Sport

"Sehr zuversichtlich" für WM Hanning: DFB hat Handball keinen Gefallen getan

316437485.jpg

Bob Hanning erklärt, warum er sich kritisch über den DFB geäußert hat.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bob Hanning ist einer der Architekten des letzten ganz großen Erfolges der deutschen Handball-Nationalmannschaft: 2016 wird das Team in Polen mit dem von DHB-Vizepräsident Hanning installierten Bundestrainer Dagur Sigurdsson völlig überraschend Europameister. Doch nach Olympiabronze im selben Jahr wird es sportlich zäh: Nur bei der Heim-WM 2019 erreicht man noch einmal ein Halbfinale. Die Niederlage gegen Norwegen ist bis heute das letzte K.-o.-Spiel der DHB-Auswahl bei einer EM oder WM. Nun spielt die Mannschaft wieder in Polen und Hanning, der seinen Posten 2021 auf eigenen Wunsch räumte, sieht eine spannende Entwicklung. Auch, weil die Erinnerung an 2016 in der Mannschaft noch präsent ist.

ntv.de: Bob Hanning, Sie hatten vor dem Start der Weltmeisterschaft etwas provokativ den Slogan ausgegeben: "Der Handball kann jetzt den Fußball in den Schatten stellen". Sie spielten auf die vermeintliche deutsche Fußball-Verdrossenheit an, die nach den Dezembertagen von Katar herrschte. Nutzt der deutsche Handball dieser Tage die Chance, die sich ihm immer im Januar bietet, wenn der Fußball ruht?

Bob Hanning: Zunächst einmal eines vorweg: Es ging mir nie darum, Fußball-Bashing zu betreiben. Mir geht es darum, dass wir mit unserer Sportart den Zeitgeist treffen. Und ich finde schon: Das, was die Jungs bisher auf die Platte gebracht haben, ist genau das, was wir uns erhofft hatten: authentisch, ehrlich, viel Leidenschaft, viel Herzblut. Ohne die bisherigen Gegner überzubewerten, bin ich mit dem bisherigen Auftritt der deutschen Mannschaft wirklich sehr zufrieden.

Die deutsche Mannschaft gewann alle ihre vier Spiele, teilweise überaus deutlich. Das Viertelfinale ist greifbar nah. Was hat Ihnen in den ersten vier Spielen besonders gut gefallen?

Mir gefällt die Stimmung. Dass sich ganz offensichtlich junge Menschen getroffen haben, um wirklich etwas gemeinsam zu erreichen. Sie haben ein besonderes Gefühl füreinander entwickelt. Da ist es für den Moment auch nicht so entscheidend, ob wir in der Abwehr konstant gut spielen oder ob das gegen die Niederlande reicht.

Reicht es denn gegen die Niederlande? Ein Sieg am Samstag (20.30 Uhr/ ZDF und im Liveticker auf ntv.de) würde den Einzug ins Viertelfinale bedeuten.

Ja, davon bin ich fest überzeugt. Auch, weil wir bisher immer viele gute Lösungen im Angriff gefunden haben.

Besonders viele der guten Lösungen werden von Juri Knorr initiiert, der bisher ein ganz starkes Turnier spielt. Kristallisiert sich gegen die bisherigen Gegner, die bis auf Serbien allesamt in die Kategorie "Pflichtaufgabe" fielen, schon heraus, dass Knorr der seit vielen Jahren herbeigesehnte Unterschiedsspieler auf Rückraum Mitte ist?

Ich bin kein Freund davon, Denkmäler zu errichten, um sie dann später wieder kippen zu sehen. Er macht das bisher großartig, aber man muss ihm auch weiter die Entwicklungszeit geben. Es stimmt, wir hatten seit Markus Baur, der Deutschland 2007 zum WM-Titel geführt hat, keinen klassischen Spielmacher mehr auf Weltklasseniveau. Juri ist mit seinen 22 Jahren sicher schon ein überdurchschnittlicher Spieler, aber ich will mich da ganz bewusst nicht zu einem großen Satz hinreißen lassen.

Die Dramaturgie des Turniers ist wie gemalt fürs DHB-Team, man kann langsam an den Aufgaben wachsen, die Brocken kommen noch: Gibt es Indizien, die darauf schließen lassen, wie diese Mannschaft in den jetzt bevorstehenden Alles-oder-Nichts-Situationen funktioniert?

