Wissen

In Kugeln an Strand gespült Seegras holt Plastikmüll aus dem Meer

imago0059448393h.jpg

In sogenannten Neptunkugeln wurde Plastik gefunden.

(Foto: imago stock&people)

Immer mehr Plastikmüll verschmutzt die Meere und bedroht die Tierwelt. Seegras könnte dabei helfen, zumindest einen Teil davon aus den Ozeanen zu entfernen, finden Forscher auf Mallorca nun heraus.

Seegraswiesen bieten nicht nur einen schützenden Lebensraum für viele Unterwasserbewohner. Sie tragen auch dazu bei, Plastikmüll im Meer zu binden und an Land zu befördern. Das hat ein Team um die Biogeochemikerin Anna Sanchez-Vidal von der Universität Barcelona in einer Studie herausgefunden und in der Wissenschaftszeitschrift "Scientific Reports" veröffentlicht. Die Wissenschaftler haben Reste von Seegras an vier Stränden auf Mallorca untersucht. Dort wachsen im Flachwasser an der Küste Neptungras-Wiesen (Posidonia oceania) am Meeresgrund. Zudem treibt im Mittelmeer nahe der Insel viel Plastik.

Frühere Studien hatten gezeigt, dass die meisten Kunststoffe auf dem Meeresboden landen. Dennoch wird ein Teil davon wieder an die Küste zurückgespült. Wie dies genau geschieht, war zunächst unklar. Um herauszufinden, welche Rolle Seegras bei diesem Prozess spielen könnte, untersuchen die Wissenschaftler Seegras-Blätter und -Kugeln. Diese wurden zwischen 2018 und 2019 an vier Strände Mallorcas gespült.

Das Forschungsteam fand heraus, dass sich Plastikmüll in Seegraswiesen offenbar sammelt. Die Wissenschaftler fanden Plastikabfälle in der Hälfte der 42 Proben loser Seegras-Blätter. Aus den Resten von Seegras und dem Plastik bilden sich auf dem Meeresgrund durch Wasserströmungen braune Kugeln aus Fasern, sogenannte Neptunbälle. Diese werden dann an Strände gespült. In 198 Neptunbällen wurden 17 Prozent Plastikabfälle nachgewiesen. Pro Kilogramm Neptunbälle zählten die Wissenschaftler laut Studie bis zu 1470 Plastik- und Mikroplastikteile. In losen Seegras-Blättern wurden pro Kilogramm bis zu 613 Plastik- und Mikroplastikteile gefunden.

Neptunbälle können Hunderte Millionen Plastikteilchen binden

Basierend auf diesen Daten und der geschätzten Seegras-Flächen im Mittelmeer gehen die Wissenschaftler davon aus, dass Neptunbälle bis zu 867 Millionen Plastikteilchen binden können. Wie viele davon aber an die Küste gespült werden und was dort mit ihnen passiert, können die Wissenschaftler nicht sagen. Dennoch lege ihre Studie nahe, dass Seegras-Wiesen dabei helfen könnten, der Plastik-Vermüllung der Meere entgegenzuwirken.

Umso wichtiger sei nach Angaben der Wissenschaftler der Schutz der Unterwasserwelten. Untersuchungen der Vergangenheit hätten gezeigt, dass die Seegras-Flächen im Mittelmeer seit 1960 um 13 bis 50 Prozent geschrumpft seien. Der Grund: Anker, Abwässer und Fischerei sowie der Ausbau von Hafenanlagen schädigen die Meeresgewächse. Hinzu kommen die Einführung fremder Algenarten und die Erwärmung des Mittelmeers durch den Klimawandel. Schon 2018 beschloss die mallorquinische Regierung daher ein Dekret, sodass derzeit 650 Quadratkilometer Seegraswiesen unter verstärktem Schutz stehen. Hinzu kommen Anpflanzungsprojekte.

Das Plädoyer der Wissenschaftler für einen intensiveren Schutz von Seegras-Wiesen wird durch eine weitere Studie bestärkt. Darin gingen Forscher aus Portugal, Schweden und Norwegen der Frage nach, inwiefern Seegras-Wiesen, Makroalgen-Betten, Salzwiesen oder Mangroven als potenzielle Barrieren für Mikroplastik fungieren könnten. Wie sie im Fachblatt "Environmental Pollution" berichten, schufen sie im Labor einen Modell-Küstenlebensraum, den sie mit Seegras bepflanzten.

Tatsächlich war das Seegras in der Lage, Mikroplastik-Partikel zu binden - und das umso besser, je dichter es wuchs. Allerdings geschah das nur bis zu einer gewissen Konzentration an Mikroplastik. In zu großen Mengen bedrohten die Plastikteilchen das Gleichgewicht in solchen aquatischen Ökosystemen, die fernab des Labors Lebensräume für viele Arten darstellten. Umso mehr sollten diese Ökosysteme im Fokus von Umwelt- und Naturschutzbehörden stehen, wenn es um Strategien zur Vermeidung, Kontrolle und Entfernung von Mikroplastik aus aquatischen Umgebungen gehe, folgern die Wissenschaftler.

Quelle: ntv.de, jks/dpa