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Wolffs "tapfer kämpfende Jungs" Die Geburt einer neuen deutschen Heldenabwehr

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Julian Köster und Johannes Golla, "tapfer kämpfende Jungs".

(Foto: IMAGO/Mateusz Birecki)

In den ersten beiden Spielen der Handball-WM präsentiert sich die deutsche Nationalmannschaft nur bedingt abwehrbereit. Doch im wichtigen Hauptrundenspiel gegen die Niederlande ändert sich das. Der Bundestrainer möchte gerne darüber sprechen.

Im ohrenbetäubenden Lärm, in dem etwa 3000 deutsche Fans im Spodek in Katowice ihre deutschen Handball-Helden feierten, saß Alfred Gislason einfach nur auf der Bank. Zurückgelehnt, beobachtend und mit einem Lächeln auf dem Lippen. Der Bundestrainer hatte zuvor 60 intensive Minuten seiner Mannschaft gegen die Niederlande gesehen, bisweilen war es wild, am Ende berauschend. Vor allem aber erfolgreich: Mit dem fünften Sieg im fünften Spiel bei dieser WM hat man nun endlich etwas Zählbares erreicht: Der Einzug ins Viertelfinale ist perfekt, den man zuvor bei der WM 2021 und den letzten beiden Europameisterschaften verpasst hatte. Es war ein guter, vielleicht auch ein großer Abend für den deutschen Handball, der mehr denn je um Aufmerksamkeit und die Rückkehr in die Weltspitze kämpfen muss.

Aber der Bundestrainer war nach dem fulminanten Sieg nicht ganz zufrieden. Das 33:26 bedeutete zwar den so erhofften Einzug ins Viertelfinale und die Fans feierten in Katowice eine Handball-Party - und ihren Helden Andreas Wolff. Der deutsche Torwart hatte eine Weltklasseleistung gezeigt, hielt beinahe die Hälfte aller Bälle, die auf sein Tor kamen, darunter drei Siebenmeter.

Doch Gislason war es wichtig, weit nach Spielende in den Katakomben des nach 60 wilden, bisweilen spektakulären Minuten doch wieder abgekühlten Hexenkessels Spodek noch etwas klarzustellen, weil er immer wieder nach der großen Leistung von Wolff gefragt wurde: "Natürlich ist Andi verdient Mann des Spiels. Die überragenden Spieler aber waren für mich Johannes Golla, Julian Köster und Christoph Steinert, später auch Paul Drux", sagte der Isländer. "Es war Weltklasse, wie sie die Angriffswellen der Niederländer gestoppt haben. Sie haben unglaublich wenige Zweikämpfe verloren."

Es sei ihm wichtig, "diese Arbeit, die oft übersehen wird, anzuerkennen. Sie haben Andi sehr viel geholfen, die Bälle zu halten", sagte der Bundestrainer. Und der gefeierte Torhüter assistierte ihm: Seine Leistung sei auch begünstigt gewesen "durch meine tapfer kämpfenden Jungs, die für mich genau die Situationen hingestellt haben, die wir im Vorfeld besprochen hatten."

"Es war krass"

Viele Jahre konnte sich die deutsche Mannschaft auf eine bärenstarke, eingespielte Abwehr verlassen. Beim EM-Sieg 2016 wurde der Hüne Finn Lemke im Mittelblock zum national bewunderten Ein-Mann-Bollwerk, in der nächsten Generation ließen es Hendrik Pekeler und Patrick Wienczek am deutschen Kreis sehr, sehr dunkel werden. Alle drei spielen aus unterschiedlichen Gründen keine Rolle mehr im DHB-Team. Die Mannschaft war gerade auf höchstem Niveau nur noch bedingt abwehrbereit, die letzte Linie wurde zur Baustelle - mit dem unverzichtbaren Vorarbeiter Johannes Golla als einziger Konstante.

Wurde das DHB-Team in diesem Turnier bisher vor allem für die große Effizienz und viele gute Lösungen im Angriff gelobt, lag an diesem Abend der Fokus schnell auf der Abwehr. Die hatte in der Vorrunde gerade in den ersten beiden Spielen gegen Katar und Serbien viel, eher zu viel zugelassen. Die Abwehr, sie stand im Schatten, weil die Tormaschine mächtig produzierte.

Das soll vorbei sein. Steinert, einer von Gislasons Männern des Spiels, ordnete die eigene Leistung gegen die schnellen Niederländer entsprechend überaus zufrieden ein: "Mit Luc Steins, Kay Smits und Dani Baijens haben die Niederlande drei der vielleicht 30 besten 1-gegen-1-Spieler der Welt in ihren Reihen. Was wir vier da in der Mitte im Verbund mit Andreas gemacht haben, das war schon allerhöchste Schublade." Es sei "extrem wichtig zu sehen, dass wir gegen viele unterschiedliche Systeme eine gute Abwehr hinstellen können", sagte Rune Dahmke. "Das war heute extrem schwer zu verteidigen. Es war krass, was die Jungs da abgerissen haben."

"Das ist extrem gut"

Golla und Köster im Mittelblock arbeiteten aufmerksam ihre Aufgaben weg. Zwei -Meter-Mann Köster störte mit seiner enormen Reichweite immer wieder die Kreise von Steins, dem Spielmacher der Niederlande. Einmal warf der Weltklasse-Regisseur von Paris Saint-Germain einen Ball mehr vor Schreck weg, als der 22-Jährige seinen Weg nur andeutungsweise kreuzte. "Julian ist schon ein Weltklasse-Abwehrspieler", schwärmte Gislason, "weil er viel mit Beinarbeit und Kopf macht und weniger mit Härte. Das ist extrem gut." Mit Golla und Köster spielt sich nun ein neuer deutscher Mittelblock ein, "sie verstehen sich langsam blind. Wenn beide wie heute die meisten ihrer Zweikämpfe gewinnen, dann ist das natürlich fantastisch für einen Trainer."

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Das Viertelfinalticket ist gebucht, aber vorher geht es im Gruppenfinale gegen Norwegen - und die Aufgabe wird für die deutsche Abwehr nicht nur schwieriger, sondern auch ganz anders. "Es kommen jetzt natürlich ganz andere Gegner. Das waren heute viele kleine Spieler, schnell im Eins gegen Eins. Gegen Norwegen kommt wieder viel mehr aus dem Rückraum. Das werden wir entsprechend analysieren und die Abwehr umstellen", sagte Chef Golla. Und gegen die Skandinavier dürften eben ganz andere Qualitäten gefragt sein: Weniger Nahkampf am eigenen Kreis, dafür das stetige Ringen ums richtige Timing im Duell in der Ferne.

Denn während die Niederlande um den kleinen Steins auf schnelle Beine und unkonventionelle Lösungen setzen mussten, bietet Norwegen rund um Superstar Sander Sagosen, um Harald Reinkind und Magnus Röd nämlich ein gewaltiges Arsenal gefährlicher Rückraumschützen auf - und mit dem ehemaligen Magdeburger Magnus Gullerud einen körperlich starken Kreisläufer, der für seine Kollegen den Weg freisperren kann. Es wartet Schwerstarbeit im engsten Sinne auf Andreas Wolff und seine "tapferen Jungs".

Quelle: ntv.de

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