Redelings Nachspielzeit

Martialische Daum-Worte Das unglaubliche Meisterdrama von 1992

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Christoph Daum in einem modischen Trainingsanzug.

Vor dreißig Jahren entscheidet erst ein dramatisches Finale den Kampf um die deutsche Meisterschaft. Durch einen Treffer von Guido Buchwald kurz vor Schluss feiert der VfB Stuttgart den Titelgewinn - während traurige Dortmunder und Frankfurter entsetzt auf ein packendes Finish zurückschauen.

Das ganze Drama für Dortmund und Frankfurt begann schon viel früher - als an diesem so legendären und sagenumwobenen 16. Mai 1992. Der 38. und letzte Spieltag der Fußballbundesliga-Saison 1991/92 war nur das unbarmherzige Finale furioso einer Verkettung von unglücklichen Umständen, die am Ende den VfB Stuttgart zum Meister werden ließ.

Für den BVB war der 25. April, also knapp drei Wochen vor dem endgültigen Ende der Spielzeit, der Knackpunkt der Saison. Damals verweigerte Schiedsrichter Manfred Harder aus Lüneburg beim Stand von 1:1 einem Kopfballtor von BVB-Profi Michael Schulz die Gültigkeit. Am Ende gewann der VfB Stuttgart die Partie mit 4:2 - und durfte wieder von der Meisterschaft träumen.

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"Es ist das absolute Endspiel!", hatte der VfB-Keeper Eike Immel vor der Begegnung gesagt - und knapp 100 Freunde aus Dortmund zu der Partie eingeladen. In seiner gerade erschienenen Biografie erinnert sich Immel: "Die haben wir in Hotels untergebracht. Ich war mir sicher, dass wir gewinnen, und so kam es ja auch. Nach dem Spiel sind wir mit allen Gästen ins Restaurant. Ich hatte einen lilafarbenen Versace-Anzug an, darunter ein lila T-Shirt, ich kam mir vor wie der König vom Schwabenland. Die waren BVB-Fans - und ich hatte gewonnen. Ein fantastischer Abend!" Und der so wichtige Grundstein für den Titelgewinn drei Wochen später.

Das Drama in der 76. Minute

Die Eintracht aus Frankfurt versaute sich die Meisterschaft eine Woche vor dem Finale in Rostock zu Hause gegen den SV Werder Bremen. Die Hanseaten hatten drei Tage zuvor in Lissabon den Europapokal gewonnen - und seitdem eine "Party nach der anderen geschmissen", wie sich Uli Borowka in seinem Buch "Volle Pulle" erinnert. Er selbst habe seinem "Spezi" Andreas Möller direkt vor dem Spiel noch zugerufen: "Ey Andy, macht mal locker, heute gewinnt ihr sowieso. Wir werden euch jedenfalls nicht daran hindern …" Doch dann machten die Frankfurter einen Fehler: Sie traten auf die Bremer ein, "als hätte man ihnen für jeden blauen Fleck eine Prämie versprochen. Nach der dritten harten Grätsche von Dietmar Roth wurde es uns zu bunt." Am Ende retteten die Frankfurter mit Mühe und Not gegen erbittert kämpfende Werderaner einen Zähler - und hätten so immerhin als amtierender Tabellenführer am letzten Spieltag in Rostock, bei der fast schon abgesoffenen, sprich abgestiegenen Hansa-Kogge, mit einem Sieg alles klar machen können. So die Theorie. Doch es kam anders. Dramatisch anders.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem aktuellen Buch ("60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Es war eine irre Mannschaft wilder Charaktere, die Eintracht Frankfurt in dieser Saison unter Leitung ihres Cheftrainers Dragoslav Stepanovic auf den Platz brachte. Namen wie Uli Stein, Manfred Binz, Dietmar Roth, Uwe Bein, Ralf Falkenmayer, Heinz Gründel, Andreas Möller, Ralf Weber, Lothar Sippel oder Anthony Yeboah klingen Fußballfans auch heute noch in den Ohren. Und obwohl innerhalb dieses Haufens von Alphatierchen verschiedene Konfliktherde schwelten, riss man sich an diesem 16. Mai 1992 noch einmal zusammen. Selbst eine Führung der Rostocker brachte das Team nicht aus dem Konzept. Nach dem Ausgleich durch Axel Kruse war es für alle Zuschauer nur noch eine Frage der Zeit, bis die Eintracht in Führung gehen würde. Und dann kam die bis heute sagenumwobene 76. Minute.

