Fußball

Nach CL-Gala von Bayerns Coman Plötzlich muss Sané einen Helden verdrängen

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So freut sich ein Matchwinner.

(Foto: REUTERS)

Kingsley Coman, ausgebildet bei Paris St. Germain, erzielt ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub im Endspiel der Champions League das wichtigste Tor seiner Karriere. Eine Stammplatz-Garantie für die neue Saison bringt ihm das aber nicht - weil Leroy Sané nun da ist.

Natürlich gratulierte auch Leroy Sané. "Glückwunsch an das Team", ließ er der Mannschaft des FC Bayern am späten Sonntagabend in allernüchternster Höflichkeit über Twitter ausrichten. Die Mannschaft des FC Bayern, die ja schon auch seine ist, hatte in Lissabon zuvor die Champions League gewonnen. Ohne Sané, der als Neuzugang im letzten Spiel der alten Saison nicht spielberechtigt war. Mit 1:0 (0:0) hatte sie Paris St. Germain in einem hochspannenden Endspiel leidenschaftlich niedergerungen. Der erkämpfte Triumph im Estádio da Luz war die Krönung einer perfekten Saison - wenn man ihren Start auf den 3. November datiert. Das war der Tag, als der völlig ausgelaugte Trainer Niko Kovac aus der und dessen Assistent Hansi Flick in die Verantwortung genommen wurde. Es war der Tag, der den FC Bayern veränderte.

Nun, neuneinhalb Monate später, am 23. August 2020, war wieder ein Tag, der den FC Bayern veränderte. Es war der Tag, der alte Heldengeschichten erfolgreich zu Ende schrieb und neue begann. Vorneweg die von Kingsley Coman, dessen Name ab sofort und auf ewig mit dem zweiten Triple der Klubhistorie verbunden sein wird. Mit einem überraschend wuchtigen Kopfball hatte der 24-Jährige die Entscheidung erzwungen. Allein das reichte, um sich in die Reihe der Legenden zu stellen. In die Reihe um Uli Hoeneß, Gerd Müller, Franz Roth, um Stefan Effenberg, Thomas Linke (jaja) und Arjen Robben. Sie alle waren Männer, die für Münchner Erfolge im Europapokal der Landesmeister (oder auch Champions League) als die relevanten Torschützen verantwortlich waren.

Kingsley Coman hatte am Sonntagabend aber noch viel mehr geschafft. Nach zwei Spielen ohne Startelf-Einsatz hatte er sich mit seiner erstaunlichen Leistung an all jenen vorbeigeschlichen, die doch eigentlich für die große(n) Rolle(n) des (der) Protagonisten vorgesehen waren. Er hatte sich vorbeigeschlichen am phänomenalen Kylian Mbappé. An Neymar, der sich von der Diva zum kämpferischen Anführer gewandelt hatte, um am Ende dann doch wieder zu leiden. An Robert Lewandowski, dem möglichen Weltfußballer. An Thomas Müller, dessen Lobbyisten vehement für eine Rückkehr in die DFB-Elf werben. Und an Serge Gnabry, der sich in München und der Nationalmannschaft unverzichtbar gemacht hat. Das Finale, es war nicht ihre große Show, es war die von Coman. Und das große Leiden von Nationalspieler Thilo Kehrer, der seinen glücklichsten Moment in der 68. Minute hatte, als sein Gegenspieler ausgewechselt wurde.

Coman dachte schon ans Karriereende

Es war eine Auswechslung, die sehr viele Menschen überraschte. Kehrer wohl am meisten. Der war in den Minuten vor dem Abgang von Coman mehrfach auf links gedreht worden. Von diesem Fußballer, der so unglaublich viel Potenzial hat. Und so viel Pech. Fünf mittelschwere bis schwere Verletzungen stehen in seinem Krankenprotokoll. Fünf Verletzungen, die ihn jeweils mindestens sieben Wochen in eine Pause zwangen. Allein zweimal hatte er sich das Syndesmoseband gerissen. Jenes Band, das vor gut zehn Jahren nationale Bekanntheit erlangt hatte, als Kevin-Prince Boateng den deutschen Capitano Michael Ballack kurz vor Turnierstart noch aus dem WM-Kader und in der Folge schleichend aufs Altenteil foulte. Die syndesmosige Leidenszeit hatte Coman ernüchtert, kurz nach seinem Comeback im Dezember 2018 erklärte er: "Wenn ich eine dritte Operation brauche, glaube ich nicht, dass ich es machen würde. Wenn ich mich wieder verletzte... Genug ist genug."

Coman, dessen Eltern aus dem Überseedepartement Guadeloupe stammen, und der ausgerechnet in der Jugendakademie von Finalgegner Paris St. Germain ausgebildet wurde, dachte an ein vorzeitiges Ende der Karriere. "Vielleicht ist mein Fuß nicht für das hohe Niveau gemacht", sagte er damals in der TV-Sendung Telefoot, "und ich muss ein anderes Leben führen, ein anonymes Leben".

Nun, seither hält zumindest dieses Band. Und Coman spielt noch immer. Und das oft richtig gut. Der "Kicker" weist ihn nach Noten in der vergangenen Saison (in der Bundesliga) als viertstärksten Mittelfeldspieler beim Meister aus - hinter Müller, hinter Joshua Kimmich und hinter Leon Goretza, dem Notenbesten. Nur in der internen Scorerliste (alle Wettbewerbe), für einen Offensivmann durchaus eine relevante Kategorie, liegt er nicht in den Top-Regionen. Da liegt er "nur" auf Platz acht (acht Tore, sieben Vorlagen in 38 Spielen), noch hinter seinem Backup Ivan Perisic (acht Tore, zehn Vorlagen in 35 Spielen). Die bisweilen mangelnde Effektivität schleppt er seit jeher mit sich herum. Schon unter Jupp Heynckes war sie vor zwei Jahren Thema. Von ihm bekam er damals den Tipp, vor der Flanke mal kurz "vom Gas zu gehen". Für mehr Genauigkeit.

Das Tempo, es ist die große Stärke des 24-Jährigen, der seit dem 30. August 2015 für die Münchner spielt. Der einst als Nachfolger des legendären Franck Ribéry von Juventus Turin (zunächst geliehen) verpflichtet worden war, diese Rolle aber bislang nicht konstant ausfüllen konnte. Wohl auch deshalb - und weil der Klub seit Jahren von der Idee beseelt ist - wurde Leroy Sané verpflichtet (seither gilt Coman in den Medien als möglicher Abgang). Der Königstransfer. Der Mann, der mit Gnabry, Kimmich, Goretzka und Niklas Süle künftig das Gerüst beim FC Bayern und der DFB-Elf bilden soll. Ein ewiger Wunsch von Uli Hoeneß. Aber so mia-san-mia-nichts wird Sané nicht ins Team rutschen. In München, diese Selbstverständlichkeit hatte Trainer Hansi Flick in der Posse um angeblich zugesicherte Pflichtspiele für Torwart-Neuzugang Alexander Nübel im Winter noch einmal verdeutlicht, zähle natürlich die Leistung. Und die von Coman, die war am Sonntag einfach verdammt gut. Das weiß auch Sané.

Quelle: ntv.de