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Die historische Perspektive Nebenprodukt in Vielvölkerreichen

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Historiker Johannes Bronisch ist wissenschaftlicher Referent der Leibniz-Gemeinschaft Berlin. 2011 erschien im Landt-Verlag sein Buch: "Der Kampf um Kronprinz Friedrich".

(Foto: Privat)

Historisch bezieht sich "Toleranz" vor allem auf unterschiedliche religiöse Auffassungen und konkurrierende Kulte. Sie entstand meist notgedrungen in komplexen heterogenen Situationen – so etwa in der Antike eher in Großreichen, wie beispielsweise den Vielvölkerreichen Ägypten und Persien, und weniger im Stadtstaat des klassischen Athen, der vielbeschworenen "Wiege der Demokratie". Auch in der europäischen Geschichte war Toleranz nicht Ziel, sondern die meiste Zeit ein durch die Umstände erfordertes Nebenprodukt.

Toleranz ist dementsprechend ambivalent. Sie ist ihrem Wesen nach Duldung. Ihre Voraussetzung ist das Vorhandensein unterschiedlicher Wahrheitsüberzeugungen. Sie beschreibt deshalb einen nur vorläufigen Zustand: Toleriert werden kann nur das, was man für falsch hält, aber aus bestimmten Gründen zulassen muss oder darf. Man denke etwa an den Bau der katholischen Kirche im protestantischen Berlin nach dem Ersten Schlesischen Krieg, der dazu diente, ein politisches Zeichen gegenüber den neuen, altgläubigen Untertanen zu setzen. Oder an die großzügige Förderung des begabten jungen Komponisten und Lutheraners Georg Friedrich Händel durch Kardinäle und hohe katholische Würdenträger in Rom zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Im Grunde bot sich solche Toleranz in religiösen Fragen bis zu einem gewissen Grade an, konnte man doch die endgültige Lösung der Streitfragen auf Gott und das Jenseits übertragen.

Im Gegensatz hierzu bedeutet die später aufkommende Idee, wissenschaftlicher Fortschritt werde alle auf eine allgemeingültige "Wahrheit" bezogenen religiösen Positionen als "mittelalterlich" und überholt entlarven, das Ende dieser Art von Toleranz. Stattdessen herrscht zunehmend weltanschauliche Indifferenz. Für die Gegensätze religiöser Überzeugungen, aus deren Zusammenstoß historisch "Toleranz" erwachsen ist, herrscht nun insgesamt weitgehendes Unverständnis. Leicht ist zu beobachten, wie aus dieser Form von Indifferenz neue Intoleranz erwachsen kann, die durchaus gut unter der Flagge eines begrifflich und historisch ausgehöhlten Toleranzbegriffes segeln kann.

In der Mitte dieser Entwicklung etwa steht König Friedrich II. von Preußen. In seinem protestantischen Staatswesen duldete er Juden und Katholiken. Abgesehen davon, dass dies aber längst keine bürgerlich-rechtliche Gleichheit, sondern vielmehr hohe Sonderbesteuerungen mit sich brachte, begründete sich dies letztlich vor allem in der Skepsis und Zynismus des Monarchen. Aufgeklärt-elitär fiel es Friedrich leicht, verschiedene Glaubensüberzeugungen gleichermaßen zu dulden, sah er in ihnen doch nicht mehr als variierende Formen ungebildeten Humbugs.

Quelle: ntv.de

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