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Jubiläum mit neuer Leitung Berlinale über "dunkle Seite des Menschen"

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Das neue Leitungsduo der Berlinale blickt auf "die dunkle Seite des Menschen".

(Foto: picture alliance/dpa)

Nazi-Skandal, Stripshow im Keller, Kinoschließungen: Das neue Leitungsduo der 70. Berlinale hätte sich wohl komfortablere Startbedingungen gewünscht. Abgründe tun sich auch in vielen Wettbewerbsfilmen auf.

Die 70. Berlinale wird düster - zumindest gilt dies für die Wettbewerbsfilme des am Donnerstag startenden Festivals. "Sie blicken auf die dunkle Seite des Menschen", kündigte der neue künstlerische Leiter Carlo Chatrian an - sowohl auf persönliche Ängste als auch auf Sorgen über den Zustand der Welt. Der Italiener muss gar nicht konkreter werden, um umgehend Assoziationen unter anderem von Krieg und Krisen zu wecken. Und stellt damit auch klar: Die Berlinale bleibt ein politisches Festival.

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"The Intruder" verwandelt das Leben der Argentinierin Natalia Meta in einen Alptraum.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der deutsch-afghanische Regisseur Burhan Qurbani etwa verfilmte mit "Berlin Alexanderplatz" den Roman von Alfred Döblin neu und verwandelte ihn in eine aktuelle Flüchtlingsgeschichte. Die Hauptstadt spielt auch in zwei anderen Filmen eine größere Rolle: Im zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag, "Undine" von Christian Petzold, gibt Paula Beer eine geheimnisvolle Stadtführerin in Berlin. Und die Schweizer Produktion "Schwesterlein", in der eine Frau (Nina Hoss) ihren todkranken Zwillingsbruder (Lars Eidinger) aufnimmt, wurde rund um die Schaubühne gedreht. Auch Intendant Thomas Ostermeier macht mit.

Nach 18 Jahren Berlinale unter Direktor Dieter Kosslick, der zuletzt wegen der Auswahl seiner Filme in der Kritik stand, war das Wettbewerbsprogramm des neuen Duos aus Chatrian und der niederländischen Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek mit besonderer Spannung erwartet worden. Die große Reform blieb indes aus. "Unser Ziel war es nicht, die Berlinale zu verändern, sondern die Geschichte des Festivals weiterzuführen", erklärte Chatrian. Dennoch: Es könnte ein eindrucksvoller Wettbewerb werden.

Alte Bekannte im Bären-Rennen

Überraschend ist die Auswahl des Films „DAU. Natasha“ des russischen Regieduos Ilya Khrzhanovsky und Jekaterina Oertel. Für das "DAU"-Kunstprojekt, eine riesige Simulation des totalitären Systems unter Stalin, hielten sich Hunderte Statisten jahrelang in einer nachgebauten Sowjet-Welt in der Ukraine auf. Der Film bildet einen Teil davon ab. Mit der prominentesten Besetzung wartet Sally Potters Drama "The Roads Not Taken" mit Javier Bardem, Elle Fanning und Salma Hayek auf. Die Story: Ein Vater hat Halluzinationen, wie sein Leben hätte laufen können, und verunsichert seine Tochter bei ihren Entscheidungen.

Neben den Berlinale-erfahrenen Regisseuren Qurbani, Petzold und Potter gibt es weitere alte Bekannte im Wettbewerb - etwa den Südkoreaner Hong Sangsoo, der mit "The Woman Who Ran" die Geschichte einer einsamen Ehefrau schildert. Oder Benoît Delépine, in dessen Komödie "Delete History" drei Cybermobbing-Opfer den Social-Media-Plattformen den Kampf ansagen. Und Willem Dafoe spielt in "Siberia" von US-Regisseur Abel Ferrara einen Einsiedler, der allein in den Bergen gegen seine Dämonen kämpft.

Die von Chatrian betonte "dunkle Seite" offenbart sich in etlichen weiteren Filmen: In "The Intruder" der Argentinierin Natalia Meta lernt eine traumatisierte Frau einen Mann kennen, der ihr Leben erneut in einen Alptraum verwandelt. Das am Rande Roms spielende Drama "Bad Tales" von Damiano und Fabio D'Innocenzo erzählt von sadistischen Vätern, passiven Müttern und gleichgültigen Lehrern, der Dokumentarfilm "Irradiated" von Rithy Panh vom Genozid in Kambodscha. Der Iraner Mohammad Rasoulof thematisiert in "There Is No Evil" die Todesstrafe.

Depp, Blanchett, Hayek und Clinton kommen

Insgesamt konkurrieren 18 Filme um den Goldenen und die Silbernen Bären, die am 29. Februar von der Internationalen Jury unter Vorsitz des Schauspielers Jeremy Irons verliehen werden - deutlich weniger als sonst: Abgeschafft wurde die Kategorie "Außer Konkurrenz". Diese Produktionen werden nun als Berlinale Special Gala gezeigt, etwa der Eröffnungsfilm "My Salinger Year" von Philippe Falardeau: Die Coming-of-Age-Geschichte mit Sigourney Weaver porträtiert die New Yorker Literaturszene und eine junge Schriftstellerin, die als Assistentin in einer Agentur die Fanpost von Kultautor J.D. Salinger beantwortet.

In der Berlinale Special Gala läuft auch das dokumentarische Werk "Hillary" über die US-Politikerin Hillary Clinton. Johnny Depp spielt in "Minamata" den gefeierten US-Kriegsfotografen W. Eugene Smith. "Curveball" erzählt nach, wie die US-Invasion im Irak 2003 auf Basis falscher Geheimdienstinformationen erfolgte. "Persian Lessons" mit Lars Eidinger zeigt den Holocaust aus ungewöhnlicher Perspektive: Ein Gefangener, der vorgibt, kein Jude, sondern Perser zu sein, muss als Beweis Farsi unterrichten.

In der Sektion Berlinale Series präsentiert Cate Blanchett die Serie "Stateless" über die australische Flüchtlingspolitik. Im Panorama sind das #MeToo-Drama "The Assistant" und ein Porträt des 2010 verstorbenen Künstlers Christoph Schlingensief zu sehen. Neu ist der zweite Wettbewerb Encounters, der ungewöhnlichen Filmen abseits konventioneller Produktionsmethoden ein Forum bieten soll. Autogrammjäger können derweil am roten Teppich unter anderen auf Depp, Blanchett, Hayek, Fanning, Dafoe oder auch Clinton lauern. Und Oscar-Preisträgerin Helen Mirren, die den Goldenen Ehrenbären bekommt.

Aber nochmal zurück zum Stichwort düster: Unter dunklen Vorzeichen stand während der Vorbereitungen das ganze Filmfest. Sponsoren sprangen ab, die Cinestar-Festivalkinos wurden geschlossen, in den Keller des Berlinale-Palastes zog die Stripshow "Magic Mike". Die Wochenzeitung "Die Zeit" schockte mit der Enthüllung, dass Alfred Bauer, Leiter der Filmfestspiele von 1951 bis 1976, ein hoher Funktionär der NS-Filmbürokratie war. Und wieder und wieder mussten Fragen zum Coronavirus beantwortet werden. Besucher können sich offiziellen Angaben zufolge jedoch sicher fühlen: "Die Berlinale steht in engem Austausch mit dem Robert-Koch-Institut und den Berliner Gesundheitsbehörden. Abhängig von der Risikoeinschätzung werden fortlaufend weitere mögliche Maßnahmen geprüft."

Quelle: ntv.de