Politik

Zehn mögliche Nachfolger Wenn nicht Merkel, wer dann?

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Angela Merkel im Bundestagswahlkampf 2013. Damals war sie noch die unbestrittene Anführerin von CDU und CSU.

(Foto: picture alliance / dpa)

Sie galt lange als unantastbar. Aber nach der Wahlniederlage in Mecklenburg-Vorpommern ist Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hauptverantwortliche für die Krise der CDU. Auch in der Bevölkerung nimmt ihr Rückhalt ab.

Die Riege ihrer potenziellen Nachfolger als Kanzlerkandidatin der Union, gegebenenfalls auch als Parteivorsitzende, ist überschaubar. Theoretisch gehören alle Minister und Ministerpräsidenten der CDU sowie der CSU-Vorsitzende dazu, außerdem der Unionsfraktionschef. Ein Überblick:

Horst Seehofer, CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident

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Wem trauen Sie die Merkel-Nachfolge zu?

Was für ihn spricht: Zwei Mal hat die CSU den Kanzlerkandidaten gestellt. Der letzte, Edmund Stoiber, ist inzwischen schon 14 Jahre her. Durch die Schwäche Merkels könnte die CSU diesen Anspruch nun erneut erheben. Den ersten Zugriff hätte Parteichef Seehofer. Er würde die Union wieder stärker nach rechts ausrichten, wäre dabei glaubwürdig und könnte damit frühere Wähler von der AfD zurückholen. Ein weiterer Pluspunkt: In der Kunst des politischen Machtspiels gibt es wohl kaum jemanden, der sich besser auskennt als der bayerische Ministerpräsident.

Was gegen ihn spricht: Seehofer polarisiert sehr stark, zu stark. Auch in der CDU ist er umstritten. Er steht nicht für den Kurs der Kanzlerin, sondern für "Wir wollen das nicht schaffen". Ein Nachfolger müsste die Politik Merkels nicht fortsetzen, ein allzu starker Bruch würde die Union jedoch vor ein Glaubwürdigkeitsproblem stellen. Was auch gegen Seehofer spricht: Der 67-Jährige wollte sich eigentlich aus der Politik zurückziehen. Vieles deutet darauf hin, dass er sein Karriereende nach hinten verschiebt. Aber: Mit einer Kanzlerkandidatur würde sich der gesundheitlich angeschlagene Bayer vermutlich zu viel zumuten.

Fazit: Nur auf den ersten Blick ist Seehofer naheliegend, realistisch ist er nicht.

Volker Bouffier, hessischer Ministerpräsident und CDU-Bundesvize

Was für ihn spricht: Aus seiner Zeit als hessischer Innenminister hat Volker Bouffier bei vielen den Ruf, ein Hardliner zu sein. Das kann ein Vorteil sein. Zugleich stimmt es nicht. Auch das spricht für Bouffier. Was die politische Linie angeht, gilt er als einer der letzten echten Konservativen in der Union. Trotzdem koaliert er in Hessen sehr geräuschlos mit den Grünen. Als Merkel-Nachfolger könnte Bouffier einen vorsichtigen politischen Wandel verkörpern, ohne mit Merkels Grundwerten zu brechen. Und er könnte der CSU den Gang in eine schwarz-grüne Koalition erleichtern.

Was gegen ihn spricht: Eigentlich nichts – abgesehen davon, dass der 64-Jährige möglicherweise gar nicht Bundeskanzler werden will. Zumal er zuletzt als möglicher Bundespräsident im Gespräch war. Ganz sicher hat Bouffier keine Ambitionen, Merkel wegzuputschen.

Fazit: Wenn ein Übergangskanzler gesucht wird, wäre Bouffier eine gute Wahl.

