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Kampf gegen Plastikinseln Deutsche "Seekühe" sollen Meere retten

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Millionen Tonnen von Plastikmüll treiben in den Weltmeeren und sind eine Gefahr für Meeresbewohner. Bisher scheitern Versuche, der Müllinseln Herr zu werden. Ein deutscher Verein hat eine neue Erfindung parat. Damit sie Wirkung zeigt, muss sie jedoch an der richtigen Stelle eingesetzt werden.

Gigantische Müllteppiche schwimmen in den Weiten des Ozeans - sie sind eine tödliche Gefahr für große und kleine Meeresbewohner. Geschätzte 140 Millionen Tonnen Plastik sind bereits in die Weltmeere gelangt. Findige Tüftler wie der junge Niederländer Boyan Slat versuchen, mit neuer Technik die Erde von den Kunststoffbergen zu befreien. Sein System "The Ocean Cleanup" konnte bisher jedoch nicht überzeugen. Auch der deutsche Verein "One Earth - One Ocean", gegründet vom bayerischen Umweltvisionär Günther Bonin, will die Meere sauber halten - doch der Ansatz ist ein anderer.

"Wir glauben, dass der Kunststoff, der bereits in den Weiten des Ozeans schwimmt, mit heutiger Technologie fast nicht mehr rauszuholen ist", sagt Jörn Anhalt zu n-tv.de, der für "One Earth - One Ocean" tätig ist. Im Unterschied zu "The Ocean Cleanup" wollen die Macher den Plastikmüll daher nicht auf hoher See einsammeln, sondern bereits an den Flussmündungen und Küsten der Kontinente. Das ambitionierte Ziel: "Wir wollen bis 2025 die Flüsse sauber machen, und keinen Neueintrag von Plastik durch die Flüsse in die Ozeane erreichen." Bis 2050 sollen die Ozeane im besten Fall vom Plastik befreit werden.

Die Idee der Deutschen: Kleine Boote sollen in küstennahen Gewässern kreuzen und dort nach und nach den Plastikmüll abfangen, der von Flüssen aus stark besiedelten Gebieten ins Meer gespült wird. Seit 2017 wird der erste Prototyp des "Seekuh" genannten Müll-Katamarans auf dem Meer getestet - unter anderem vor Hongkong. Das Boot ist in etwa zehn mal zwölf Meter groß und fängt den auf der Oberfläche schwimmenden Kunststoff mit einem Netz zwischen den Rümpfen ein.

Bis zu fünf Tonnen Plastik am Tag

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Der an der Wasseroberfläche treibende Müll soll mit dem Katamaran "Seekuh" eingesammelt werden - bei der zweiten Generation läuft der Müll über ein Förderband an Deck.

(Foto: One Earth - One Ocean)

Die nun im Bau befindliche zweite Generation der "Seekuh" arbeitet anstelle des Netzes mit einem Förderband, das den Plastikmüll aus dem Wasser an Deck transportiert. Pro Fahrt kann die auf diese Weise optimierte "Seekuh" fast eine halbe Tonne Plastik aus dem Wasser fischen. Am Tag können es je nach Rahmenbedingungen bis zu fünf Tonnen werden.

Die neuen Boote stehen bald vor ihrer Wassertaufe: "Das nächste Schiff wird voraussichtlich in der Guanabara-Bucht bei Rio de Janeiro eingesetzt", sagt Anhalt. Das Gewässer sei "unfassbar verschmutzt". Ebenfalls im kommenden Jahr soll eine weitere "Seekuh" in der Nilmündung Ägyptens Plastikmüll einsammeln. "Wegen der mangelnden Entsorgungsstruktur landet dort sehr viel Plastikmüll im Meer. Und der treibt dann an die europäischen Küsten", so Anhalt. Ein weiteres Projekt in Indonesien ist geplant - allerdings mit kleineren Schiffen, "Seehamster" genannt. Diese sind derzeit bereits auf Flüssen in Kambodscha im Einsatz.

Aber was geschieht dann mit dem Müll?

