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Weiblicher Lawrence von Arabien Gertrude Bell war die "Königin der Wüste"

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Gertrude Bell (Nicole Kidman) und T.E. Lawrence (Robert Pattinson) beim offiziellen Fototermin der britischen Delegierten in Kairo.

(Foto: Prokino)

Abenteurerin, Spionin, wild, unabhängig, mutig: Wenn sich eine Lebensgeschichte zur Verfilmung eignet, dann die von Gertrude Bell. Sie war die "Araber-Versteherin". Mit ihrer Liebe zur Wüste hatte sie mehr Glück als mit ihrer Liebe zu Männern.

Gertrude Bell war eine wahrhaft bemerkenswerte Frau. Mutig, abenteuerlustig, risikofreudig, neugierig, auf Konventionen weitgehend pfeifend - für die Zeit, in der sie lebte (1868-1926), geradezu wild. Das Leben der britischen Forschungsreisenden, Archäologin und Geheimdienst-Mitarbeiterin bietet sich prächtig an für eine Verfilmung - und Regie-Legende Werner Herzog hat sich nun dieser Geschichte angenommen und sie auf die Kinoleinwand gebracht.

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Gertrude Bell in einem zeitgenössischen Porträt.

(Foto: imago stock&people)

Die Abenteurerin Bell war in den 1920er-Jahren an der politischen Neuordnung im Nahen Osten beteiligt und wird auch "der weibliche Lawrence von Arabien" genannt (Sie ist T.E. Lawrence tatsächlich begegnet - sie arbeiteten zusammen, waren einander freundschaftlich verbunden, er nannte sie "Gertie"). Bei der Grenzziehung im Irak hatte sie maßgeblich ihre Finger im Spiel - die Zeitschrift GEO titelte vor einigen Jahren: "Die Frau, die den Irak erfand".

Aufgrund ihres Urteils zur Lage auf der Arabischen Halbinsel im März 1914, das lautete "Die Zukunft gehört den Saudis", förderten die Briten danach vor allem Ibn Saud finanziell. 1932 wurde er Namensgeber und Oberhaupt des größten arabischen Königreichs - Saudi-Arabien. Die Wüstenvölker achteten Bell, behandelten sie als "Mann ehrenhalber" und gaben ihr den Titel "Tochter der Wüste". Also wirklich keine alltägliche Frau, diese Gertrude Bell.

"Vollbusiges Mannweib"

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Dargestellt wird sie von Nicole Kidman - was überrascht, wenn man der anfänglichen Gesprächsrunde um Churchill lauscht, in der über Bell als "vollbusiges Mannweib" geflucht wird. Und die zarte Kidman ist ja nun eher das Gegenteil von vollbusig. Aber wenn man sich historische Fotos von Gertrude Bell ansieht, erkennt man: Sie hatte schon einen ähnlichen Körperbau, der Typ ist mit Kidman gut getroffen.

Auch für die anderen Hauptrollen konnte Werner Herzog Schauspielstars gewinnen: Der hyperaktive James Franco spielt Bells erste große Liebe Henry Cadogan, Damian Lewis (bekannt etwa aus "Homeland") ihre zweite große Liebe Charles Doughty-Wylie - und der junge T.E. Lawrence ("Lawrence von Arabien") wird gar von "Twilight"-Star Robert Pattinson dargestellt.

Schwerpunkt Liebe statt Politik

Gertrude Bell (Nicole Kidman) erkennt die Seele der Beduinenvölker und knüpft unschätzbare Bande.jpg

Immer ein Geschenk dabei: Gertrude Bell knüpft wertvolle Kontakte mit den Beduinen.

(Foto: Prokino)

So liegt der Schwerpunkt des Films auch auf den Männern, die ihr zu Füßen liegen oder denen Bell in Liebe zugetan ist (was meist tragisch endet). "Königin der Wüste" ist in weiten Teilen ein Liebesfilm - ihre Liebe zu den Männern, zur Wüste, zu den Wüstenvölkern steht im Vordergrund, weniger ihr politisches Wirken. Das ist schade, ist doch gerade diese Facette ihrer Persönlichkeit die spannende - ihre Rolle als Spionin für die britische Regierung, ihr ungeheurer Einfluss im arabischen Raum. Immerhin nannten die Scheichs sie "El Chatun", die Hohe Dame. Und sie war die erste Frau, die ein Offiziersgehalt von der britischen Armee bezog.

All das kommt im Film durchaus vor - wie sie durch die Wüste reitet, begleitet von ihren treuen und verlässlichen Dienern, wie sie sich mit Politikern und Militärs streitet, wie sie sich beharrlich, mutig und starrköpfig durchsetzt. Aber ein großer Teil der Handlung widmet sich doch ihren Liebesgeschichten. Es gibt reichlich Szenen, in denen sie Briefe schreibt und sinnierend-sehnsüchtig aus dem Fenster schaut.

Privat statt politisch

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Der Film kommt am 3.9.2015 in die deutschen Kinos.

(Foto: Prokino)

Das alles natürlich in schwelgerischen Aufnahmen, die die Schönheit der Wüste ausgiebig würdigen, mit Sandstürmen, Abendgesellschaften, Ausritten und prachtvollen Kleidern. Werner Herzog, der in den letzten Jahren viele Dokumentarfilme drehte ("Die Höhle der vergessenen Träume"), ist mit "Königin der Wüste" wieder zu seinen Spielfilm-Wurzeln zurückgekehrt. Er hat sich gegen einen politischen Historienfilm und für einen Liebesfilm entschieden. Privat statt politisch.

Dabei haben die damaligen geschichtlichen Ereignisse und Entscheidungen sowie das Wirken von Gertrude Bell Einfluss bis heute, etwa die Begründung des Vielvölkerstaats Irak. In dem sich Schiiten und Sunniten immer noch feindlich gegenüberstehen. Ein spannender Stoff. Aber das wäre ein ganz anderer Film geworden - vielleicht war das Thema Herzog auch eine weltgeschichtliche Nummer zu groß.

Der Film "Königin der Wüste" feierte im Februar 2015 im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere und startet am 3. September 2015 in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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