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister und CDU-Präsidiumsmitglied

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Der Dinosaurier der deutschen Politik: Wolfgang Schäuble.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für ihn spricht: Er sitzt seit 1972 im Bundestag, war CDU-Chef, leitete verschiedene Ministerien: Schäuble ist so etwas wie der Dinosaurier der deutschen Politik. In der Bevölkerung zählt er zu den beliebtesten Politikern, genießt parteiübergreifend Respekt. Schon in der Griechenlandkrise blitzte sein Name immer wieder auf als möglicher Merkel-Nachfolger. Vor allem der konservative Teil der Unionsfraktion favorisiert die Schäuble-Lösung. Kein anderer hätte so gute Chancen, die zerstrittene Union zu einen. Schäuble steht loyal zu Merkel, aber wenn es sein muss, etwa im Fall eines Koalitionsbruchs oder eines Misstrauensvotums, stünde er wohl zur Verfügung. Er wäre eine Übergangslösung. Was kein Nachteil wäre, schließlich würde dieses Modell der Union helfen, Zeit zu gewinnen. Für Schäuble wäre es die Erfüllung eines Lebenstraums. In den 90er Jahren galt er als natürlicher Nachfolger von Helmut Kohl.

Was gegen ihn spricht: Schäuble ist 73, er wäre der älteste Bundeskanzler seit Konrad Adenauer, der 1963 im Alter von 87 Jahren abtrat. "Es waren andere Zeiten", sagte Schäuble dazu einmal.

Fazit: Schäuble ist die Allzweckwaffe der Union. Im Notfall könnte er sicher auch als Bundeskanzler einspringen. Aber Kanzlerkandidat 2017? Schwer vorstellbar.

Ursula von der Leyen, Verteidigungsministerin und CDU-Vizechefin

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Kann Skeptiker überzeugen: Ursula von der Leyen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für sie spricht: Von der Leyen gilt – sowohl in der Union als auch für die Medien – schon lange als aussichtsreiche, vielleicht sogar aussichtsreichste Nachfolgerin der Kanzlerin. Sie hat bereits ihr drittes Ministeramt in der Bundesregierung. Sogar im ungewohnten Verteidigungsressort gelang es ihr, sich schnell einzuarbeiten und Skeptiker zu überzeugen. Zuletzt schaffte sie es, die Affäre um ihre Doktorarbeit weitgehend unbeschadet zu überstehen.

Was gegen sie spricht: Von der Leyen setzt gerne auf starke Bilder. Kritiker halten ihr vor, sie inszeniere sich. Genauso alt wie die Gerüchte um eine Merkel-Nachfolge sind daher die Vorwürfe, sie sei zu strebsam, ambitioniert und ehrgeizig. Auch gilt von der Leyen, die sieben Kinder hat, vielen als zu glatt und perfekt. "Ich verstehe, dass ich anderen Müttern unheimlich bin", hat sie selbst einmal darauf gesagt, wie es ihr gelinge, Familie und Beruf zu vereinen. In ihrer Partei ist sie nicht übermäßig beliebt. Beim Parteitag 2014 in Köln wurde sie nur mit 70 Prozent wiedergewählt, zwei Jahre vorher waren es sogar noch weniger.

Fazit: Von der Leyen ist ähnlich liberal wie Merkel, dennoch ist sie weiterhin die große Favoritin für ihre Nachfolge.

Julia Klöckner, Vizevorsitzende der CDU, Landeschefin in Rheinland-Pfalz

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Die konservative Version der Merkel-CDU: Julia Klöckner.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für sie spricht: In der CDU ist Julia Klöckner beliebt und gut vernetzt. Auf Parteitagen dauert es immer lang, bis sie endlich ihren Platz einnehmen kann – so viele Menschen wollen sie begrüßen. Sie steht für eine konservative Version der Merkel-CDU, hat die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin in Grundzügen mitgetragen, sich dabei gleichzeitig mit eigenen Vorschlägen deutlich abgesetzt.

Was gegen sie spricht: Vor der Wahl in Rheinland-Pfalz war die Ansicht verbreitet, dass Klöckner nach fünf Jahren als Ministerpräsidentin die ideale Merkel-Nachfolgerin wäre. Doch die Landtagswahl im Februar dieses Jahres war bereits die zweite, die sie verloren hat.

Fazit: Um Kanzlerkandidatin der CDU zu werden, braucht Klöckner zunächst einen Wahlsieg.