Der Verein hat bereits die Erfahrung gemacht, dass die Anrainerstaaten der Gewässer mit der Entsorgung des Abfalls meist nichts zu tun haben wollen. Doch die Deutschen haben ohnehin andere Pläne: "Was als Kunststoffmüll in den Gewässern liegt, ist eigentlich eine Rohstoff-Ressource, die wieder in den Wirtschaftskreislauf gebracht werden kann", sagt Anhalt. "Der Kunststoff, der in den Gewässern schwimmt, hat einen Wert von vielen Milliarden Euro."

Der Plastikmüll soll also nicht nur aufgesammelt, sondern gleich auf See weiterverarbeitet werden - auf schwimmenden Recycling-Schiffen. Die Pläne dafür liegen bei "One Earth - One Ocean" bereits fertig auf den Schreibtischen. "Wir wollen nun ein erstes Schiff mit 100 Metern Länge bauen. Ab spätestens 2022 soll es pro Tag etwa 20 Tonnen Plastik recyceln können", so Anhalt.

Diese "Seeelefant" genannten Schiffe sollen bis zu 70 Prozent des gesammelten Plastikmülls wieder zu einem für die Industrie verwertbaren Rohstoff recyceln. Die dafür nicht geeigneten restlichen 30 Prozent sollen in Öl umgewandelt werden und etwa als Treibstoff für die Schiffe dienen.

Geld kommt von der Kunststoffindustrie

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Die erste "Seekuh" des Vereins arbeitet noch mit Netzen, die den Plastikmüll aus dem Wasser fischen.

(Foto: "One Earth - One Ocean")

Mit der Produktion von verwertbaren Rohstoffen aus dem Plastikmüll hoffen die Macher, dass sich in zehn Jahren das System selbst finanziert. Der Verein ist bisher komplett auf Spenden und Sponsorengelder angewiesen und erhält keine öffentlichen Fördermittel. Zumindest die beiden kommenden Projekte in Brasilien und Ägypten werden aber zum Großteil von einer Stiftung und Unternehmen aus der Kunststoffindustrie finanziert. "Diese Unternehmen haben erkannt, dass ihre Branche Teil des Problems ist - und sie wollen nun Teil der Lösung sein", sagt Anhalt.

Wie sieht die Zukunft aus? "Unsere Vision ist, dass in 10 bis 15 Jahren weltweit Dutzende oder sogar Hunderte von 'Seeelefanten' im Einsatz sein werden, die von unterschiedlichen Organisationen, Kommunen oder Ländern betrieben werden." Jedes dieser Schiffe könnte von etwa 25 bis 50 "Seekühen" beliefert werden - oder auch als schwimmende Recycling-Fabriken vor Megastädte an den Küsten Asiens oder Südamerikas liegen, die besonders mit der Entsorgung von Plastikmüll zu kämpfen haben. "Hongkong produziert bis zu 7000 Tonnen Müll am Tag", so Anhalt. Gleichzeitig fehle es an Fläche für weitere Deponien oder Müllverbrennungsanlagen. "Mit 12 'Seeelefanten' im Dauerbetrieb ist das Müllproblem Hongkongs gelöst", glaubt er.

Ein Projekt wie "One Earth – One Ocean" alleine wird das globale Plastikmüll-Problem der Ozeane vermutlich jedoch nicht lösen können. Die weltweite Produktion von Kunststoff wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen und ohne funktionierende Müllentsorgung vor allem in den Entwicklungsländern Asiens werden die Müllteppiche weiter wachsen. Bereits jetzt landen laut dem Naturschutzbund (Nabu) jedes Jahr bis zu 7,5 Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer. Um diesen einzusammeln und zu recyceln, müssten mehr als tausend "Seeelefanten" und mehrere tausend "Seekühe" rund um die Uhr im Einsatz sein.

Am heutigen Montag, 16.09.2019, sendet n-tv um 16.30 Uhr das News Spezial "Nachhaltigkeit - Packen wir's an!" mit dem Themenschwerpunkt Plastik.

Quelle: n-tv.de

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