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Die Worte liegen auf der Zunge Aphasie - was ist das?

Action-Held Bruce Willis zieht sich krankheitsbedingt aus dem Filmgeschäft zurück. Nicht er selbst gibt das bekannt, sondern seine Familie. Die Begründung: Der 67-Jährige leidet unter Aphasie. Doch was ist Aphasie und was bedeutet das für die betroffene Person und ihr Umfeld?

In Deutschland leiden mehr als 100.000 Menschen an Aphasie, einer Schädigung des Sprachzentrums im Gehirn. Sie kann durch ein Schädel-Hirn-Trauma bei einem Unfall oder einen Tumor ausgelöst werden. Mithilfe intensiver Sprachtherapie können nicht betroffene Hirnbereiche aber die Funktionen der gestörten Areale übernehmen.

Etwa 30 bis 40 Prozent aller rund 270.000 Schlaganfall-Patienten in Deutschland erleiden - zumindest vorübergehend - eine Aphasie. Ein Schlaganfall ist der häufigste Grund für Behinderungen im Erwachsenenalter, so die Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Manche Menschen verstummen im Falle einer Aphasie vollständig, andere können nur noch Ja und Nein sagen. Diese Folge des Schlaganfalls sei allerdings wenig bekannt, heißt es aus dem Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker. Andere Ursachen sind Hirnentzündungen oder -tumore.

Manche Betroffene vertauschen Laute und Wörter, können keine ganzen Sätze mehr bilden oder haben Wortfindungsstörungen. Eine Aphasie betrifft oft das Verstehen, Lesen und Schreiben, ist aber keine Denkstörung. Die Patienten sind geistig völlig klar und haben ihr zuvor erworbenes Wissen parat. Allgemeinmediziner und ntv-Medizinexperte Dr. Christoph Specht zufolge muss man unterscheiden zwischen den motorischen Fähigkeiten, also dem aktiven Sprechen, dem Formulieren von Worten und Sätzen, was dann nicht mehr möglich sei - und dem sensorischen Sprachverständnis, also ob man Sprache verstehen, lesen und diese dann entsprechend auch wiedergeben könne.

Verschlossene Schubladen

Das Schlimmste ist, dass die Betroffenen oft für verstockt, depressiv oder gar geistig behindert gehalten werden: Die Worte liegen buchstäblich auf der Zunge, aber sie können nicht geäußert werden. Eine Betroffene schilderte ihren Zustand einmal folgendermaßen: "Mein Gehirn war wie eine Kommode mit vielen Schubladen, aber ich wusste nicht mehr, in welcher das Wort, das ich suchte, abgelegt war." Eine unangenehme Situation, wie sich auch Nicht-Betroffene leicht vorstellen können.

Gegen Aphasie gibt es keine Medikamente, das ganze Ausmaß der Aphasie ist in der Bevölkerung viel zu wenig bekannt - was kann man tun? Es ist durchaus möglich, die Sprache wiederzufinden, allerdings bedarf es großer Geduld und eine meist zeitaufwendige Therapie. Wichtig ist es, möglichst früh mit einer intensiven Sprachtherapie zu beginnen, denn viele Betroffene tragen schwer daran, sozial ausgegrenzt oder als geistig eingeschränkt bezeichnet zu werden.

Therapie wirkt noch lange nach Aphasie-Beginn

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Eine bereits 2017 im Fachmagazin "Lancet" veröffentlichte Studie unter Leitung von Sprachforschern der Universität Münster belegt, dass die intensive Sprachtherapie für Aphasie-Patienten auch dann noch wirkt, wenn der Schlaganfall ein halbes Jahr oder länger zurückliegt. Nicht betroffene Hirnbereiche übernehmen die Funktion des zerstörten Sprachzentrums, das bei den meisten Menschen in der linken Hirnhälfte liegt. Einige Patienten verstummen vollends, können aber noch alte Lieder singen, Floskeln äußern oder fluchen, da diese Fähigkeiten meist in der rechten Hirnhälfte abgespeichert sind.

Im Falle von Bruce Willis würde dies unter Umständen bedeuten, dass sein berühmtester Satz "Yippie-Ya-Yay, Schweinebacke" vor allem im Original noch oft über seine Lippen kommen wird: "Yippee-ki-yay, motherfucker".

Quelle: ntv.de, soe/dpa

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