Thomas de Maizière, Bundesinnenminister

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Kann Erfahrung vorweisen: Thomas de Maizière.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für ihn spricht: Kanzleramtschef, Innenminister, Verteidigungsminister, dann wieder Innenminister: Wenn es um Erfahrung geht, hat Thomas de Maizière einiges vorzuweisen. Sein Name fiel auch häufig, wenn die Sprache auf mögliche Nachfolger der Kanzlerin kam. In der Union gilt er als seriöser Krisenmanager in vorderster Front.

Was gegen ihn spricht: De Maizière stand in den vergangenen Jahren immer wieder in der Kritik. Ob G36, BND oder Euro Hawk, bei verschiedenen Affären machte er keine gute Figur. Auch in der Flüchtlingskrise trat de Maizière nicht immer souverän auf. Mal warf er Flüchtlingen vor, sie würden mit Taxis durch das Land fahren. Einmal behauptete er, 30 Prozent der syrischen Flüchtlinge kämen gar nicht aus Syrien. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass er dies nicht belegen kann. In der Union gilt er im Umgang mit Abschiebungen als zu weich. Ein weiter Nachteil: De Maizière ist ein trockener Typ und wäre als Kandidat noch deutlich schwieriger zu vermarkten als Merkel, die zumindest gelegentlich erstaunlich schlagfertig ist.

Fazit: De Maizière ist im erweiterten Kreis der Kandidaten, aber es spricht einiges gegen ihn.

Peter Altmaier, Kanzleramtschef

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Weiß immer hervorragend Bescheid: Peter Altmaier.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für ihn spricht: Als Umweltminister von 2012 bis 2013 hatte Altmaier den Auftrag, die Umsetzung der Energiewende voranzutreiben. Wie man seine Arbeit bewertet, hängt von der jeweiligen politischen Position ab. Unbestritten ist, dass er seine kurze Zeit in diesem Amt genutzt hat, um Blockaden aufzubrechen. Altmaier ist dafür bekannt, immer hervorragend Bescheid zu wissen und faire Kompromisse aushandeln zu können. Schon zu Bonner Zeiten gehörte er zur damaligen schwarz-grünen "Pizza-Connection".

Was gegen ihn spricht: "Ich habe eine barocke Erscheinung", sagt Altmaier gelegentlich über sich. Seine Offenherzigkeit ist sympathisch, aber unter PR-Gesichtspunkten ist der Kanzleramtschef vielen Wählern vermutlich zu umfangreich. Auf einer weniger oberflächlichen Ebene spricht gegen Altmaier, dass er der Koordinator der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ist. Wenn er in Talkshows oder Fernsehinterviews die Politik der Kanzlerin verteidigt, kommt sein persönlicher Charme nicht rüber. Vermutlich ist Schwarz-Grün noch immer Altmaiers bevorzugte politische Kombination. Anders als Bouffier steht er den Grünen aus Sicht der CSU allerdings wohl zu nahe.

Fazit: Für eine Merkel-Nachfolge steckt in der aktuellen Lage zu viel Merkel in Altmaier.

Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin des Saarlandes und CDU-Präsidiumsmitglied

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Gilt als nüchtern und unaufgeregt: Annegret Kramp-Karrenbauer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für sie spricht: Das Politikmagazin "Cicero" kürte sie im Jahr 2014 zur Favoritin. "Kramp-Karrenbauer ist derzeit Merkels Nummer eins", hieß es damals. Die Qualitäten der saarländischen Ministerpräsidentin soll die Kanzlerin vor allem während der Koalitionsverhandlungen im Herbst 2013 kennen und schätzen gelernt haben. Kramp-Karrenbauer gilt als nüchtern und unaufgeregt – ähnlich wie Merkel. Kürzlich erklärte sie, sie sei überzeugt, dass Merkel 2017 wieder antreten werde. Fügte jedoch vielsagend hinzu: "Niemand ist unersetzlich auf dieser Welt. Auch nicht in der CDU und auch nicht Angela Merkel. Das weiß niemand besser als sie selbst." Kramp-Karrenbauer kann sich im März 2017 bewähren, dann wird im Saarland gewählt.

