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Erste nukleare Kettenreaktion Atomzeitalter beginnt auf einem Squash-Platz

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Anfang Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Zweieinhalb Monate später testeten die USA die erste Atombombe.

(Foto: Jack W. Aeby/Wikipedia/gemeinfrei)

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ist die Kernspaltung bereits entdeckt. Man fürchtet, dass Hitler sie zum Bau von Bomben nutzt. So machen sich die USA selbst an die Entwicklung. Vor 75 Jahren gelingt die erste nukleare Kettenreaktion. Danach ist die Welt eine andere.

Das Experiment war so riskant, dass Enrico Fermi nicht einmal den Universitätspräsidenten darüber informierte: Auf einem Squash-Platz unter den Tribünen des Stadions der University of Chicago baute der Kernphysiker den ersten Atomreaktor und löste darin die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion aus. Es war der 2. Dezember 1942.

Knapp drei Dutzend Forscher waren damals dabei, auch der Physiker Samuel Allison. "Alle von uns wussten, dass mit dem Anbruch der Kettenreaktion die Welt nie wieder dieselbe sein würde", schrieb er später. Heute erinnert Henry Moores Statue "Nuclear Energy" an der Stelle in Chicago, wo einst Fermis erster Meiler stand, an das historische Ereignis, das den Beginn des Atom-Zeitalters markierte.

Sicherheitsvorkehrungen? Fehlanzeige

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Der erste Atomreaktor, abgeschirmt mit Steinquadern: Unter einer Sporttribüne wurden Urankerne mit Neutronen beschossen und so eine atomare Kettenreaktion in Gang gesetzt.

(Foto: U.S. National Archives and Records Administration/Wikipedia/gemeinfrei)

Wenn das Experiment schief gegangen wäre, wäre wohl ein großer Teil Chicagos verstrahlt worden. Als Sicherheitsvorkehrung standen nur ein paar Wissenschaftler mit einer Axt und Eimern voller Kadmiumsulfat bereit. "Rennt so schnell ihr könnt hinter einen großen Berg viele Meilen entfernt", hatte Fermi seinen Kollegen halb im Scherz als Notfallparole mit auf den Weg gegeben. Aber das Experiment klappte, und der "Chicago Pile", wie Fermis Reaktor genannt wurde, produzierte Energie - allerdings so wenig, dass man davon noch nicht einmal eine einzige Glühbirne hätte leuchten lassen können. Trotzdem morsten die Forscher stolz nach Washington: "Der italienische Entdecker ist gerade in der neuen Welt gelandet. Alle sind gesund und froh."

Fermi hatte mit dem Experiment unter anderem beweisen wollen, dass sich der Kern von Uran unter dem Beschuss elektrisch neutraler Teilchen, den Neutronen, spalten lässt und dabei große Mengen Energie freisetzt. Ziel der Arbeiten im Rahmen des US-Atomprogramms "Manhattan Project" war die Gewinnung von Plutonium. Die USA wollten eine Atombombe bauen.

Grundstein für Kernkraftwerke war gelegt

Fermi, 1901 als Sohn eines Beamten und einer Lehrerin in Rom geboren, war schon berühmt, bevor er die erste nukleare Kettenreaktion auslöste: 1938 hatte er für die Entdeckung künstlich erzeugter Radioaktivität durch Neutronenbeschuss den Nobelpreis bekommen. Studiert hatte Fermi bei Max Born in Göttingen und bei Paul Ehrenreich im niederländischen Leiden. Danach lehrte er in Florenz Mathematik und wurde in Rom zum Professor für Theoretische Physik ernannt. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs floh Fermi mit seiner Frau, der jüdischen Schriftstellerin und Naturwissenschaftlerin Laura Capon, und den gemeinsamen zwei Kindern auf einem Unterseeboot der Alliierten vor den Faschisten in Italien nach Amerika.

Nachdem Fermi durch die kontrollierte Kettenreaktion im "Chicago Pile" den Grundstein für Atomkraftwerke gelegt hatte, arbeitete er weiter an der Entwicklung der Atombombe. Am 16. Juli 1945 löste er mit Robert Oppenheimer und anderen namhaften Physikern in der Wüste von New Mexico die erste Kernexplosion aus. Dem Test folgte nach nicht einmal drei Wochen der Abwurf von Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki.

Bis dahin war längst allen klar geworden, welche Konsequenzen das Experiment auf dem Squash-Court unter den Tribünen des Stadions der University of Chicago haben würde. Schon vor dem Test der ersten Atombombe sah es Fermi als "extrem wahrscheinlich" an, dass eines Tages Nuklearwaffen "von kleinen Nationen oder sogar Gruppen gebaut werden". Als der Wissenschaftler einmal von einem Fenster der Columbia University über die Dächer Manhattans blickte, soll er die Hände zu einer Kugel zusammengelegt und zu einem Kollegen gesagt haben: "So eine kleine Bombe - und all das hier würde verschwinden."

Quelle: ntv.de, asc/dpa

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