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Persönlich, politisch, poetisch Andreas Rebers muss es raushauen

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Andreas Rebers - seine Themen: Kindheit, Politik von AfD bis Zwangsheirat, aber auch Poesie. Das geht, jawohl.

(Foto: Susie Knoll)

Andreas Rebers - ein Mann, der platzt vor Ideen, vor Gedanken, vor Worten. Gar nicht einfach, einen Kabarettisten zu interviewen, denn bei jedem Stichwort kann einer wie er loslegen: Singen, imitieren, zitieren, kritisieren, Gitarre spielen, aber auch Klavier oder Akkordeon, er kann trösten, verstehen, unter die Arme greifen und auf die Spitze treiben. Momentan allerdings macht der Wahlbayer eines am liebsten: Er singt, und zwar Lieder von Franz Josef Degenhardt. In der Berliner "Bar jeder Vernunft" tritt er auf und bringt uns die "Schmuddelkinder" zurück. Mit ntv.de spricht er über Kindheit, Kabarett und Klassenkampf.

ntv.de: Rebers und Degenhardt - keine einfache Angelegenheit, oder?

Andreas Rebers: Stimmt. Ich singe Lieder aus seinem ersten Album, aus "Schmuddelkinder", und ich muss sagen: Diese Schmuddelkinder - da gehörte ich dazu. Ich fand, es war Zeit, die mal wieder in den Fokus zu rücken. Deswegen bringe ich die jetzt aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Die Schallplatte bekam ich 1969 geschenkt, mit elf. Keine Ahnung, wo die auf einmal herkam, aber ich schätze, "Onkel Berti" hatte seine Finger im Spiel. Der spielte bei uns immer eine wichtige Rolle und kam dann zum Einsatz, wenn keiner mehr weiterwusste.

Die Platte lag unter dem Tannenbaum, richtig?

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Franz Josef Degenhardt - die Älteren werden sich erinnern.

(Foto: imago/Klaus Rose)

Ja, und ich durfte sie erst nach den Feiertagen auflegen, weil Degenhardt ja Kommunist war, und von so einem lässt man sich schließlich nicht die Feiertage versauen.

Was hat dich vor allem an dem Album fasziniert?

Die monströse Lyrik! Es ging um Dinge, über die wir zu Hause nicht gerne sprachen. Mein Vater war zwar Sozialdemokrat, aber auch ein kaputter Mann nach dem Krieg. Mich hat so vieles umgetrieben - ich war sicher verhaltensauffällig, wie man das heute nennt - und dann, mit Degenhardt, habe ich diese Dinge einordnen können, habe Bilder gefunden, die mir geholfen haben, das Schweigen zu erklären oder auch die versteckten Boshaftigkeiten.

In der Familie?

Ja, ich habe als Kind natürlich den Hass nicht verstanden, konnte ihn nicht einordnen. Ich habe gerne unter dem Tisch gesessen und den Erwachsenen bei ihren Gesprächen zugehört. Und auch Figuren wie Rumpelstilzchen, den buckligen Oskar, den Rattenfänger von Hameln, den Struwwelpeter - die habe ich zuerst nicht verstanden. Die waren aber allgegenwärtig, ich bin ja an der Deutschen Märchenstraße aufgewachsen. Durch Degenhardts Musik wurde das alles irgendwie relativiert.

Diese Kindheit klingt nicht einfach …

Bei uns wurde viel geprügelt und ich habe das meiste abgekriegt, obwohl ich der Jüngste war. Aber eben auffällig. Meine eine Schwester war ein Downie, die hatte diese Kindlichkeit und die absolute Unschuld, mein Vater war schwerbehindert nach dem Krieg, mein Opa hatte nur ein Auge und 'ne Augenklappe, die er gern mal lüftete und uns Kinder zum Kreischen brachte - Opa Schauder eben. Mein Bild war: Allen fehlt was! Meiner Schwester jetzt nicht, aber allen Erwachsenen.

Du musstest auf der Bühne landen, oder?

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Im Nahkampf, da kann es auch mal wehtun.

(Foto: imago/Gerhard Leber)

Ja, das ist mein Metier, dort herrscht praktisch Nahkampf. Ich wurde natürlich schon von allen Seiten bepöbelt, von den Linken, den Rechten, von Islamisten. Da sage ich mal: Jawoll, so muss es sein (lacht)!