Selten hat man so einen günstigen Auslosungsstrang gehabt, das stimmt. Mit Ausnahme von Serbien war da noch kein dicker Brocken dabei, auch die Niederlande müssen machbar sein. Die Mannschaft kann innerhalb dieses Turniers immer noch wachsen. Was aber ganz wichtig ist zu sagen: Sie hat jede Aufgabe exzellent gelöst. Besser kann man es fast gar nicht machen. Dadurch konnte man sogar immer wieder früh Einsatzzeiten dosieren und Kräfte sparen. Das stimmt mich schon sehr zuversichtlich.

Bundestrainer Alfred Gislason sagte nach dem Kantersieg über Argentinien (39:19), dass so ein Lauf, wie wir ihn derzeit erleben, vieles leichter macht. Können Sie das aus der langen Erfahrung als Trainer konkretisieren, was er damit meinte?

Du baust dir Erfolg auf. Und Erfolg bringt Sicherheit. Du siehst, dass funktioniert, was du dir erarbeitet hast. Und Erfolg schmeckt nun mal süß, den Geschmack will man nicht mehr aus dem Mund kriegen. Durch die klaren Erfolge konnte man sich funktionierende Systeme entwickeln, ohne sich völlig zu verausgaben. Kraft sparen zu können, ist ein wichtiger Faktor in einem langen, eng getakteten Turnier. Die Mannschaft ist auf einem guten Weg. Ob sie in den nächsten beiden Spielen auch den Entwicklungssprung macht, ein mögliches Viertelfinale gegen große Mannschaften wie Spanien oder Frankreich zu gewinnen, werden wir hoffentlich dann sehen.

Mit Kai Häfner, Jannik Kohlbacher, Rune Dahmke, Simon Ernst und Andreas Wolff sind fünf Spieler dabei, die 2016 in Polen völlig überraschend Europameister wurden. Kann die Erinnerung an Erfolg auch ein Erfolgsfaktor sein?

Ganz sicher. Das Wissen, dass man hier schon mal etwas Großes geschafft hat, macht im Laufe des Turniers etwas mit einem, mindestens mit den Spielern, die damals dabei waren. Ich erinnere mich an das Kaffeetrinken mit Andi Wolff vor dem Finale 2016. Eines meiner größten Erlebnisse. Andi war so fokussiert, so klar, so überzeugt.

Deutschland gewann 24:17 gegen den großen Favoriten Spanien, Wolff hielt unglaublich.

Es war am frühen Nachmittag schon sonnenklar, dass er am Abend gegen die Spanier diese fantastische Leistung bringen würde. Beim Kaffeetrinken war das Finale schon entschieden. Die, die dabei waren, erinnern sich ganz sicher daran. Und alle anderen tun gut daran, dieses Gefühl auch zu entwickeln. Und ich glaube, das tun sie auch. Dennoch ist es natürlich ein weiter Weg, etwas Außergewöhnliches zu erreichen. Und 2016, das muss man sagen, hatten wir natürlich auch das nötige Quäntchen Glück.

Die deutsche Mannschaft hatte zuvor in Vor- und Hauptrunde Schweden und Russland jeweils mit einem Tor Vorsprung geschlagen, im entscheidenden Hauptrundenspiel Dänemark mit zwei Toren. Im Halbfinale gab es einen Sieg nach Verlängerung, nachdem Rune Dahmke Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit noch ausgleichen konnte. Wenn es darauf ankam, war das DHB-Team in jenem Turnier unglaublich effizient und nervenstark. Diese Qualität ging danach verloren, unvergessen ist vielen das EM-Hauptrundenspiel 2020 gegen Kroatien.

Ja, unglaublich bitter.

Lange spielte die deutsche Mannschaft wie entfesselt auf, führte zwischenzeitlich mit fünf Toren, das Weiterkommen war greifbar nahe. Am Ende verlor man 24:25. Können solche Negativerlebnisse nicht auch Einzug in die DNA einer Mannschaft halten?

Nein. Die Mannschaft hat ja schon mehrere Umbrüche hinter sich, es gibt einen neuen Flow. Ich erlebe die Mannschaft wieder so unbekümmert wie damals 2016, auch wenn einige erfahrene Spieler dabei sind. Aber nochmal: Um uns Gedanken über Dinge wie damals machen zu können, soweit sind wir noch lange nicht.

Mit Zielen hat man sich öffentlich sehr zurückgehalten. War das richtig und wie sehen die internen Ziele wirklich aus?

Ich bin ja eher ein Freund davon, große Ziele zu formulieren. Aber ich verstehe den Verband zu hundert Prozent, dass man dieser Mannschaft nicht den Druck großer Ziele aufladen wollte. Andreas Michelmann hat als DHB-Präsident gesagt, dass das Viertelfinale Pflicht ist. Etwas anderes darfst du als Präsident des weltgrößten Handballverbandes auch gar nicht sagen. Deutschland muss auf Dauer immer um Medaillen mitspielen. In der jetzigen Situation, nach schwierigen Jahren, in denen der Aufbau dieser Mannschaft unglaublich kompliziert war, ist es aber genau richtig, wie sie es gemacht haben.