Was gegen sie spricht: Kramp wer? Für viele Deutsche dürfte die Saarländerin eine Unbekannte sein. Möglicherweise wäre der Sprung aus dem kleinen Bundesland in das wichtigste Amt des Landes auch ein bisschen zu groß. Vor allem Konservative in der Union dürften sich mit ihr ohnehin schwer tun. AKK, das ist ihr Spitzname, steht zu sehr für den Merkel-Kurs und für eine weitere Veränderung hin zu einer noch liberaleren Partei.

Fazit: Kramp-Karrenbauer hat Außenseiterchancen.

Volker Kauder, Unionsfraktionschef

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Höchst loyaler Merkel-Mann: Volker Kauder.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für ihn spricht: Vom damaligen Unionsfraktionschef Friedrich Merz kommt das Wort, dass es "in der Natur der Sache" liege, dass der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für den Job des Kanzlerkandidaten infrage kommt. Die "Bild am Sonntag" nannte ihn unlängst einen der mächtigsten Männer im politischen Berlin.

Was gegen ihn spricht: Zum einen die historische Erfahrung. Das Merz-Zitat ist vom Februar 2002, die in Rede stehende Bundestagswahl fand im September desselben Jahres statt, Kanzlerkandidat war bekanntlich nicht Merz, sondern Edmund Stoiber. Im September verlor Merz das Amt des Fraktionschefs an Merkel. Zum anderen spricht Kauders Image gegen eine Kanzlerkandidatur des 67-Jährigen. Kauder gilt zwar als echter Konservativer, aber auch als höchst loyaler Merkel-Mann. "Zuchtmeister" ist ein Begriff, der manchen Unionsabgeordneten zu dem Badener einfällt. In einem Kauder-Porträt auf den Internetseiten der Konrad-Adenauer-Stiftung steht der Satz: "Volker Kauder gehört zu den Politikern, die sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern viel lieber als Strippenzieher aus der zweiten Reihe agieren."

Fazit: Eine Kanzlerkandidatur von Volker Kauder ist so gut wie ausgeschlossen.

Jens Spahn, Staatssekretär im Finanzministerium und CDU-Präsidiumsmitglied

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Verbindet Konservatismus und Modernität: Jens Spahn.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was für ihn spricht: Der britische "Guardian" hat Jens Spahn kürzlich, etwas überraschend, zum Merkel-Nachfolger ausgerufen. Spahn verbindet Konservatismus und Modernität: Er kommt aus dem katholischen Münsterland und ist offen homosexuell, er trägt Merkels Flüchtlingspolitik grundsätzlich mit, meldet sich aber immer wieder mit kritischen Anmerkungen zu Wort. Zum Beispiel fordert Spahn seit Jahren ein Burka-Verbot. Ins CDU-Präsidium wurde er nach einer Kampfkandidatur gewählt. Sein Erfolg war eine kleine Klatsche für die Parteispitze und ein großer Erfolg für Spahn. Durch seine Berufung ins Bundesfinanzministerium hat er gewissermaßen Schäubles Segen bekommen, was in der CDU viel wert ist.

Was gegen ihn spricht: Sein Alter. Zur Bundestagswahl 2017 wäre er 37 Jahre alt.

Fazit: 2025. Frühestens.

Eine ideale, garantiert funktionierende Lösung für eine Merkel-Nachfolge gibt es nicht, aber doch einige Kandidaten, die durchaus infrage kommen. Dennoch spricht unterm Strich deutlich mehr dafür, dass Merkel 2017 noch einmal antritt. Sie ist zwar die zentrale Hassfigur der AfD-Anhänger und zweifellos die falsche Kandidatin, wenn die Union nach rechts abgewanderte Wähler zurückgewinnen will. Aber die meisten Umfragen sehen CDU/CSU derzeit bei rund 34 Prozent – obwohl Seehofer wieder heftig gegen Merkel schießt, obwohl die Kanzlerin an ihrem "wir schaffen das" festhält.

Damit ist wahrscheinlich, dass die Union bei der nächsten Bundestagswahl wieder die stärkste Kraft wird und gegen sie keine Regierung gebildet werden kann. Einen Putsch muss Merkel ohnehin nicht fürchten. Das wahrscheinlichste Szenario: Die Kanzlerin erklärt im Dezember auf dem CDU-Parteitag, dass sie 2017 erneut als Kanzlerkandidatin antritt.

Quelle: n-tv.de

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