Redelings Nachspielzeit

EM-Countdown: Derbe Holländer Beckenbauers peinlicher Bluff-Versuch

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Mein Name ist Hase, ich weiß von nix? Beckenbauer wollte bei der EM 1988 sehr unglücklich bluffen.

Die Europameisterschaft 1988 in Deutschland ist ein voller Erfolg. Tausende ausländische Fans, tolle Spiele und ein verdienter Europameister Niederlande. Doch für einen wird das Turnier zum Problem: Teamchef Franz Beckenbauer muss massiv Kritik einstecken.

Vier Jahre zuvor war der "Kaiser" noch als neuer Heilsbringer gefeiert worden, der den deutschen Fußball wieder zurück an die Weltspitze führen sollte. Damals hatte auch Paul Breitner als Kolumnist für Beckenbauer geworben und an seiner Inthronisierung mitgewirkt. Davon war nun nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil. Der ehemalige Mitspieler gab Beckenbauer die Alleinschuld an der Situation ("Franz verhindert guten Fußball") und bezeichnete den Teamchef frei heraus als den "Totengräber des deutschen Fußballs". Erstmals in seiner Karriere spürte der "Kaiser" tüchtig Gegenwind.

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Auch sein Urteilsvermögen wurde infrage gestellt: "Der Teamchef hat gesprochen wie einer, der mehr vom Golf versteht als vom Spiel mit der großen Lederkugel." Und daran war nicht unwesentlich eine mehr als peinliche Aktion beim dramatischen Ausscheiden gegen die Niederlande im Halbfinale der EM schuld. 2:1 schlugen die Nachbarn die deutsche Nationalelf im Hamburger Volksparkstadion nach einer 1:0-Führung der DFB-Elf und zogen so ins Finale gegen die UdSSR ein. Doch zuvor hatte sich Beckenbauer einen "Trick" ausgedacht, den kritische Pressevertreter später als "beabsichtigte Volksverdummung" bezeichneten. Tatsächlich ging die komplette Aktion nach hinten los. Was aber war geschehen?

Auf dem offiziellen Aufstellungsbogen zur Halbfinalpartie gegen die Niederlande stand der Name Pierre Littbarski in der ersten Elf. Doch der Kölner sollte nicht spielen. Stattdessen hatte man angeordnet, dass Littbarski kurz vor der Begegnung so tun sollte, als ob er von einer plötzlichen Magenverstimmung heimgesucht worden wäre. Für den kleinen Dribbler wurde Frank Mill mit in die Startelf genommen. Und der wusste, wie er später zugab, auch bereits am Vorabend von seinem Einsatz. Warum aber überhaupt dieser ganze Zirkus?

"Die Holländer verwirren"

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Franz Beckenbauer war auch nach der Niederlage immer noch überzeugt davon, dass sein böser Plan aufgegangen war: "Wir wollten die Holländer verwirren. Als sie von Mills Einsatz erfuhren, lief ihr Co-Trainer ganz aufgeregt umher." Beobachter vor Ort sahen allerdings vor allem einen erbosten Bondscoach Rinus Michels, der Beckenbauer auch auf der anschließenden Pressekonferenz noch einmal deutlich zu verstehen gab, was er von der irrwitzigen Aktion hielt: "So kann man das nicht machen. Denn wenn der Kranke doch noch eingesetzt wird, dann fällt das auf."

Richtig gelesen! Denn vollends peinlich wurde der misslungene Bluff schließlich erst dann, als Beckenbauer auch noch die Dreistigkeit besaß, den kleinen Kölner einzuwechseln. Und auch Littbarski hatte hinterher keine Lust, das komische Treiben zu leugnen: "Ich bin erst krank geworden, als ich erfuhr, dass ich nicht von Beginn an spiele." Man kann sagen, die anschließende unglückliche Niederlage war dann auch so etwas wie die verdiente Bestrafung für so viel unfaires Spiel.

"Dumme Aktion, die mich ein Leben lang begleiten wird"

Doch auch die Niederlande war an diesem Abend nicht frei von Schuld. Ronald Koeman ließ sich nach dem Sieg im Volksparkstadion zu einer törichten Aktion hinreißen, die für viel Empörung und fette Schlagzeilen sorgte. Der blonde Abwehrspieler hatte sich mit dem Trikot von Olaf Thon demonstrativ und feist grinsend den Hintern abgeputzt. Da die Bilder von diesem Moment um die Welt gingen, musste Koeman anschließend dazu Stellung beziehen: "Ich bedauere, was ich nach dem Spiel tat. Es war eine impulsive Reaktion, eine dumme Aktion, die mich mein Leben lang begleiten wird." Und mit dieser Prognose hatte der heutige Trainer tatsächlich recht.

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Einige Tage später gewannen die Niederlande schließlich das Turnier mit einem 2:0-Finalsieg gegen die UdSSR. Dieses Endspiel ist bis heute unvergessen, weil die Entdeckung des Turniers, Marco van Basten, in der 54. Minute ein Tor erzielte, das bis heute einmalig und deshalb legendär ist. Mit einem fulminanten Volleyschuss aus unmöglichem Winkel hämmerte der niederländische Stürmer die Kugel am chancenlosen Torwart der UdSSR vorbei zum 2:0-Endstand ins Tor. Franz Beckenbauer meinte hinterher: "Ein Wundertor. Das schwierigste Tor, das ich je gesehen habe." Und auch Dänemarks Sören Lerby war begeistert: "Wenn man in einem so wichtigen Spiel ein solches Supertor schießt, ist das einfach Wahnsinn!" Marco van Basten, über den Jürgen Kohler gemeint hatte, "Der ist wie ein Stück Seife. Sobald man zupackt, entschlüpft sie dir", holte sich anschließend mit fünf Treffern auch den Titel des Torschützenkönigs des Turniers.

Und was machte der so heftig kritisierte Franz Beckenbauer nach der unglücklich verlaufenden Heim-Europameisterschaft? Er gab die Schuld an dem sportlichen Fehlschlag einfach weiter: "Ich kann nur mit dem arbeiten, was ich habe. Ich kann mir keinen Gullit im Supermarkt kaufen. Wir haben im Training, statt Spielformen zu entwickeln, hauptsächlich Zweikämpfe üben müssen. Und Kopfbälle! Man stelle sich das mal vor: Kopfbälle …!" Wie die Geschichte nur zwei Jahre später in Italien, dem unvergesslichen un'estate italiana, ausging, wissen alle. Der "Kaiser" hatte es mal wieder allen gezeigt - und seinem Nachfolger Berti Vogts ein denkbar schweres Erbe hinterlassen!

Quelle: ntv.de

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