Bepöbelt werden ist das eine, bedroht noch was anderes.

Das nimmt heutzutage ja ganz andere Formen an mit den asozialen Netzwerken - aber auch ohne die musste bei mir schon die Polizei eingeschaltet werden. Und da denkt man dann schon drüber nach, mal eine Nummer zu streichen.

Dein Haupt-Metier ist die Bühne, aber auch das Fernsehen.

Ich bin gern im TV zu Gast, bei Dieter Nuhr, bei Sebastian Pufpaff oder bei Florian Schroeder. Und wenn zum Beispiel die begnadete Hazel Brugger dabei ist, dann fühl' ich mich da auch wohl. Ich bin inzwischen meist der Älteste. Und ich weiß, dass Fernsehen der Tod ist für eine künstlerische Entwicklung - viele junge Leute werden dort verheizt, die sich erst anders hätten ausprobieren sollen. Aber im Fernsehen geht es eben erstmal nur um Quote.

Wer sind deine Helden gewesen?

Ich bin beim Kabarett, weil ich so sein wollte wie Polt, Hüsch oder Hildebrandt. Und wie Klaus Havenstein, den habe ich geliebt. Meine Vorbilder haben aber nicht einfach nur Kabarett gemacht - sie waren oder sind Kabarett. Und ich mache das auch nicht nur als Job, ich bin Kabarett. Ich kann nicht anders. Ich muss die Dinge so raushauen.

Vor den eben Genannten, wer war da ausschlaggebend für dich?

Mein Humor hat sich entwickelt durch die "Augsburger Puppenkiste" und "Asterix"-Hefte. Ich bevorzuge Kabarett, das zeitlos ist, und da ist mein absolutes Lieblingsbeispiel Gerhard Polt. Man muss authentisch bleiben, so wie er. Kabarett darf nie rechthaberisch oder besserwisserisch sein.

Was erwartet den Besucher bei Rebers meets Degenhardt?

Ich lese zum Teil vor, Geschichten aus der Schreckenskammer der deutschen Provinz, ich lese auch aus meinem Buch "Der kleine Kaukasus", denn meine Heimat hat mich schon sehr geprägt. Es geht bei mir noch viel um den Umgang mit dem Krieg. Wir reden immer so lapidar vom Ende des Nationalsozialismus, dabei stimmt das ja gar nicht. Der Nationalsozialismus war vielleicht militärisch besiegt, aber doch nicht in den Köpfen und schon gar nicht in der uns hinterlegten nationalsozialistischen DNA. Es ist meine feste Überzeugung, dass wir das noch in den Knochen haben. Der Degenhardt-Abend ist aber kein Kabarett-Abend im üblichen Sinne, er ist ein literarischer Chansonabend, denn ich habe zwei unglaublich gute Gitarristen dabei und ich singe keine Neuinterpretationen - die alten Lieder kann man kaum besser machen.

Wovon handeln die Lieder, für alle nicht so Degenhardt-Kundigen?

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Seine Kindheit wird immer wieder von Rebers thematisiert.

(Foto: imago stock&people)

Die Lieder sind quasi die Fortführung meiner kindlichen Erinnerung an die Lüge, die in Deutschland herrschte. Ich versuche, die Zuschauer an die Hand zu nehmen und in die Neuzeit zu bringen. Der erste Teil ist mehr literarische Sozialkritik, im zweiten Teil dann kommen die besten politischen Chansons.

Es ist sehr aktuell, was Degenhardt vor Jahrzehnten gemacht hat - ist das erstaunlich? Oder eher frustrierend?

