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Zähne sind wie ein Archiv Bleiverseuchung traf schon Neandertaler

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Nachbildung eines Neandertalers im Neanderthal-Museum in Mettmann.

dpa

Wann wurden die Kinder bevorzugt geboren und wie lange gestillt? 250.000 Jahre alte Zähne liefern viele Informationen über die ersten Lebensjahre von Neandertalern. Auch über die mit Abstand frühesten Fälle von Bleivergiftungen - schon lange vor der Industrialisierung.

Kinder von Neandertalern kamen möglicherweise bevorzugt im Frühjahr zur Welt und wurden sehr lange gestillt. Das folgern Forscher aus der Analyse von 250.000 Jahre alten Backenzähnen aus Südfrankreich. Die Untersuchung enthält zudem den mit Abstand ältesten Beleg für eine Bleiverseuchung, wie die Forscher in der Zeitschrift "Science Translational Medicine" schreiben. "Eigentlich dachte man, Kontakt zu Blei habe in Bevölkerungen erst nach der Industrialisierung eingesetzt, aber diese Resultate zeigen, dass das auch schon in prähistorischer Zeit vorkam", sagt Studienleiterin Christine Austin von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York.

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Ein 250.000 Jahre alter Neandertalerzahn: Er liefert den Forschern eine Fülle von Informationen.

(Foto: Tanya Smith & Daniel Green/dpa)

Das Team um Tanya Smith von der Griffith University in Brisbane analysierte zwei Backenzähne von Neandertaler-Kindern, die in Südostfrankreich an der Payre gefunden wurden, einem Nebenfluss der Rhone. Die Forscher analysierten die Zahnschichten auf Barium, Blei und verschiedene Sauerstoff-Isotope. In diese Schichten, die während der ersten drei Lebensjahre entstanden, sind Elemente eingelagert, die die Kinder aus der Umwelt aufgenommen haben. Die Zahnschichten sind somit ein Archiv, das - ähnlich wie Baumringe - Informationen über Umweltbedingungen im Lauf des frühen Lebens speichert.

Die Analyse der Sauerstoff-Werte zeigt, dass eines der Kinder - Payre 6 genannt - im Frühjahr zur Welt kam. "Unsere Ergebnisse für Payre 6 passen zum allgemeinen Muster bei Säugetieren, ihren Nachwuchs während Phasen eines größeren Nahrungsangebots zur Welt zu bringen", schreibt das Team.

Resultate der Barium-Analyse nicht repräsentativ

Die Werte des Elements Barium, das in der Region der Fundstelle vorkommt, gaben den Forschern Aufschluss zum Stillen. Demnach wurde Payre 6 im Alter von 2,5 Jahren abgestillt, denn zu dieser Zeit sinken die Barium-Werte in dem Zahn auf ein Minimum. "Es scheint, dass dieses Individuum im Frühjahr geboren und im Herbst abgestillt wurde", schreiben sie. Etwa in diesem Alter würden Kinder auch in nicht industrialisierten Kulturen entwöhnt. Die Resultate der Barium-Analyse seien allerdings nicht repräsentativ, räumen die Wissenschaftler ein, dafür sei die Stichprobe viel zu klein. Bei dem zweiten Kind - Payre 336 - ließ sich der Barium-Gehalt des Zahns nicht eindeutig interpretieren.

Für Überraschung sorgten jedoch hohe Bleiwerte in den Zähnen. Payre 6 hatte ab dem Alter von 2,5 Monaten Kontakt zu Blei. Die Belastung stieg jedoch ab dem Alter von neun Monaten - also im Winter - deutlich an und blieb bis zum Alter von 1,6 Jahren erhöht. Einen zweiten deutlichen Anstieg über zwei bis drei Wochen verortet das Team später. Auch das zweite Kind - Payre 336 - war wiederholt hoher Bleibelastung ausgesetzt.

Woher kam das Blei?

"Die hohen und akuten Bleiwerte deuten auf eine kurzfristige Aussetzung hin, durch kontaminiertes Essen oder Wasser oder durch Einatmen von Blei-belastetem Rauch. "Es ist plausibel, dass das Blei in Payre 6 von Flüssigkeiten, aber nicht von Milch, stammte. Die Belastung begann im Alter von etwa 2,5 Monaten, nahm im Winter im Alter von 9 Monaten mit der Aufnahme fester Nahrung zu und dann erneut im späten Winter oder zeitigen Frühjahr des Folgejahrs", schreibt das Team.

Die Forscher liefern auch eine Erklärung für die Bleibelastung: "Im Umkreis von 25 Kilometern um die Fundstelle, was zur gewöhnlichen Entfernung der Nahrungssuche passt, gibt es mindestens zwei Bleiminen." Hinweise darauf, dass das Metall die Kinder geschädigt hat, fanden die Forscher in den Zähnen allerdings nicht. Stattdessen entdeckten sie bei beiden Kindern Indizien für kurze Erkrankungen von ein bis zwei Wochen Dauer, die in der kälteren Jahreszeit auftraten.

Quelle: n-tv.de, Walter Willems, dpa

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