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Aggressive Kohlmeisen als Killer Klimawandel verschärft Konflikte zwischen Vögeln

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Kohlmeise mit einem Fliegenschnäpper als Beute.

Maurice van Laar/dpa

Kohlmeisen gehören zu den beliebtesten Vögeln hierzulande - hübsch, putzig und frech. Doch sie können auch anders: Wer ihnen in der Brutsaison in die Quere kommt, riskiert sein Leben. Der Klimawandel scheint solche Konflikte zu verschärfen.

Im Kampf um Nistgelegenheiten töten Kohlmeisen regelmäßig andere Vögel, etwa Trauerschnäpper. In manchen Jahren erlegen sie annähernd zehn Prozent der Männchen dieser aus Afrika anreisenden Art, berichten niederländische Forscher im Fachmagazin "Current Biology". Einen deutlichen Einfluss auf den Vogel-Konflikt hätten das Klima und der Klimawandel.

Die Kohlmeise (Parus major) ist die in Europa am weitesten verbreitete Meisenart. Die Vögel sind wenig wählerisch im Hinblick auf ihr Futter. Sie ernähren sich in der Regel von Insekten und anderen Kleintieren oder Samen und Nüssen. In Ausnahmefällen töten sie kleinere Vögel. "Während der Brutsaison können sie tatsächlich sehr aggressiv werden", erläutert Jelmer Samplonius von der Universität Groningen, der das Verhalten der Vögel in einem 10-Jahres-Zeitraum zwischen 2007 und 2016 gemeinsam mit Christiaan Both erforscht hat.

Konkurrenzkampf um Nahrungsquellen und Nistgelegenheiten

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Jelmer Samplonius mit einem Trauerschnäpper.

(Foto: Rob Buiter/dpa)

Die Wissenschaftler hatten eine niederländische Population von Kohlmeisen in einem Studiengebiet untersucht, in dem etwa 1000 Nistboxen hingen. In dem Areal brüten auch Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca), die jedes Frühjahr aus Afrika anreisen. Beide Vogelarten konkurrieren sowohl um bestimmte Raupen als Nahrungsquelle als auch um Nistgelegenheiten.

Die Forscher erfassten unter anderem, wann die Vögel mit dem Nestbau begannen, wann die Trauerschnäpper anreisten und stellten dies in Zusammenhang mit den jeweiligen Klimabedingungen. In der Brutsaison prüften die Wissenschaftler die Nistboxen regelmäßig auf das Vorhandensein von Eiern - und fanden dabei auch häufiger tote Trauerschnäpper in Kohlmeisen-Nestern, insgesamt 86 Mal.

"Wenn ein Trauerschnäpper eine Nistbox mit einer Kohlmeise darin betritt, hat er keine Chance", sagt Samplonius. Die Meisen fügten den Eindringlingen schwere Kopfwunden zu. "Und es sieht so aus, als wenn die Kohlmeisen dann das Gehirn fressen." Außerhalb der Nistboxen steigen die Chancen der Trauerschnäpper im Konkurrenzkampf: Sie seien die besseren Flieger und verjagten die Kohlmeisen häufig beim Nestbau.

Bäume bilden Blätter früher

Die Frage, die die Forscher vor allem interessierte, war, inwieweit das Klima und der Klimawandel das Verhalten beeinflussen. "Beide Spezies müssen die Geburt ihrer Jungen mit dem Höhepunkt der Raupenverfügbarkeit koordinieren", sagt Samplonius. Die gebe es dann, wenn die Bäume die ersten Blätter bilden - was wegen der steigenden Durchschnittstemperaturen in den vergangenen Jahren früher im Jahr passiert sei.

Die Kohlmeisen passten sich an die Veränderungen gut an und zogen den Brutbeginn einfach vor, wie die Forscher berichten. Auch die Trauerschnäpper reisten demnach früher an, allerdings war ihre Ankunft nicht mit den Temperaturen vor Ort korreliert. Besonders intensiv fielen die Konflikte aus, wenn sich die Brutzeiten beider Arten sehr lange überlappten. Das war etwa in kühleren Frühjahren der Fall, wenn die Kohlmeisen spät zu brüten begannen und die Trauerschnäpper bereits vor Ort waren.

Viele tödliche Auseinandersetzungen nach milden Wintern

Auch nach milden Wintern gab es viele tödliche Auseinandersetzungen: Weil überdurchschnittlich viele Kohlmeisen die harte Jahreszeit überlebt hatten, gab es besonders viele Brutpaare - und einen entsprechend hohen Bedarf an Nistplätzen. In solchen Jahren starben in nur zwei Wochen 8,9 Prozent der Trauerschnäpper-Männchen unter den Krallen der Kohlmeisen.

Langfristig habe dies jedoch keine Auswirkungen auf die Größe der etwa 300 Brutpaare umfassenden Trauerschnäpper-Population in dem Areal gehabt, berichten die Wissenschaftler. "Wir stellten fest, dass die meisten getöteten Männchen solche waren, die spät in der Saison eintrafen. Diese späten Vögel finden häufig kein Weibchen zur Paarung, das könnte erklären, warum das Verhalten keinen Einfluss auf die Population hat", sagt Samplonius.

Quelle: n-tv.de, Anja Garms, dpa

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