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Niedertracht und Verzweiflung Dem perfiden Stasi-Alltag zuhören

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In jedem Vernehmungsraum der Staatssicherheit stand ein Aufnahmegerät.

(Foto: imago images / photothek)

Die Stasi hat nicht nur bergeweise Akten hinterlassen, sondern auch ein gewaltiges Tonarchiv. Abgehörte Telefonate und Vernehmungen, alles wurde aufgezeichnet. Diese akustischen Dokumente verursachen bis heute Gänsehaut.

Der Ton ist schneidend, die Aufnahmequalität eher mittelmäßig: "Hören Sie auf mit der Lügerei", fordert der Beamte der Staatssicherheit. Der Befragte versucht dagegenzuhalten: "Ich kann doch 'ne Sache nicht zugeben, die es nicht gibt." Um welchen Vorwurf es geht, erfährt man genauso wenig wie Tag und Ort des Gesprächs.

Der Schnipsel ist Teil der O-Ton-Collage "Sie sprechen mit der Stasi" von Andreas Ammer und FM Einheit. Denn zum gewaltigen Datenerbe, das das Ministerium der Staatssicherheit der DDR hinterlassen hat, gehören nicht nur Akten, Gläser mit Geruchsproben und bergeweise Fotos, sondern auch Tonaufnahmen. Wo immer die Stasi auf Aufnahme drücken konnte, tat sie es. Bei Vernehmungen, Telefonaten oder auch bei Überwachungsaktionen.

Zwei Jahre lang haben die beiden Autoren diesen Tonbändern hinterhergespürt, Hunderttausende Aufnahmen angehört. "Als FM Einheit und ich von der Existenz dieses gigantischen akustischen Archivs hörten, war uns klar, dass dies einen idealen Stoff für ein Hörspiel abgeben würde", schreibt Ammer im Booklet dazu.  

"Teilnehmer?"

Das Ergebnis ist pure Gänsehaut. Ohne jeden Kommentar, lediglich erweitert um eine musikalische Ebene sind Ausschnitte aus den Stasi-Aufnahmen zusammenmontiert. Dabei entfaltet sich ein Panorama der Niedertracht. Ein Mann verrät seine frühere Schwiegertochter, sie habe Fluchtpläne und wolle das Enkelkind mitnehmen. Er und seine Frau haben noch eine ganze Woche Urlaub, da kann die Stasi gern vorbeikommen und Details besprechen. Ein anderer ruft aus Westdeutschland an und schwärzt die ostdeutsche Verwandtschaft an. Es geht um große Geldsummen, die illegal über die Grenze gebracht werden sollen, um Pornosammlungen, um "verbotene Literatur".

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*Datenschutz

Die Stasi am anderen Ende der Leitung will immer genau wissen, mit wem sie spricht. Aber selbst die Denunzianten sind zögerlich bei der Preisgabe der eigenen Identität. Da mag der OvD, der Offizier vom Dienst, noch so sehr schmeicheln: "Ich kann das alles vertraulich behandeln." Auch eine Telefonnummer der Staatssicherheit wird nicht herausgegeben, man spricht ja schon mit den Sicherheitsorganen. Der "Teilnehmer", wie jeder Anrufer bezeichnet wird, soll also jetzt sprechen.

Gelegentlich gerät die ganze Situation zur Farce, etwa, wenn eine Mitarbeiterin des Fernmeldeamtes in Frankfurt am Main, ein Gespräch aus Kanada durchstellen möchte. Es müsste nur jemand da sein, der Englisch oder Französisch spricht. Doch da muss der Stasi-OvD passen. Er windet sich wegen dieses Eingeständnisses, während die Fernmeldefrau aus der Bundesrepublik am anderen Ende der Leitung einfach nur gern ihrem Anrufer weiterhelfen würde.

"Mit Schmerzen gehört"

Die Stasi ist längst nicht über jeden Anrufer glücklich. Der Mann, der gegenüber der Ständigen Vertretung der DDR seine Meinung zur Berliner Mauer sagen will, nervt einfach nur. Wortkarg reagiert der Stasi-Mann auf den Satz: "Das ist so herzzerreißend Scheiße." Geradezu unwillig werden die Mitarbeiter von Horch und Guck, wenn sich eine offenbar bekannte Anruferin wieder einmal meldet. "Hier hat sich etwas ergeben, was ich dem Minister unbedingt mitteilen muss." Es geht um Anklagen "im Namen des ganzen deutschen Volkes", die auch schon US-Präsident Ronald Reagan und KPdSU-Chef Michail Gorbatschow zugegangen sind. Endlos wird die Aufzählung der Frau, der Stasi-Mann sucht eine Möglichkeit, das Gespräch zu beenden, doch der Redeschwall der Frau ist nicht zu stoppen. Spannend ist der Anruf eines Mannes, der sich selbst als Saboteur versteht. Solange er in der Leitung ist, kann niemand anders mit der Stasi sprechen. Das Risiko hat auch einen gewissen Nervenkitzel: "Hoffentlich läuft das Tonband, Sie Anfänger!"

Häufiger jedoch stockt einem der Atem. Vor allem in den Vernehmungen lassen die Stasi-Leute keinen Zweifel daran, dass sie sich allmächtig fühlen. "Sie kommen hier nicht wieder raus", sagt der eine. "Wir werden Ihnen schon nachweisen, was Sie gemacht haben", ein anderer. Eine Unschuldsvermutung gibt es in diesen inquisitorischen Befragungen nicht. 

Das Klappern der Schreibmaschine mischt sich mit gar nicht so unterschwelligen Drohungen. Die Frage steht im Raum, ob in der DDR auch Unschuldige verurteilt werden. In den stundenlangen Befragungen nimmt die Verunsicherung zu, während die Vernehmer immer wieder ihr vorgegebenes Prozedere abspulen. Irgendwann bricht sich Verzweiflung Bahn, Tränen fließen. Das ist der Moment, in dem Menschen gebrochen und Biografien zerstört werden.

Andreas Ammer und FM Einheit haben diese Aufnahmen "mit Schmerzen gehört", genauso geht es jetzt auch dem Zuhörer. Die noch gar nicht so lange zurückliegende deutsche Wirklichkeit entfaltet dabei eine beklemmende Wucht. So teilnahmslos die Medien waren, auf denen Leid und Niedertracht gleichermaßen gespeichert wurden, so wenig kann man sich dem beim Hören entziehen. Und so kommt auch ein Gefühl von Genugtuung auf, wenn in den letzten Minuten Stasi-Mitarbeiter schildern, wie sich vor der Zentrale in der Berliner Normannenstraße Demonstranten sammeln und man weiß:  Das ist das Ende.

Quelle: n-tv.de