

"Wir müssen uns verbal viel helfen"

In Dortmund hat der Weltmeister von 2014 seine Abwehr in dieser Saison deutlich stabilisiert. Nach vier Ligaspielen hat der BVB erst zwei Gegentore kassiert, beide bei der überraschenden Niederlage beim FC Augsburg (0:2) am 2. Spieltag. Hummels ist mit der Entwicklung der Mannschaft, die sich im Rausch der eigenen Offensiv-Power gelegentlich etwas schlampig nach hinten bewegt hatte, zufrieden. "Wir haben mehr defensiv orientierte Spieler auf dem Platz und eine defensivere Einstellung. Und wir verlieren auch nicht mehr so oft ohne Druck die Bälle."

Wie stabil das System ist, das wird am Abend vor allem ein Mann testen: Ciro Immobile. Anders als in seiner doch eher unglücklichen Zeit beim BVB in der Saison 2014/15 gehört der mittlerweile 30-Jährige in Rom zu den abschlussstärksten Stürmern in Italien und Europa. Im Sommer wurde er mit 36 Toren zum dritten Mal nach 2014 und 2018 Torschützenkönig der Serie A. "Für uns ist es relevant, dass wir ihm nicht allzu viele Chancen geben, weil er seit ein paar Jährchen vor dem Tor eiskalt unterwegs ist", sagte Hummels.

Er hofft, dass sich die personell arg gerupfte Defensive seiner Dortmunder trotz der durch die Ausfälle von Manuel Akanji (Corona), Dan-Axel Zagadou (Knie), Nico Schulz (Muskelfaserriss) und Emre Can (Rotsperre) bedingten Umstellungen als ausreichend wehrhaft gegen Lazio erweist: "Das ist eine Herausforderung, weil man gewisse Automatismen hat. Es wird nun darauf ankommen, dass wir viel kommunizieren. Wir müssen uns verbal helfen." Hummels ist als Chef gefragt, als unverzichtbarer. Zumindest beim BVB.

Quelle: ntv.de