Es ist ein Dauerthema im deutschen Handball, das die europäische Konkurrenz mit Verwunderung verfolgt und das den Bundestrainer nervt: Vor jedem Turnier sagen wichtige Spieler ihre Teilnahme ab, aus unterschiedlichen Gründen. Der langjährige Abwehrchef Hendrik Pekeler pausiert, Fabian Wiede, Europameister 2016, heiratet und unterzieht sich einer Kieferoperation. Vor allem Wiedes Absage wurde offen, auch aus der Mannschaft, kritisch hinterfragt. Gislason sagte zwar, dass er die Tür auch für diese Spieler offen halten werde, aber gibt es wirklich - ungeachtet der gewaltigen Qualitäten der Spieler - einen Weg zurück in das sich gerade bildende Mannschaftsgefüge?

Ich finde, dass sich diese Diskussion gerade nicht gehört. Wir sind mitten in einem großen Turnier und können noch eine Menge erreichen. Es findet gerade auch ein unglaublich wichtiger Prozess für den deutschen Handball statt. Da muss der Fokus ausschließlich auf den Spielern liegen, die da sind. Alles andere wird man, auch und vor allem mit Blick auf die Heim-Europameisterschaft im kommenden Jahr, nach der WM klären. Aber klar ist natürlich: Der Bundestrainer wird natürlich nur etwas ändern, wenn er es für nötig hält. Dafür gibt die Mannschaft aber im Moment überhaupt keinen Anlass.

Ab wann ist diese Weltmeisterschaft für die deutsche Mannschaft ein Erfolg, auch mit Blick auf die für den Verband sportlich und wirtschaftlich wichtige Heim-EM im kommenden Jahr?

Es entsteht gerade wieder eine mess- und spürbare Aufbruchstimmung, das ist schon ein Erfolg. Sportlich ist das Viertelfinale das Minimalziel, das ist ein Muss. Und das ist auch allen klar. Wir sind bei dieser WM auf einem Weg und ich bin für mich im Augenblick gar nicht bereit, darüber nachzudenken, was danach kommt.

Weltmeister Christian Schwarzer, historisch kein Freund von Ihnen, ging in der vergangenen Woche durch die Medien mit einer kontroversen Aussage: Schiedsrichterinnen, sagte Schwarzer, sollen Frauenspiele pfeifen. Dafür gab es heftigen Gegenwind, auch von den deutschen Nationalspielern. Helfen solche Vorfälle dem Handball in der öffentlichen Wahrnehmung?

Wissen Sie, ich musste mich in meiner Zeit beim DHB so oft mit Dingen auseinandersetzen, die Christian gesagt hat. Gott sei Dank muss ich das jetzt nicht mehr tun und werde es auch nicht mehr tun.

Sie haben angeprangert, wie sich der DFB bei der WM präsentiert hat, sportlich und in der Außendarstellung. Ketzerisch gefragt: Hat es der Handball nicht viel leichter als der Fußball, weil ihm schlicht die Fallhöhe fehlt?

Ein ganz klares Ja! Noch einmal: Ich bin ein großer Fußballfan, auch der Nationalmannschaft. Aber ich mag es nicht, wenn die Verbands-PR über das Sportliche gestellt wird. Die Verantwortlichen haben in Katar in schwierigen Zeiten schlicht nicht gut gehandelt. Den großen Ballsportarten - ich begreife uns da als Einheit - an sich haben sie da keinen Gefallen getan.

Nach Ägypten 2021 erleben wir derzeit die zweite WM mit 32 Teams. Finden Sie, dass sich die Aufstockung bewährt hat?

Darüber lässt sich trefflich streiten. Schon aus logistischen Gründen ist das diskutabel, denn kaum ein Land wäre heute noch in der Lage, alleine eine Handball-WM auszurichten. Man sieht auch an der Qualität einzelner Mannschaft, dass ihre Teilnahme sportlich schwer zu vertreten ist. Die andere Seite der Medaille ist, dass man den Sport entwickeln muss. Will man dauerhaft sicher olympisch sein, darf der Handball nicht auf ewig eine rein europäische Angelegenheit bleiben. Ich freue mich auch deshalb unglaublich über den Erfolg der Ägypter, die ihre Vorrundengruppe gewonnen haben und nun vor dem Viertelfinaleinzug stehen. Das tut dem Handball gut.

Mit Bob Hanning sprach Till Erdenberger

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen