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Nicht ganz so grün: Songdo im Winter.
Nicht ganz so grün: Songdo im Winter.(Foto: Fleetham/Wikipedia/CC BY-SA 4.0)
Montag, 23. November 2015

Grün, smart - und überwacht: Die Zukunftsstadt, die es schon heute gibt

Von Andrea Schorsch

Im südkoreanischen Wattenmeer, auf halber Strecke zwischen China und Japan, wurde in den vergangenen Jahren Songdo aus dem Boden gestampft. Die Stadt ist grün, nachhaltig und komplett vernetzt. Doch das Konzept der Smart City hat seine Schattenseiten.

Songdo City in Südkorea ist eine Stadt, in der jeder gern leben würde. Es ist die Stadt, von der wir schon immer geträumt haben. So jedenfalls wirbt Songdo City selbst für sich. Der Name steht für die "Insel der Pinien" und tatsächlich besteht 2020, wenn sie vollendet ist, fast die halbe Stadt aus Parks und Grünflächen. Schon heute lockt der große Central Park – benannt nach seinem Vorbild in New York – allmorgendlich die joggende Bevölkerung Songdos. Bäume säumen die Straßen. Kanäle, auf denen elektrobetriebene Wassertaxis fahren, sind in Wiesen eingebettet. Und weil es kaum genug Grün geben kann, das an einem dicht besiedelten Ort für frische Luft und Kühlung sorgt, sind in Songdo auch die Dächer bepflanzt. Hier denkt man ökologisch. Und das ist nur ein Teil des Konzeptes.

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Seit 2003 befindet sich die Planstadt Songdo City im Bau. Sie liegt am Gelben Meer, rund 60 Kilometer südwestlich von Seoul entfernt, und von vornherein sollte sie vor allem eines sein: die Stadt der Zukunft. Songdo will zum Finanz- und Wirtschaftsplatz avancieren und ein etabliertes Technologiezentrum werden. 340.000 Menschen sollen hier arbeiten, 70.000 wohnen. In den zehn Wolkenkratzern der Stadt, die 170 bis 300 Meter in den Himmel ragen, finden sich Büros und Appartements nebeneinander. Aus der Ferne prägen Wohnblöcke das Stadtbild. Es gibt zwei Universitäten, eine Schule und ein Krankenhaus, natürlich auch ein Einkaufszentrum. Theater und Museum sind ebenfalls geplant. Dann sind da noch der Golfplatz, das Schwimmbad und 25 Kilometer Radweg. Kultur, Wellness, Sport – nichts kommt zu kurz in Songdo. Job, Wohnen und Freizeit sollen sich in dieser Stadt miteinander verbinden.

Die vielleicht smarteste Stadt überhaupt

Songdo will alles besser machen als andere Städte der Gegenwart. Es setzt auf angenehmes Leben nah am Arbeitsplatz, auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit, auf eine effiziente Nutzung von Ressourcen – und vor allem auf Hightech. Songdo City ist eine Smart City, vielleicht die smarteste, die es zurzeit gibt. Über unzählige Sensoren und eine alles umspannende digitale Vernetzung gelingt es der Stadt, Energie und Ressourcen zu sparen, und zwar in beträchtlichen Mengen. Von 30 Prozent weniger Verbrauch als in konventionellen Städten ist die Rede.

Wie viel Strom wird gerade in Haushalten, Büros, kulturellen Einrichtungen und dem Schwimmbad benötigt? Wie sind die Lichteinflüsse, wo stehen die Jalousien ungünstig? In welchen Räumen halten sich zurzeit Menschen auf, sodass sie beheizt werden müssen? Wo ist die Straßenbeleuchtung gerade sinnvoll und wo geht im Moment ohnehin niemand lang? Wo herrscht ein so hohes Verkehrsaufkommen, dass die Schadstoffbelastung zu hoch zu werden droht? Songdo kennt die Antworten zu jeder Minute. Und reagiert. In Echtzeit.

Kameras sind allgegenwärtig

Viel befahren: der See in Songdos Central Park.
Viel befahren: der See in Songdos Central Park.(Foto: Ken Eckert/Wikipedia/CC BY-SA 4.0)

Das städtische Kontrollzentrum, in dem die Daten aller Sensoren zusammenlaufen, stellt Strom und Energie dem jeweiligen Bedarf entsprechend zur Verfügung; Jalousien bringen sich automatisch in die optimale Position; der Verkehr fließt, denn Ampelschaltungen richten sich nach dem aktuellen Aufkommen. Songdo kennt keine Staus. Songdo kennt auch keine Mülltonnen. Aus den Haushalten und Büros gelangen Abfälle direkt über Rohre in ein unterirdisches Entsorgungssystem. Dort wird der Müll automatisch sortiert und recycelt, vergraben oder zur Energie-Gewinnung verbrannt. Gerade mal sieben Mitarbeiter braucht Songdo City für seine Abfall-Entsorgung.

Was auch immer man von einer zukunftsfähigen Stadt erwartet: Songdo scheint alle Ansprüche zu erfüllen. Auch die örtliche Polizei profitiert vom smarten Konzept: Kameras sind allgegenwärtig und haben alles im Blick - vom öffentlichen Raum bis in die Häuser. Sie registrieren jeden Einbruchsversuch und setzen die städtische Zentrale unmittelbar davon in Kenntnis. Songdo verspricht seinen Bürgern Freiheit und Sicherheit. Aber gerade das hat eine ausgeprägte Schattenseite.

Die Kehrseite der Medaille

Das Leben in Songdo ist überwacht. Das gesamte Leben, 24 Stunden am Tag. Ganz gleich, ob bei der Arbeit, zu Hause oder unterwegs. Die Kameras, Chips und Sensoren halten Bewegungsmuster fest; die eines jeden Menschen. Die komplette Stadt und all ihre Abläufe unterliegen einer Rundumkontrolle. Der Grund ist klar: Nur so kann der Energiebedarf zu jedem Zeitpunkt optimiert werden. Ein Missbrauch der Daten gehört selbstredend nicht zum Konzept Songdos. Theoretisch ist er aber möglich.

Songdo City gilt als Modell für den Städtebau der Zukunft. Dass jeder, der hier wohnt oder arbeitet, Teil einer permanenten Datenerhebung ist, gehört dazu. Doch wollen wir so wirklich leben? Sieht die Stadt unserer Träume nicht doch anders aus? Oder sind wir einfach noch nicht bereit für eine umfassend digitalisierte Zukunft, die fraglos diverse Vorteile hat?

Noch ist es in Songdo gespenstisch ruhig. Die Stadt wartet noch auf ihre Bürger. Einige sind schon da, aber es ist Platz für mehr. Rapper Psy nutzte die Leere Songdos für sein Video zum Gangnam Style. Sind die Menschen skeptisch? Oder hat Songdo einfach zu wenig Geschichte? Ist es zu unnatürlich? Songdo fasziniert und das Konzept der Planstadt klingt vielversprechend. Doch der Preis dafür ist hoch. Die Freiheit, die Songdo verspricht, ist nicht die Freiheit, wie wir sie kennen.

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Quelle: n-tv.de