Es ist der Lauf der Dinge: Unsere Wahrnehmung wird medial ja manipuliert, so funktioniert Deutschland, das System heißt Kapitalismus. Ein Beispiel: Frau Dr. Merkel sorgt dafür, dass die Geschäfte öffnen, die SPD und die Linke sorgen dafür, dass die Geschäfte auch mal zumachen, die FDP plädiert für den verkaufsoffenen Sonntag, die Grünen sorgen für das Gesunde im Regal - und, merkst du was? Die AfD spielt keine Rolle. Woher kommen die, wer braucht die? Die AfD ist so was wie eine Grundsuppe - immer da, es fehlen aber die Zutaten. Aber wenn ich sehe, dass ein Umweltfreund in Brandenburg dafür sorgen will, dass Tesla nicht bauen kann, dann kann die AfD doch ein Häkchen machen, läuft für sie. Die Emotionalisierung der Diskussionen und die politische Unvernunft im Land sorgen für Unruhe. Wir müssen uns um die Bürger kümmern und ihre Sorgen ernst nehmen - und Degenhardt wusste, es geht um das Volk.

Hast du Degenhardt eigentlich mal getroffen?

Ja, er war recht verbiestert und unglaublich spitäisch - das Wort hat meine Mutter erfunden und es bedeutet, aus dem Schlesischen, so viel wie "beißende Ironie, die aber oberlehrerhaft rüberkommt". Ich singe Degenhardt jetzt mit meiner Stimme und hoffe, dass das moderner wirkt (lacht). Degenhardt war Klassenkampf, das mache ich nicht, ich verbiete weder Poesie noch Liebe. Mit ihm verbinde ich einfach meine persönliche Geschichte, denn in der Kindheit habe ich ihn als Komplizen empfunden, als jemanden, der mich versteht. Ich konnte seine Lieder in kürzester Zeit auswendig, vor allem, da meine Eltern sie ja verboten hatten.

Hast du die Prügel eigentlich verziehen?

Ja, meine Mutter wusste sich oft nicht anders zu helfen. Mein Vater schlug uns nicht, er hatte genug Elend gesehen. Von meinem Vater habe ich nur einmal eine gewatscht bekommen, weil ich die Heuernte angezündet hatte.

Warum das denn um Himmels Willen?

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Er hat eine Meinung. Und sagt - oder singt - sie auch. Hier 2010 bei einer Anti-Atomkraft-Demonstration in München.

(Foto: imago stock&people)

Ich war zwölf und wollte einen Cousin beeindrucken. Der hatte mir schmutzige Witze erzählt und ich musste auch mal was bringen. Das tut mir heute noch leid!

Was passiert eigentlich gerade mit mir, wenn ich Markus Söder gar nicht mehr so schlimm finde?

(lacht) Das geht nicht nur dir so. Ich sag' immer: Wer die bayerische Sozialdemokratie liebt, der wählt die CSU. Denn es geht darum, die AfD rauszuhalten - sie ist zu großen Teilen ein Produkt medialer Frustration und man hat sie stark gemacht. Weil die Pseudolinken, in erster Linie die Grünen, die weder ein Geschichts- noch ein Klassenbewusstsein haben, das zugelassen haben. Die Grünen denken doch, sie haben das geilste Produkt der Welt - sie sind aber eher eine Religionsgemeinschaft und Mehrheitsbeschaffer.

Ist der Herr Söder nicht aber ein Fähnchen-nach-dem-Wind-Hänger?

Sind Politiker doch alle. Söder umarmt wenigstens jede Biene noch persönlich! Aber: Bayern macht die erfolgreichste Integrationspolitik in ganz Deutschland, das weiß nur keiner, weil der Seehofer das nicht kommunizieren konnte. Der Söder kann so was. Der ist inzwischen ein sehr gelassener Opportunist. Hysterie, wie sie gerne mal von Frau Baerbock ausgeht oder der Luise Neubauer oder dieser Reemtsma-Tochter mit den immer gleichen Textbausteinen, erfordert eine gelassene Reaktion und das kann der Söder.

Da begibst du dich aber auf dünnes, frauenfeindliches Eis …

(lacht) Das ist mir egal. Da geht es mir gar nicht um Mann oder Frau, das sind einfach Flitzpiepen.

Wie erreicht man Menschen?

Vielleicht mit Poesie. Ich möchte Menschen erreichen, möchte gern, dass sie mir zuhören, dass ich sie berühre, auch im positiven Sinne. Zum Beispiel mit Balladen.

Mit Andreas Rebers sprach Sabine Oelmann

Andreas Rebers tritt bis Sonntag in der Berliner "Bar jeder Vernunft" auf.

Quelle: ntv.de