Wissen

Für gehörlose Paare Russischer Genetiker plant Erbgut-Eingriff

imago92006375h.jpg

Wie gut die Technik der Genschere funktioniert, weiß bisher niemand.

(Foto: imago images / Westend61)

Für die genetischen Eingriffe des Chinesen He an Kindern hagelt es international scharfe Kritik. Dennoch kündigt der nächste Forscher Eingriffe in die Keimbahn von Embryonen an. Viel zu früh, viel zu riskant, warnen Experten.

Der russische Genetiker Denis Rebrikov hat in Moskau angekündigt, Babys mit verändertem Erbgut zur Welt bringen zu lassen. Für sein Vorhaben habe er fünf Paare gefunden, die freiwillig einer genetischen Veränderung ihrer ungeborenen Kinder zustimmten, zitierte "New Scientist" den Forscher. Dieser will mit dem umstrittenen Eingriff gehörlosen Paaren helfen, hörende Kinder zu bekommen.

Die gehörlosen Freiwilligen tragen eine rezessive Form der Taubheit in sich. Die weltweit vorkommende Mutation führt zu Gehörlosigkeit, wenn das Erbgut beider Genkopien betroffen ist. Die Paare hätten also weder durch herkömmliche Präimplantationstechnik noch durch künstliche Befruchtung die Möglichkeit, hörende Kinder zu bekommen. Aus diesem Grund seien sie für den Versuch ausgewählt worden, wird Rebrikov zitiert.

Der Genetiker plant nach eigenen Angaben, mithilfe der Crispr/Cas-Genschere in die Keimbahn der Embryonen einzugreifen und den für die Gehörlosigkeit fehlerhaften Abschnitt zu reparieren. Vor der Umsetzung werde er in den nächsten Wochen aber einen Antrag bei den zuständigen russischen Behörden stellen, schreibt "New Scientist". Reprikov räumte allerdings ein, dass er momentan nicht sicher sein könne, dass solch eine Genom-Editierung tatsächlich alle Mutationen in den Zellen korrigieren kann und die Kinder wirklich hören können.

Kritik aus vielen Richtungen

Auch wenn manche Forscher diesen Eingriff für technisch machbar halten, werden Rebrikovs Pläne von Fachleuten drastisch kritisiert. "Selbst wenn Keimbahneingriffe einmal sicher sein sollten, so wären aus ethischer Perspektive klinische Erstversuche nur für schwere erbliche Erkrankungen zu erwägen", sagt Alena Buyx vom Deutschen Ethikrat. Erste Versuche sollten nicht an zukünftigen Kindern erfolgen, die auch mit der genetischen Mutation ein relativ normales Leben führen können und für die es zudem etablierte Behandlungsmöglichkeiten wie Cochleaimplantate gebe, ergänzt die Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München.

Bereits im November 2018 erregte die Geburt von Zwillingsmädchen weltweit Aufsehen. Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui teilte mit, das Erbgut der beiden Kinder im frühen Embryostadium mit der Crispr-Cas-Genschere so verändert zu haben, dass eine Resistenz gegen den HI-Virus besteht. He soll seine Experimente im Verborgenen vorangetrieben haben. Er wurde dafür von der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft hart kritisiert. Ihm wurde vielfach unethisches Verhalten vorgeworfen. Inzwischen laufen auch in China gegen He Ermittlungen, er wurde als Universitätsprofessor beurlaubt. Über den Verbleib des Forschers und der beiden Kinder ist bisher nichts bekannt.

Die Ankündigungen von Denis Rebrikov unterstreiche einmal mehr, dass es allerhöchste Zeit sei, dass sich die Politik von der nationalen bis zur globalen Ebene des Themas annehme, sagte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, "Geschieht so etwas nicht in Bälde, droht eine 'Wildwest'-Mentalität um sich zu greifen, die der Wissenschaft wie der Gesellschaft schweren Schaden zufügt."   

Quelle: n-tv.de, jaz

Mehr zum Thema