Frankfurts Stürmer Tony Yeboah hatte an der Strafraumkante den Ball wunderschön durchgesteckt auf Ralf Weber - und dieser musste die Kugel nur noch im Tor versenken. Doch im letzten Moment wurde ihm von hinten ein Bein weggezogen. Weber fiel und der Rostocker Keeper nahm den Ball mit beiden Händen auf. Nun konnte es einzig und allein eine Entscheidung geben: Elfmeter für Frankfurt. Doch der Schiri ließ das Spiel weiterlaufen.

In der Kabine fliegen Flaschen

Am Ende verlor die Eintracht die Partie sogar noch mit 2:1 und haderte verzweifelt mit dem Schiedsrichter. Bei den Spielern regierte der Frust. In der Kabine flogen Flaschen umher. Aus Glas. Stürmer Axel Kruse nahm angesichts der gefährlichen Situation lieber Reißaus und ging vor der Tür eine Rauchen. Als er gerade in Gedanken versunken genüsslich an seiner Zigarette zog, kam Schiri Alfons Berg um die Ecke. Axel Kruse hatte kurz zuvor im TV gesagt, dass es der "klarste Strafstoß war, den ich je in meinem Leben gesehen habe". Verständlicherweise waren die Eintracht-Stars nicht gut auf den Schiedsrichter zu sprechen.

Doch Berg hatte mittlerweile Fernsehen geschaut und seinen Fehler eingesehen. Das sagte er Kruse und meinte noch: "Ich gehe jetzt in eure Kabine und entschuldige mich!" Der Eintracht-Stürmer grinste nur, legte eine Hand auf des Schiris Schulter und sagte: "Alfons, ganz ehrlich, ich glaube, das ist keine gute Idee." In diesem Moment hörten die beiden, wie wieder eine Flasche an der Kabinenwand zersprang. Berg trat erschrocken zurück, senkte den Blick gen Boden und verschwand ohne ein weiteres Wort.

Durch die Niederlage in Stuttgart drei Wochen zuvor konnte der BVB wegen seines deutlich schlechteren Torverhältnisses am letzten Spieltag aus eigener Kraft nicht mehr Meister werden. Und so half der Borussia am Ende auch das mühsam erkämpfte 1:0 durch Stéphane Chapuisat beim Absteiger aus Duisburg nichts mehr - obwohl man bis zur 86. Minute von der deutschen Meisterschaft hatte träumen dürfen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt kamen zehn Stuttgarter - Matthias Sammer war mit einer Roten Karte bereits vom Platz geflogen - in Leverkusen über ein Unentschieden nicht hinaus. Doch dann köpfte Kapitän Diego Buchwald ("Vielleicht bin ich heute ein Stück unsterblich geworden") den VfB in Unterzahl zum Titelgewinn - an den eigentlich nur noch einer vor der Partie ganz fest geglaubt hatte: Stuttgarts Trainer Christoph Daum.

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Der hatte sein Team vor der entscheidenden Begegnung bei Bayer nicht nur bewusst in der eher rustikal eingerichteten Sportschule Hennef einquartiert und ihr einen Kegelabend mit Würstchen und Bier verordnet, sondern zudem bei der letzten Mannschaftssitzung auch noch seinen sogenannten "Meister-Zettel" an die Kabinentür gehängt. Auf diesem standen unter der martialischen Überschrift "Ab 15.30, Krieg in Leverkusen" die Sätze: "Zeigt allen, wozu wir bereit sind. Wir wollen und werden siegen." So banal die Worte Daums auch klingen mögen: Die Mannschaft des VfB haben sie seinerzeit anscheinend motiviert.

Für die Stuttgarter war die unverhoffte Meisterschaft eine Bestätigung ihrer Durchhaltekraft - oder wie es Michael Frontzeck formulierte: "Weil alle auf Frankfurt und Dortmund gesetzt haben, ist dieser Erfolg eine große Genugtuung!" Gerade wohl auch deshalb, weil dieses unbarmherzige Finale furioso eine solche Verkettung von unglücklichen Umständen für den BVB und die Frankfurter Eintracht bedeutet hatte.

Quelle: ntv.de

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