Fußball

Der Coman-Trick des FC Bayern Flick sorgt europaweit für Bayern-Angst

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In zehn Monaten zum Triple-Sieger: Der Triumph in der Champions League krönt Hansi Flicks herausragende Saison mit dem FC Bayern.

(Foto: REUTERS)

Was für eine unglaubliche Saison hat Hansi Flick da auf den Platz gecoacht? Der Trainer des FC Bayern macht eine verängstigte Mannschaft in nur zehn Monaten zum Triple-Sieger. Seinen finalen Schachzug hebt er sich für das Champions-League-Finale auf - und behält wie immer recht.

Es war nicht ganz ein Trümmerhaufen, den Hansi Flick da im Herbst 2019 übernahm. Aber es lag doch einiges im Argen beim FC Bayern, als Cheftrainer Niko Kovac gegangen wurde. Anfang Oktober verloren die Münchner zu Hause gegen die TSG Hoffenheim, es folgte ein Unentschieden gegen Augsburg, ein mühsames 2:1 über Bundesliganeuling Union Berlin: Allzu gemütlich trat Kovac' Mannschaft damals auf, vorne wurden die besten Chancen ausgelassen und hinten waren die Bayern anfällig.

Und dann folgte die Deklassierung: Mit 5:1 Toren versohlte Anfang November Eintracht Frankfurt den Münchnern den Hintern. Kovac' Tage in München waren gezählt. Die Interimslösung Hansi Flick wurde vielerorts belächelt. Wie sollte der ehemalige Co-Trainer der Bayern, zuvor auch Assistent von Jogi Löw in der Nationalmannschaft, den Rekordmeister nur aus diesem Loch holen? Er, der es als Trainer nicht schafft, Anfang der 2000er Jahre mit Hoffenheim in die Zweite Bundesliga aufzusteigen und noch nie einen Spitzenklub als Chefcoach angeführt hatte?

Nun, Flick versuchte sein Glück und impfte seinem Team die abhandengekommene Dominanz wieder ein. Er erreichte die Mannschaft in einer Art, die die Bayern auf eine ungeahnte Siegesserie hievte, wurde von der Interims- zur Weihnachts- zur Wunschlösung auf lange Zeit und verlor seit dem siebten Dezember kein einziges Spiel mehr. Nicht in der Bundesliga. Nicht im DFB-Pokal. Und schon gar nicht in der Champions League, wo die Bayern spätestens ab dem K.-o.-Turnier zum großen Favoriten in Europa wurden, nachdem sie Schwergewicht um Schwergewicht aus dem Verkehr gezogen hatten. Der Titel in der Königsklasse ist zweierlei: einerseits die logische Folge dieses geraden, steilen Weges. Andererseits eine faustdicke Überraschung, denn so schnell wie Flick hat wohl noch nie ein Trainer eine Mannschaft umgekrempelt.

Coman-Trick funktioniert

Auch vor dem Finale der Champions League bewies Flick erneut, warum er der Richtige für die Münchner ist. Sein Näschen überzeugte ihn von einer Startelf-Überraschung: Anstelle des zuletzt starken Ivan Perisic rückte der schnellere Kingsley Coman zurück ins Team. Nach muskulären Problemen hatte der Franzose das Achtelfinal-Rückspiel gegen den FC Chelsea verpasst. Perisic ersetzte ihn, traf ins Tor - und behielt seinen Platz im Viertel- und Halbfinale. Gegen Barcelona markierte er einen weiteren Treffer und überzeugte mit hoher Aggressivität. Dass Flick seine erste Elf auf dieser Position ändern würde, war also nicht unbedingt zu erwarten.

Schließlich hatte auch Coman kein einfaches Jahr gehabt, damals im Herbst 2019. Unter Kovac hatte er nur einen Treffer erzielt, aber immerhin oft über 90 Minuten gespielt. Dann kam Flick. Und es folgten für den Franzosen in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League nur noch vier weitere Partien über die volle Distanz. Oft war er nur Einwechselspieler. Den Beginn der Flick'schen Siegesserie ab Anfang Dezember musste er mit einer Kapselverletzung von außen bestaunen, fehlte sechs Spiele in Folge. Auch danach traf er nur noch dreimal.

