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Frischluft gegen Infektion Wie geht richtiges Lüften in Corona-Zeiten?

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Die doppelte Luftmenge halbiert das Infektionsrisiko. Immerhin.

(Foto: imago stock&people)

Nach Schmier- und Tröpfcheninfektion sind seit ein paar Monaten die Aerosole als ein Hauptübertragungsweg der Coronaviren ausgemacht. Blöd nur, dass die aus aller Munde kommen und so potenziell die Raumluft kontaminieren. Ein gründlicher Luftaustausch könnte helfen.

Dass frische Luft der Gesundheit zuträglich ist, ist ein alter Hut. Schließlich sinkt in geschlossenen Räumen durch das konsequente Ausatmen der sich darin aufhaltenden Lebewesen der Sauerstoffgehalt. Stattdessen erhöht sich analog dazu der Kohlendioxid-Wert. Und dadurch allein geht die Konzentration flöten. Jeder rammdösige Büroarbeiter in behaglich zugemuffelten Arbeitsräumen kann davon ein Lied singen. Was er aber tunlichst unterlassen sollte. Denn neben Husten und Brüllen erhöht Singen wohl drastisch den Ausstoß von Aerosolen. Hoffen wir mal, dass in Ihrem Büro Ruhe herrscht.

Ebenfalls als alter Hut muss die Vermutung bezeichnet werden, dass jene Aerosole neben der sogenannten Tröpfcheninfektion als ein Hauptübertragungsweg des Coronavirus infrage kommen. Aerosole sind feste oder flüssige Partikel, die so klein sind, dass sie nicht mehr der Schwerkraft unterliegen, so über längere Zeit in der Luft schweben können und so wohl zur Virusverbreitung erheblich beitragen. Wovor das Tragen einer Maske schützen könnte.

Lüften, Luftreiniger und Mundgeruch

Charité-Chefvirologe Drosten sagte zur Veranschaulichung, dass sich die Wirkung der Masken an einer Begegnung mit einem Menschen mit Mundgeruch zeige. Denn "dieser Mundgeruch, das sind Aerosole". Und weiter: "Wenn sich etwa zwei Kollegen ohne Masken an einem Büfett begegnen und miteinander reden, bemerkt der Kollege den Mundgeruch seines Kollegen." Klingt stimmig, ist aber wohl nicht ganz zutreffend, wie andere Wissenschaftler anmerken. Denn Mundgeruch ist ein unangenehm riechender Atem, der vorwiegend in der Mundhöhle entsteht. Die häufigste Ursache hierfür sind bakterielle Zungenbeläge. Allerdings verbreitet sich Mundgeruch nicht über Aerosole, sondern Moleküle - chemische Konstrukte aus Atomen - die meist in Gasform daherkommen, wenn sie einen Geruch übertragen. Bleibt wieder mal nur zu hoffen, dass der Virologe derartige Behauptungen nicht als tendenziös verurteilt und vor allem an anderen Stellen mit seinen Einschätzungen richtig liegt.

So oder so, weder mit Aerosolen, die mit Coronaviren behaftet sind, noch mit Mundgeruch möchte man in Kontakt kommen. Gegen eine zu hohe Konzentration Ersterer in der Raumluft hilft richtiges Lüften. Worin sich beruhigenderweise alle Experten einig sind. Daneben könnte auch über die Anschaffung geeigneter Luftreiniger nachgedacht werden, um für ein gesundes Raumklima zu sorgen.

Kalte gleich frische Luft?

Dass es beim Lüften nicht mit dem gelegentlichen Kippen des Fensters getan ist, hat Martin Kriegel, Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der Technischen Universität Berlin, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) erklärt. Und setzt gleich noch einen drauf. Laut Kriegel reicht eine infizierte Person aus, damit ein Raum innerhalb von ein paar Minuten voll mit Aerosolen ist. Und sobald eine Person im Raum ist, gibt es immer eine Luftbewegung, welche die Aerosole verteilt. Denn dadurch, dass der Mensch wie ein kleiner Heizkörper ist und Wärme abgibt, strömt die Luft nach oben, sodass innerhalb von wenigen Sekunden die ausgeatmeten Partikel an der Decke sind, um sich danach links, rechts und überall im Raum zu verteilen, um an anderer Stelle wieder herabzusinken. Der Mensch fungiert sozusagen als Mixer, der die ganze Raumluft umwälzt. Je mehr Menschen in einem Raum sind, desto mehr wird die Raumluft also vermischt, und desto schneller verteilen sich die Partikel.

Diesem Geschehen ist nur mit Frischluft entgegenzuwirken. Auch bei der Fensterlüftung kommt frische Luft von draußen in den Raum herein, und verbrauchte Luft geht durch das Fenster heraus. Allerdings ist die Fensterlüftung nicht verlässlich. "Denn wir wissen im Einzelfall nicht, wie viel Luft durch das Fenster gelangt. Es gibt auch keine goldene Regel wie 'Halten Sie fünf Minuten das Fenster auf, und alles ist gut'. Die Effektivität der Fensterlüftung hängt davon ab, wie stark der Wind draußen weht und wie groß die Temperaturdifferenz zwischen drinnen und draußen ist. Man müsste also immer in regelmäßigen Abständen die Fenster komplett öffnen. Denn durch ein gekipptes Fenster gelangt nicht wirklich viel Luft herein", so Kriegel gegenüber dem RND.

Und weiter: "Viele Leute denken, wenn es drinnen kalt ist, ist die Luft frisch im Innenraum. Das stimmt nicht. Selbst wenn man das Fenster nur fünf Minuten öffnen würde, reicht es nicht aus, um die Verunreinigungen in den Innenräumen herauszutransportieren. Sobald die Fenster wieder geschlossen würden, wäre die Aerosolkonzentration nicht bei null und würde daraufhin weiter steigen."

Doppelte Luftmenge halbiert Infektionsrisiko

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Grundsätzlich kann der Experte eigentlich nur empfehlen, die Fenster wie im Sommer permanent offen zu lassen. Im Winter sollte auf jeden Fall versucht werden, die Fenster so lange wie möglich auf Kipp zu halten, sodass permanent ein Luftaustausch stattfindet. Oder es müssen wenigstens alle 15 bis 20 Minuten für ein paar Minuten die Fenster komplett geöffnet werden. Also viel öfter als bisher. Bei der heutigen gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte Kriegel: "Wir können das Risiko halbieren, wenn wir doppelt so viel Luft hereinbringen." Komplette Entwarnung gebe es dadurch aber nicht. Denn die Anzahl der Aerosole wird nie bei null sein. Trotz exzessiven Lüftens.

Wie auch immer, es könnte also frisch werden in Büros, Werkstätten und Klassenzimmern. Dagegen hilft nur, sich warm anzuziehen. Und immerhin sorgt das Lüften bei kalten Außentemperaturen wohl nicht vermehrt für Erkältungen. Im Gegenteil, denn durch die Frischluftzufuhr wird auch gleich der Rhinovirus mit abgeräumt, der ansonsten zuverlässig für den gemeinen Schnupfen sorgt.

Quelle: ntv.de