Kurzum: Coman war nicht besser drauf als Perisic und hatte sich für die Startelf nicht wirklich aufgedrängt, aber Flick entschied sich vor dem wichtigsten Bayern-Spiel seit 2013 dennoch für ihn. "Ich hätte auch Philippe Coutinho oder Ivan Perisic bringen können", erklärte der Cheftrainer vor dem Finale seine Entscheidung. "Aber Paris ist der Heimatverein von Kingsley. Und wir hoffen, dass er da noch ein bisschen mehr motiviert ist." Der Trick funktionierte. Seit 2005 wurde Coman bei PSG ausgebildet, bis 2014 spielte er für den französischen Meister. Für das Profiteam hat er nie getroffen - nun aber versetzte ausgerechnet er dem Verein das schlimmste Gegentor der Geschichte.

Coman will es Sané zeigen

Das Flick-Händchen, es war ein Gold-Händchen. Nach einer mäßigen ersten Hälfte, in der Coman auf dem Flügel überhaupt keinen Zugriff bekam und mit seinen Tempodribblings und Läufen keine Wege durch die PSG-Abwehr fand, drehte der Franzose in der zweiten Halbzeit enorm auf. Vielleicht war es der Fast-Elfmeter, den er Sekunden vor dem Halbzeitpfiff nicht bekam und der ihn möglicherweise anstachelte. In der 59. Minute stahl sich der Flügelstürmer clever im Rücken der sonst immer sicher stehenden PSG-Abwehr davon, Joshua Kimmich servierte den Ball per maßgeschneiderter Flanke - und Comans Kopf erledigte eiskalt den Rest.

Sein Tor, das 500. der Bayern in der Königsklasse, war der Türöffner für den Triple-Sieg - und auch für seinen eigenen Sturmlauf. Das riesige Potenzial des immer noch erst 24-jährigen Außenstürmers blitzte daraufhin in seiner vollen Pracht auf, als hätte er nur Flicks Vertrauen vor so einem großen Spiel gebraucht, um es endlich mal wieder allen zu präsentieren. Vor allem, weil mit Neuzugang Leroy Sané, den der Verein ein Jahr umworben hatte, nun einer der talentiertesten Linksaußen der Welt auf seiner Position im Bayern-Kader steht. Schnelle Dribblings, Verwirrung stiftende Körpertäuschungen, scharfe und präzise Hereingaben in die Mitte. Immer wieder stellte er den Pariser Rechtsverteidiger Thilo Kehrer vor riesengroße Probleme.

"Klar, ist es für Paris schade und ich fühle mit ihnen, weil ich aus der Stadt komme", sagte Coman nach dem Gewinn der Champions League und fügte an: "Ich bin jetzt einfach zu hundert Prozent Bayer und wollte unbedingt gewinnen." Und Trainer Flick resümierte noch einmal, vielleicht auch, weil der unglaublich schnelle Erfolg ihm nicht ganz geheuer erscheint: "Ich bin stolz auf die Mannschaft. Als ich im November die Schlagzeilen gelesen habe, hieß es, das keiner mehr Angst vor Bayern hat. Die Entwicklung seitdem war Wahnsinn."

Flick ist "der Größte"

Angst vor dem Spiel der Münchner hat nun zum ersten Mal seit vielen Jahren ganz Europa wieder. Das ist Flicks Verdienst. "Er hat einen ganz großen Anteil", antwortete Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge auf die Frage nach dem Beitrag des Coaches zum Titel. "Der Trainer ist für die Gesamtperformance verantwortlich", fügte Thomas Müller an. "Mit seinen Entscheidungen muss er das ganze Schiff auf Kurs halten und wenn er das schafft, ist er der Größte und wenn er es nicht schafft, ist er das schwächste Glied."

Nun, nach der Müller'schen Logik ist Flick jetzt wohl der Größte. Der Coach führte eine verunsicherte Bayern-Mannschaft innerhalb von lediglich zehn Monaten zur Deutschen Meisterschaft, zum Pokalerfolg und ins Finale der Champions League. Dort nahm er in der 68. Minute, viel zu früh sollte man meinen, Coman vom Platz. Doch auch dieser Schachzug erwies sich als richtig - wie alles, was Flick in diesem knappen Jahr anfasste -, denn die Bayern brachten den Sieg über die Zeit. Die Matchwinner, sie hießen in der Nacht von Lissabon: Flicks Näschen und Comans Kopf.

Quelle: ntv.de